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Esszwang und Unsterblichkeitswille

Autor: Manfred Schneider

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Esszwang und Unsterblichkeitswille

Körperliche und bibliothekarische Schlankheitsprogramme


Ein durchgehender Zug der Moderne ist die Verachtung der Bücher. Seit Kant beruht die Geschichtsmetaphysik auf der Vorstellung, dass die Bibliotheken ausgeräumt werden müssten. So unterschiedliche Denker wie Marx, Nietzsche und Heidegger sehen die Welt durch Lesehunger und Bücherverschlingen einem Fäulnisprozess ausgesetzt. Die Moderne leidet an der melancholischen Vorstellung, dass diese Überfütterung das heroische Gedächtnis ruiniert und dass der Ruhm zu einer beliebigen Sache wird. Auf merkwürdige Weise verbindet sich diese Diät der Bibliotheken mit einem körperlichen Schlankheitsideal, das im 20. Jahrhundert entstand. Wer lange, möglichst immer leben will, der muss schlank und cholesterinbewusst sein. Zwei Vorstellungen von Unsterblichkeit entstehen auf dem gleichen Grund der Melancholie.

Auf der Zeitungsseite Vermischtes konnte man vor einigen Jahren eine traurige Geschichte lesen: In Zagreb hatte ein Mann, dessen Name ungenannt blieb, einen dreifachen Selbstmordversuch überlebt. In diesen suizidalen Exzeß stürzte sich der Fünfundfünzigjährige aus Verzweiflung über seine Fettleibigkeit. Erst versuchte er, seine Wohnung anzuzünden, dann stach er sich ein Messer in den Leib, schließlich sprang er aus dem Fenster. Alles vergeblich. Die Bilanz dieses vorzeitig beendeten Endes: leichte Verbrennungen, eine ungefährliche Stichwunde, ein gebrochenes Bein. Die beiden letzten Angriffe auf sich und auf seine Unersättlichkeit, den Stich mit dem Messer und den Sprung aus dem Fester, überlebte der Mann dank seines durch unmäßige Weichheit geschützten Leibes. Der Überfluss der Fettreserven - Ursache seiner Todessehnsucht - bewahrte ihm das Leben.

Es ist eigentlich eine traurige Geschichte. Die Dickleibigen genießen in der westlichen Kultur keinen Respekt mehr. Vor 150 Jahren betrachtete man einen gerundeten Bauch noch als eine Art Kapital. Männer mit Embonpoint, wie es früher hieß, galten als besonders widerstandsfähig, als Leute, die „etwas zuzusetzen“ hatten und nicht gleich bei der nächsten Lebensmittelnot das Opfer von Mangelkrankheiten wurden. Lebenshilfebücher des 19. Jahrhunderts rieten jungen Frauen, bei der Partnerwahl die rundbäuchigen Bewerber zu bevorzugen. Heute aber sind die Dicken erotisch, ästhetisch und hygienisch geächtet. Im Auge einer von ewigem Leben träumenden Welt gelten sie als Kandidaten für einen frühen Tod durch Infarkt oder Schlaganfall. Gerade dieses in vielen Risikobroschüren angekündigte frühe Ende vor Augen stürzte sich unser Mann aus Zagreb in den Tod, und ausgerechnet seine todessüchtige Körpermasse hielt ihn in der Welt. Damit sind die Paradoxien noch nicht aufgezählt: Denn die Verzweiflung über das unerfüllbare Verlangen nach ein wenig Unsterblichkeit, nämlich nach einem langen Leben, zog den bedauernswerten Mann ins grelle Licht der Bekanntheit und gewährte ihm für einen Augenblick etwas mediale Unsterblichkeit. Sein unabstellbares Laster bildete ja noch ein viertes, gleichsam zeitloses Todesverlangen. Denn in seinem rabiaten Esszwang, in der Unersättlichkeit und Gier seiner Zähne arbeitete offenbar auch jene zielgerichtete Maschinerie, die Sigmund Freud den Todestrieb genannt hat.1 Der Todestrieb nach Freud ist die Selbstauslöschung am Ende einer langen Wiederholungsreihe von Zwangshandlungen: sich zu Tode arbeiten, sich zu Tode trinken, sich zu Tode essen. Doch auch die Todestriebbefriedigung blieb dem armen Mann versagt.

Aber verstehen wir diese Esssüchtigen eigentlich richtig? Ein solch unstillbarer Hunger, ein solch todestriebhafter Verzehr hat auch etwas Mythisches, etwas absurd Großartiges. Jeder Gefräßige, jeder Vielesser zeigt auch heroische Züge, denn seine Gier verfolgt offenbar das geheime Ziel, sich die ganze umgebende Objektwelt einzuverleiben, alles Genießbare in ihr zu verzehren. Geht es dem Gefräßigen nicht vielleicht darum, sich als ein Übermensch der Zähne durch die Dichte und Masse der Dinge ins Glück durchzuarbeiten? Denn man erinnert sich daran, dass auch das Märchen vom Schlaraffenland den Zugang zum Paradies, zum ewigen seligen Leben, nur als Prämie einer gewaltigen Verzehrleistung eröffnete. Sieht man dies recht, dann wäre die Tat unseres kroatischen Lebensmüden vielleicht nur ein Akt der Verzweiflung über die unbezwingbare Masse der Dinge, über die Unmöglichkeit, die ihn umgebende störende Objektwelt selbst unter äußerstem Einsatz der Zähne und des Schlundes zu immaterialisieren. Es ist Schwermut über die Unmöglichkeit, durch Verzehr jene freundlichen Weiten zu eröffnen, nach denen es die Schwermut so verlangt.2 Die suizidale Melancholie des Gefräßigen entsteht angesichts der ewigen Wiederkehr der Brote, Würste, der gebratenen Hühner, angesichts der Big-Mac-Fließbänder und der sich immer wieder füllenden Bierfässer. Könnte man doch die gesamte Welt austrinken! Für diese Lesart spricht ja auch, dass der traurige Hausgott der Melancholiker Saturn ist, der Vater der Götter und Vater der Menschen. Weil Saturn seine eigenen Kinder verzehrte und weil ihn die Gier nach rohem Fleisch nicht verließ, wurde er auch der Alles-Verschlinger genannt. Saturn ist der melancholische Gott, der, wie es in einem orphischen Fragment außerdem heißt, „sämtliche Götter in sich hineintrank“.3 Aber warum tat er dies alles? Warum diese rigorose Einverleibung alles Göttlichen und Menschlichen? Nicht aus Appetit oder Gaumenlust verschlang Saturn Sterbliche und Unsterbliche, sondern aus tragischer Verzweiflung. Mit ohnmächtiger Macht wollte er dem Orakelspruch entgehen, der ihm seinen Sturz und Absturz in den Tartaros durch die eigenen Kinder angekündigt hatte. Auch der saturnalische Vielfraß, der melancholische Völler ist einer, der sich aus schwermütiger Angst vor dem Ende die gesamte verzehrbare Biomasse seiner Umwelt einverleibt. Der trübsinnige Fette trägt daher unter seiner Haut die Schlacken einer unvollständig verschlungenen, einer unverschlingbaren Welt.

Wir wollen versuchen, unseren Selbstmörder aus Zagreb daher als einen melancholischen Menschen zu verstehen. Als einen fernen Verwandten des traurigen Saturn, der sich durch rastlosen Verzehr in der Welt halten wollte. Betrachtet man den unbezwingbaren Hunger unter diesem Vorzeichen, dann stellt sich die Gefräßigkeit als altehrwürdiges Laster dar, das mit untauglichen Mitteln zwar, aber doch unter höchster Anstrengung die eigene Unsterblichkeit sichern soll. Was heute durch Diäten, Leistungssport, Jogging und Kalorienzählen angestrebt wird, der Betrug des Lebens um den Tod, das versucht auch der Melancholiker, wenn er nicht nur Kinder und Kindeskinder, sondern die ganze Welt zu verschlingen sucht, die seine Ewigkeit bedroht. Während sich der Jogger bis zum Erscheinen der ersten irreversiblen Zeichen des Alters in dieser Illusion halten kann, dass er von den Gesetzen der Natur ausgenommen bleiben könnte, stößt der melancholische Vielfraß unaufhörlich auf die Vergeblichkeit seines Tuns. Er ist eine tragische Gestalt und erinnert an den berühmten Sisyphos, der ewig seinen Felsen den Berg empor wälzte, um ihn dann unvermeidlich wieder zu Tale sollen zu sehen. Indem wir dem Zagreber Allesverschlinger und Lebensmüden unser Mitgefühl schenken, wollen wir doch die Frage stellen, wie es in der modernen Welt um Ruhm und Unsterblichkeit bestellt ist.

Unsterblichkeit durch Massenverzehr, das ist allerdings eine vieldeutige Sache. Sie erinnert unmittelbar an ein von Ernst Jünger gern zitiertes Wort4, das Chateaubriand auf den Lippen des Feldherrn Napoleons gelesen haben will. In den untätigen Augenblicken der Schlacht, wenn alle Reserven auf dem Marsch waren, weil die Front der französischen Armee unter den feindlichen Attacken dahinsank, immer dann also, wenn die Reihen seiner Soldaten besonders rasch und dramatisch abschmolzen, soll Napoleon gemurmelt haben: „Voilà une grande consommation“ – „welch ein starker Verzehr!“.5 Die grande consommation, die unbegrenzte Vergeudung von Gütern und Menschen, die dem Feind in den Rachen geworfen werden, ist nach Marcel Mauss, dem Ethnographen des Tauschs, in vielen Kulturen eine äußerste Form, Prestige zu erwerben.6 Das ist der so genannte potlatsch. Der potlatsch ist ein Vergeudungs-Wettstreit, ein rituelles Schenkungs-Duell zweier Männer: Je mehr einer der beiden in diesem Wettstreit der Großzügigkeit, der Opferbereitschaft, der Verlustgier dahingegeben hat, desto größer das am Ende erworbene Ansehen. Der Sieger ist ruiniert, aber er gewinnt dafür enormes Prestige und großen Ruhm. Jedes Feldherrnduell, jede Schlacht, lässt sich daher auch als Vergeudungsduell betrachten. Der Traum von der Unsterblichkeit rechnet nicht selten mit Leichenbergen.

Nach der Gesetzgebung des Philosophen Platon hingegen war Unsterblichkeit eine verbindliche Bürgerpflicht. Jeder männliche Athener sollte mit dreißig bis fünfunddreißig Jahren heiraten, und im Falle der Weigerung drohten Geldbußen bzw. Ehrenstrafen. Der Athener sollte nicht nach Art des Gottes Saturn seine Kinder verzehren, sondern er sollte Kinder zeugen. Diese biopolitische Vorschrift begründete Platon mit der Erwägung, dass das menschliche Geschlecht durch einen Naturtrieb an der Unsterblichkeit teilhaben will. Wörtlich heißt es in Platons Gesetzesschrift, den Nomoi: „Naturgemäß trägt ein jeder jedes erdenkliche Verlangen in sich, berühmt zu werden und nicht namenlos im Grab zu liegen.“7 Nun kann aber - das scheint ebenso naturgemäß - nicht jeder Mensch an dieser körperlosen Unsterblichkeit teilhaben, an dem dauerhaften Weiterleben; das Ruhm heißt. Aber, so kommentiert Platon sein Gesetzesvorhaben weiter, „es wäre nicht fromm, sich der Unsterblichkeit der Gattung bzw. des eigenen Volkes zu widersetzen.“8 Die persönliche Unsterblichkeit verdient man sich durch Sicherung der Staats- und Volksunsterblichkeit. Platons Nomoi sind freilich bald zweieinhalb tausend Jahre alt. Gegenwärtig aber bestätigt sich aber jenes Wort von Andy Warhol, dass jeder, wirklich jeder, wenigstens 15 Minuten lang berühmt sein kann. Die Inflation dieser unkörperlichen Unsterblichkeit, die die Medien gewähren, steht in einem statistisch signifikanten Verhältnis zur wachsenden Kinderlosigkeit des okzidentalen Menschen. Macht vielleicht dieser Jedermann-Ruhm unfruchtbar?

Der Soziologe Zygmunt Baumann machte nun seinerseits die melancholische Feststellung, dass die Moderne damit begonnen hat, die Unsterblichkeit als Prämie für besondere, für großartige, für heroische Leistungen zu demokratisieren.9 Das ist leicht nachzuvollziehen. Wer bekannt werden will, der muss den visuellen Raum mit dem eigenen Bild füllen. Der Ruhm verlangt, dass ein Bild von Millionen Augen verzehrt wird. Man denke nur an die privilegierte Sichtbarkeit des Siegers, der auf einer dreistufigen Treppe oben steht, oder an die Lichtkegel, die den Popstar aus dem Dunkel reißen oder an den Staatsmann, der von einem erhöhten Platz aus der Menge zuwinkt. Diese Situation, da sich ein Leib unter der Wirkung von Massenblicken rituell in Unsterblichkeit einsalbt, hat heute das Massenglotzen im Fernsehen inflationiert. Auf dem TV-Bildschirm sichtbar zu werden, das heißt: aus dem Grab der Anonymität, der Unerblicktheit emportauchen, und in die Sehgruben von Millionen hineinstürzen. Die Ansammlung der Blicke, das ist immer schon das optische Ereignis des Ruhms.

Aber wie hat sich das geändert! 1807 erblickte Bettina Brentano den Kaiser Napoleon, den Mann der grande consommation, in Frankfurt auf offener Straße. Sie selbst berichtet: „Er blieb stehen, blickte in die Höhe, sah mich starr an, es stürzten mir Tränen aus den Augen, ich zitterte und konnte mich nicht erhalten (...) ich hätte die Hände ringen mögen auf offener Straße.“10 Und wen hat heute das händeringende Mädchen gesehen, das am Rande der Ohnmacht ruft: „I have seen him, I have seen him?“ Den Popstar Michel Jackson! Napoleons Schatten und Michel Jacksons Kunstkörper tauchen inzwischen in den gleichen Hallen des Ruhmes auf, und die gleiche hysterische Erregung zollt ihrer Unsterblichkeit den Tribut. So finden sich die wenigen Helden der politischen Bühne und der Schlachten heute in einer Masse von gleich Berühmten Medienstars wieder. Sie stehen mitten in einer Armee von Lorbeerträgern, denen sie keine Befehle mehr erteilen, die sie nicht mehr durch das Feuer einer grande consommation schicken können. Das ist die Demokratisierung des Ruhmes. Auch an der Geschichte, so will es die Moderne, beteiligen sich immer mehr. Das Personal der Heldentaten schwillt ins Unendliche. Nicht mehr die Namen der einsamen Heerführer Alexander, Karl der Große, Dschingis-Khan, Napoleon, Wellington gehen in die Gedächtnisse ein. Den Namen des Helden umschwirren heute wie Essigfliegen unzählige weitere Namen, die sich an dem großen Ruhm mästen. Zygmunt Baumann geht so weit zu sagen, dass diese Masse der Unsterblichkeitskleinaktionäre das vielbeschworene Ende der Geschichte mitherbeigeführt haben. Die Welt hört auf, sich zu drehen, weil auf ihr die endgültige Gleichheit, die Entropie der Unsterblichkeit erreicht ist: „Je mehr es für alle möglich war, Geschichte zu machen, desto mehr ging die Aussicht verloren, sich dadurch vor anderen auszuzeichnen, und damit schwanden auch die Anziehungskräfte und Verlockungen, Geschichte zu machen.“11 Das ist die Melancholie einer Moderne, die sieht, dass der Ruhm dem gleichen Entropiegesetz unterliegt wie die Gasmoleküle in einem geschlossenen Topf. Bereits Franz Kafka wußte zu erzählen, dass Bucephalos, das hundertfach schlachtenerprobte Pferd Alexanders des Großen, den Doktortitel erworben hat und in die Anwaltskammer eingetreten ist, um sich mit stillem Studium der alten Gesetzesbücher zu begnügen.12 Die eigentlich von Gott erwählten Helden greifen nicht einmal mehr im Kindesalter nach den Holzschwertern, weil sie sehen, dass alle Menschen zugleich Helden und Kammerdiener geworden sind. Keine Mutter träumt mehr davon, dass ihr Sohn Schlachten gewinnt, sie träumt, dass er einen Grand-Slam-Titel holt. Wir sind alle Helden, weil wir unsere Namen bereits vervielfacht und verewigt haben. Wir sind Kammerdiener im Sinne Goethes und Hegels, weil wir die wahren Helden nicht bei ihren einzigartigen Taten, sondern vor allem bei der Paarung beobachten wollen. Wir interessieren uns nicht für ihr Genie und für ihre einsame Qual, sondern für ihren Ödipuskomplex und ihre Hämorrhoiden. Der Kammerdiener Napoleons heute und damals sieht in erster Linie, dass sein Herr Löcher in den Socken hat, dass er an Krampfadern leidet und an Achselnässe. Zu Recht fragt er: Das soll ein Held sein?

Dennoch ist diese Situation, dass sich die Unsterblichkeit durch Massen hindurcharbeiten muß, dass feindliche Leiber verzehrt oder die eigenen Massen zusammengeschmolzen werden müssen, nicht neu. Der Augenblick des Überlebens, sagt Elias Canetti in seinem großen Buch Masse und Macht, das ist der Augenblick der Macht.13 Je mehr Schlachten der Krieger überstanden hat, desto größer sein Triumph, desto größer seine Unverletzlichkeit. Wer solche Augenblicke des Überlebens häuft, der kann das Gefühl der Unsterblichkeit erlangen. Ihm singt die Welt bereits zu Lebzeiten Choräle.14 Bedenken wir nur für einen Augenblick, wie es das Vorbild aller Unsterblichkeitsanwärter, wie es Gott macht. Gott, das wissen wir, hüllt sich in eine Art privilegierter, erhabener Unsichtbarkeit. Aber von seiner Existenz ahnten doch jene wenigen Auserwählten etwas mehr, die einmal das Glück hatten, den Himmel zu begehen und in seine Nähe zu gelangen. Einer der Seligen, die die allerhöchste Himmelssphäre erreichten, war Dante, der Autor und Held der Göttlichen Komödie. Dante, der die Hölle und den Läuterungsberg durchwandert hatte, betrat zuletzt das himmlische Paradies. Im 29. Gesang seines Berichts über das Paradiso schildert er den erhabenen Anblick, den die gewaltigen Schwärme der Engel bilden:

So hoch empor stuft sich die Zahl der Engel,
Daß niemals eine Sprache ward gefunden,
Noch Menschendenken, das so weit hin reichte.
Und wenn Du schaust, was Daniel enthüllte,
Siehst Du, daß doch in seinen Tausendzahlen
Noch eine feste Anzahl liegt verborgen.15

Nicht nur unzählbar, sondern selbst, wenn sie zählbar wären, gäbe es keine Sprache für diese Zahlen. Gott ist umschwirrt von Engelsmassen wie der Teufel von Fliegenschwaden. Diese Heere der Engeln singen dem Herrn ihr Lob, und einen irdischen Widerhall findet dieser Gesang dort, wie Canetti sagt, wo die Unsterblichkeitskandidaten, wo die Berühmten ihrerseits Chöre sammeln, Chöre von Lobsängern. Die himmlische ebenso wie irdische Unsterblichkeit, die Erfüllung des Wunsches, nicht namenlos im Grab zu liegen, erfordert Sänger, Chorsänger des Namens. Und wer das gut macht, der steigert die eigenen Chancen auf ein Nachleben seines Namens. Wer die Namenlosigkeit Gottes und die Unzählbarkeit der Engel in großartigen Gesängen feiert, wie Dante oder wie Hildegard von Bingen, der singt sich wiederum in das Gedächtnis der Menschheit hinein. Jeder Ruhm verschafft auch den Zutritt zum Chor Gottes.

Dieser kurze Besuch im literarischen Himmel Dantes sollte nun einen Vorgeschmack auf das Folgende geben. Es geht nämlich um Metaphysik. Auch die Metaphysik ist ein Gotteschor. Sie ist ein philosophischer Gotteschor, denn sie versucht, mit den Mitteln der Vernunft die unsichtbare Hand Gottes in den Ereignissen der Welt nachzuweisen. Was hat Metaphysik mit Mengen und Massen zu tun? Antwort: Das moderne Gotteslob, der moderne Chor der Metaphysiker, die die oberste Leitung der Welt, der Geschichte und der Weltgeschichte feiern, zehrt von einer geradezu verzweifelten Lösung des Mengenproblems. Die Metaphysik ist auch eine Art von Selbstmord aus Massenverzweiflung, aus wahrer Mengenschwermut, eine Kapitulation vor voluminösen, schwerverdaulichen Menus. Wie viel Unglück, Schmerz und Elend muss der Metaphysiker verdauen, wenn er die Welt als in allen Einzelheiten gottgewollt darstellen möchte? Im Herzen dieser modernen Metaphysik sitzt daher nicht der Geist, dem Hegel die Mission übertrug, sich durch Zeiten und Räume zu verstreuen und wiederzufinden; im Herzen dieser Metaphysik sitzt vielmehr ein melancholischer Saturn, der sich gefräßig Ereignismassen und vor allem Büchermengen einverleibt, Massen von Daten und Meinungen, die der Geschichte auf dem Wege zum Heil im Wege stehen. Denn alles, was den Zweifel bestärkt, dass es doch keine unsichtbare Gotteshand gibt, die die Welt steuert, müssen die metaphysischen Lobredner Gottes aus der Welt schaffen. Wie das geht, werden wir gleich sehen. Zunächst ist es ganz offensichtlich, dass diese Metaphysik der Moderne buchstäblich aus Büchern und aus Büchervernichtungen hervor gewachsen ist. Büchermassen sind, das sieht sich leicht ein, ein gewaltiges Problem für die Unsterblichkeit von Autoren. Jeder Autor muss seinen Ruhm Hunderten von Konkurrenten abringen. Dass überhaupt jeder Künstler seine Unsterblichkeit auf den Vergessensleichen so vieler anderer errichten muß, dieses Problem tauchte bereits früh auf, und die Geschichtsmetaphysik der Aufklärung bildete eine Art schlauer Zwischenlösung.

Die vielen Bücher (der anderen) sind bereits im ausgehenden Mittelalter ein großes Melancholiethema. Riesige Bibliotheken waren aus der Antike überliefert, dazu wuchs unaufhörlich die jährliche Produktion der lebenden Autoren: Das konnte einen Leser wie einen Autor niederschmettern. Aber gerade mit seinem Werk Anatomie der Melancholie. Über die Allgegenwart der Schwermut, ihre Ursachen und Symptome sowie die Kunst, es mit ihr auszuhalten von 1621 erreichte der englische Theologe Robert Burton den Rang der Unsterblichkeit. Die Melancholie war Burtons Thema, weil sie sein Schicksal war. Wo aber kommt diese Krankheit her? Burtons Schwermut litt sowohl an der Sterblichkeit als auch an der Masse der Bücher. Unmöglich diese Bücher alle zu verzehren:

„Wer aber ist ein solcher literarischer Vielfraß, daß er alles, was auf den Markt kommt, zur Kenntnis nehmen könnte. Wie schon jetzt werden wir uns mit einem immensen Chaos von Büchern, einem solchen erstickenden Durcheinander herumschlagen müssen, daß uns die Augen vom Lesen und die Finger vom Umblättern schmerzen.“16

Das sagte Burton 1620. Doch bereits drei Jahrhunderte zuvor, zu Zeiten also, da die jährliche Buchproduktion der Schreiber in ganz Europa noch zu wenigen Hunderten zählte, klagte die gelehrte Welt über die Masse des Geschriebenen. Der große italienische Dichter Petrarca ließ im 43. Kapitel seines Moraltraktates Über die Mittel beiderlei Glücks aus der Mitte des 14. Jahrhunderts zwei allegorische Personen, die Freude und die Vernunft, über das viele Lesen und Schreiben diskutieren. Die Vernunft erwähnt eine Erzählung aus der Historia Augusta, wonach dem späteren römischen Regenten Gordian II. von einem Freund zweiundsechzigtausend Bücher geschenkt worden sein sollen.17 Eine solche Menge, das hieße, sagt Petrarcas Vernunft, den „Geist durch die Masse der Dinge morden und verschütten.“18

Ermordung und Verschüttung des Geistes durch Büchermassen fürchtet also bereits das 14. Jahrhundert. Martin Luther will zwei Jahrhunderte später dem Unheil noch einmal Einhalt gebieten, indem er die Gläubigen als lectores unius libri, als Leser eines einzigen Buches, in die Warteschleife vor der ungewissen Zuweisung der Gnade schickt. Nur die Bibel, die Bibel und noch einmal die Bibel. Die Vermehrung und Beschleunigung der Buchproduktion gibt jedoch in den folgenden Jahrhunderten immer mehr Anlaß zu endzeitlichen Klagen. 1718 brachte Leibniz die Schreckensvision zu Papier, dass in 1000 Jahren die Bibliotheken das Ausmaß von Staaten (civitates) erreicht haben werden.19 Wir nähern uns hier bereits der modernen Erfindung der Geschichtsmetaphysik. Rasch noch will sie die heranwachsenden Bücherstaaten dem Erdboden gleichmachen. Sie will mit den Massen aufräumen. Was aber hat man aber vor der Erfindung der Metaphysik mit den riesigen Bibliotheken, die den Geist ersticken, mit den unverzehrbaren Büchermassen gemacht, die dem Geist den Weg zu seiner Unsterblichkeit verrammeln? Man hat sie einfach gesammelt und verzettelt. Seit dem 17. Jahrhundert erscheinen Kompendien, die den Anspruch erheben, alle je niedergelegten Schriften vollständig aufzulisten. Der Gelehrte Konrad Gesner verfaßte zwischen 1545 und 1555 seine Universalbibliothek oder auch: Bücherschatz aller Schriften in drei Sprachen, in vier Bänden. Diese Universalbibliothek umfaßte ihrem Anspruch nach also alle Bücher seit Adam und Eva, die hebräisch, griechisch und lateinisch abgefaßt worden sind: Als flankierende Maßnahme forderte eben dieser Konrad Gesner im Vorwort seines Buches staatliche Gesetze und richterliche Maßnahmen zur Eindämmung der Bücherflut.20

Die Moderne läßt sich beschreiben als eine rasend gewordene Massenfurcht, als eine Mengenidiosynkrasie, oder sagen wir: als eine Inflationspanik. Vor allem gegen das Wuchern der Bibliotheken bot sie nun die aufgeklärte Geschichtsmetaphysik auf. Der Zusammenhang wird schlagartig klar durch eine Bemerkung Immanuel Kants. Kant ist der theoretische Ahnherr jener Vision, die Denker wie Hegel und Marx sowie zahllose Theoretiker des Sozialismus und des liberalen Fortschrittscredos miteinander verbindet. Gemeinsam ist ihnen der Gedanke einer kontinuierlichen oder auch revolutionären Verbesserung der Verhältnisse durch eine Logik der Geschichte selbst. Man könnte es auch den weltlichen, den politischen, den säkularen Messianismus nennen. In einer Schrift aus dem Jahre 1784 Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlichere Absicht entwickelt Kant das metaphysische Konzept, die „allgemeine Weltgeschichte nach einem Plane der Natur, der auf die vollkommene bürgerliche Vereinigung in der Menschengattung abziele, zu bearbeiten.“21 Zu den guten Gründen, die er für einen solchen Gedanken anführt, gehört auch der Hinweis, dass es spätere Generationen mit einer ungeheuren Last von Geschichtsdaten zu tun haben würden. Die schiere Menge der Daten und Dokumente mache es mithin unabweisbar, heute bereits für die Vorzeit und für die Jetztzeit nur noch solche Ereignisse und Bücher zur Kenntnis zu nehmen, die weltbürgerliche Absichten verfolgen. Das heißt: Als relevant für die Historie gilt nur noch das, was dem utopischen Endziel der Geschichte dient. So zeigt sich plötzlich am Horizont eine Lösung für das Problem, das noch Robert Burton quälte. Wer soll die vielen Bücher lesen? Wer hat einen solchen Magen, um sich durch diese Büchermassen bis zur Unsterblichkeit durchzubeissen? Kant hat die Lösung gefunden. Wie sieht sie aus? In die Geschichte wird ein saturnalisches Prinzip eingebaut. Das sorgt für eine grande consommation von unpassenden Daten und fehlleitenden Werken: Alle Bücher und Diskurse, die nicht den Fortschritt, das Endziel der Geschichte, die Unsterblichkeit der Geschichtsvernunft in Aussicht stellen, werden in den Magen des Saturn verbannt. Und Kant gibt für ein solches Verfahren auch methodische Argumente an. Seine Begründung der Geschichtsmetaphysik verarbeitet übrigens die gleichen Daten, denen auch unsere Lebensversicherungen ihr Entstehen verdanken: die Erkenntnisse der Bevölkerungsstatistik. Kant weist darauf hin, dass doch die Statistik, die erst wenige Jahrzehnte alt ist, den Beweis für eine gottgewollte Regelmäßigkeit in unserer von Kontingenzen geschüttelten Welt erbracht habe.22 Immer ein paar Menschen mehr werden geboren, als sterben. Immer etwa gleich viele männliche und weibliche Kinder werden abgenabelt. Ist das nicht ein göttlicher Fingerzeig für eine heimliche gezielte Steuerung der Welt? Die teleologische Geschichte Kants folgt daher methodisch der Datenverarbeitung der Statistik. Pragmatisch löst sie das Mengenproblem der historischen Buchhaltung. Wenn wir nur noch die Ereignisse und Bücher Werke ernstnehmen, die unsere geschichtsteleologische Theorie bestätigen, denn sinken ganze Bibliotheken ins Vergessen.

Das erweist sich nun als folgenreiche Verbindung: die Bevölkerungsstatistik, die genaue Berechnung der Regelmäßigkeiten in Geburt und Tod auf der einen Seite, und zugleich damit die Erfindung des Durchschnitts, aus deren Retorte später der Durchschnittsmensch hervorgehen wird. Statistik und Durchschnitt hören nicht auf, die Geschichtsmetaphysiker zu beschäftigen und Gründe für die Verschlankung der Bibliotheken zu liefern. Die Verbindung ist zwar noch nicht sogleich hergestellt, aber sie funktioniert bald, nachdem die letzten Zweifler bekehrt sind. Zum Beispiel Friedrich Schiller. Am 26./27. Mai 1789 hält Schiller seine Antrittsvorlesung in Jena über die Frage Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Die Fragen, die er darin stellt, schließen an zwei Vorgänger an: an Leibniz (den Mann, der sich vor den künftigen Bibliotheksstaaten fürchtete) und an Kant, der die Beseitigung der überflüssigen Dokumente statistisch und pragmatisch forderte. Schiller fragt: Wie kann ich das riesige Chaos der Geschichte, der Geschichtsdaten ordnen? Für den Philosophen, sagt er dann, ist es einfach. Für ihn empfängt beim Studium der Geschichte jedes Ereignis einen vorbedachten Sinn. Der Philosoph kann einfach nicht anders. Er sieht allenthalben eine lenkende Hand, denn die Erkenntnis vernünftiger Zwecke ja ist seine Profession. Er ist ja auch Staatsbeamter. Aber Schiller lässt doch noch einmal den alten Zweifel sprechen. Er fragt: Hält eine solche professionelle, amtliche Vernunft auch den hard facts stand? Welches Ergebnis kommt dabei heraus, wenn der Philosoph Kants metaphysische Brille aufsetzt, alle Ereignisse der Weltgeschichte noch einmal durchgeht und die Vernunft mit den Einzeldaten in Einklang zu bringen sucht? Ergebnis:

„[Der Philosoph] sieht [sich] durch tausend bestimmende Fakta bestätigt und durch ebenso viele andre widerlegt; aber solange in der Reihe der Weltveränderungen noch wichtige Bindungsglieder fehlen, solange das Schicksal über so viele Begebenheiten den letzten Aufschluß noch zurückhält, erklärt er die Frage für unentschieden, und diejenige Meinung siegt, welche dem Verstande die höhere Befriedigung und dem Herzen die größre Glückseligkeit anzubieten hat.“23

Beim Versuch also, die in der Zeit anfallenden Ereignisse, Reden, Handlungen, Schlachten, Revolutionen, Attentate als Anzeichen eines vernünftigen Ganges der Dinge zu entziffern, erhält der Philosoph sowohl Bestätigungen als auch Dementis. Das Spiel von Vernunft und Unvernunft in der Geschichte endet damit erst einmal unentschieden. Nun kann in der Philosophie der Geschichte eine Entscheidung nicht durch Elfmeterschießen erzwungen werden. Stattdessen schließt der Philosoph eine Wette ab. Dabei befolgt er nur das berühmte Pascalsche Kalkül, das so lautet: Sofern Sie auf Gott setzen, bedenken Sie die zwei Möglichkeiten: „Wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles; wenn sie verlieren, verlieren Sie nichts.“24 Der Universalhistoriker Schiller setzt also auf Gottes Vernunft, nämlich auf das neue geschichtsmetaphysische Konzept, weil es ihn intellektuell und emotional mehr befriedigt. Jetzt wartet er geduldig darauf, dass ihm die Geschichte sagt, ob er gewonnen hat oder nicht. Das war 1789. Gut dreißig Jahre später erklärt Hegel in seinen Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte die Wette für gewonnen, indem er feststellt: „Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an (...).“25 Hegels Vernunft gewinnt in der Geschichte jede Wette, weil alle Vernünfte und Unvernünfte exklusiv für sie arbeiten. Aber noch in die Zeit vor Hegel fällt die Erfindung der Geschichte für die Literaturgeschichte. Auch sie ist keine Wette mehr, auch sie hat der Vernunft den Sieg gleich zugewürfelt. 1801 hält August Wilhelm Schlegel in Berlin vor zahlendem Publikum seine privaten Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst. Und gleich in der ersten Vorlesung stellt er die Frage, inwiefern die zufälligen Weltereignisse einem vernünftigen Prozeß zuzurechnen sind. Bevor er die Antwort gibt, geht Schlegel jedoch über zur Frage, welche Daten der Geschichte denn überhaupt dieser Aufmerksamkeit wert sind:

„Die Geschichte verliert sich (...) in zwecklose und ermüdende Überhäufung, wenn sie nicht ein Prinzip für die Auswahl der Thatsachen hat. Alle sind darüber einig, daß sie nur das merkwürdige aufzeichnen soll. Was ist denn nun merkwürdig? Nicht das alltägliche, aber auch nicht das außerordentliche und wunderbare, wenn es weiter nichts bedeutet und keinen daurenden Einfluß hat. (...) Jeder edlere Mensch fühlt aber in sich ein Streben der Annäherung an etwas unerreichbares, und dieß selbige Streben legt er der ganzen Gattung bey, die ja nur das unsterbliche Individuum ist. (...) Folglich ist alle Geschichte Bildungsgeschichte der Menschheit zu dem was für sie Zweck an sich ist, dem sittlich guten, dem wahren und schönen.“26

Damit triff Schlegel zwei wichtige Feststellungen. Er sagt: Die Geschichte wäre nur eine sinnlose Anhäufung von Datenmassen, wenn man kein Prinzip für ihre Auswahl hat. Nun, welches Prinzip nehmen wir? Wir nehmen das natürliche Prinzip, das bereits Platon in seinen Gesetzen festgehalten hat. Alle wollen unsterblich werden. Niemand möchte namenlos im Grab liegen. Dieses Bestreben haben alle. Wir werden alle unsterblich, wenn wir alle nach dem sittlich Guten, Wahren, Schönen streben. Nur solche Bücher wollen wir noch lesen, die uns in diesem Bestreben bestärken. Den gleichen Gedanken, man könnte sagen, den gleichen Trick der Bibliotheksverschlankung findet man August Wilhelms Bruder Friedrich Schlegel.“27

Auf diese Weise also bringt die Romantik das Saturnprinzip in die Welt. Die ganze Menschheit lechzt nach Unsterblichkeit. Und dieses Verlangen kann nur durch eine grande consommation der vielen überflüssigen Daten und Werke befriedigt werden. Es wird nur noch aufgeschlagen und buchstabiert, was dem hohen Ziel der Geschichte dient; alles andere kommt in den Magen des Saturns. Das ist Metaphysik aus Datenüberfluß und Lesenot. Denn genau in die Zeit, da die Schlegels und Hegels die Bibliotheken leerräumen, entsteht in der Leserwelt eine neue Krankheit. Das ist die Lesesucht. Während früher die Menschen nach Luthers Rezept nur ein Buch oder vielleicht ein paar Bücher immer und immer vorgenommen haben, rennen die Leute seit Ende des 18. Jahrhunderts immer wieder zu den Buchhändlern und verlangen neue Bücher. Diese neue Krankheit der Lesesucht wird in vielen Büchern der Epoche dramatisch beschrieben. Seitdem spricht man auch davon, dass Bücher und Büchermassen verschlungen werden. Die Melancholie und Saturnkrankheit ergreift ganze Bevölkerungen. Man kann das einmal in der Lebensgeschichte Anton Reiser von Karl Philipp Moritz, die 1883 erschien, nachlesen. Da berichtet der Autor, wie er als Schüler sein ganzes Geld an Buchhandlungen und Antiquariate verschwendete, weil sein Lesehunger nicht zu stillen war. Aber auch der Geschichtsmetaphysiker Karl Marx spricht im 19. Jahrhundert davon, dass es sein Schicksal sei, als eine Bücherverschlingmaschine zu arbeiten, um alle diese Bücher auf den „Dunghaufen der Geschichte“ zu werfen.

Noch vernehmlicher ergeht dieser Ruf nach einem Vergessen der gewaltigen historischen Wissensmasse, des Ballastes an Schriften und Monumenten, in Friedrich Nietzsches „unzeitgemäßer Betrachtung“ Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben von 1874. Nietzsche erlaubt die Feststellung, dass die hinderlichen Büchermassen nicht nur durch die Erfindung der Metaphysik, der erlösenden Geschichte, beseitigt werden können, sondern auch wieder durch ihre Abschaffung. Er fürchtet weniger wie Leibniz das exponentielle Wachstum der Bibliotheken als die Dungwerdung des Geistes durch Lektüre. Im ersten Teil des Zarathustra heißt es: „Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken.“ Denn es geht Nietzsche nicht mehr um die Vervollkommnung des Lebens, um das Ziel des Guten, Wahren, Schönen, sondern um das Lebendigmachen des Lebens. Und dafür ist Geschichte in jeder Form nur Ballast. Mit dieser raschen Abschaffung der Metaphysik rückt Nietzsche die großen Männer, die Hegel nur als Angestellte der List der Vernunft gelten lassen wollte, wieder in eine souveräne Position ein. Unsterblichkeit, sagt Nietzsche, erwirbt man sich durch Taten und nicht durch Bildung. Verzweifelt ruft er aus:

„Überstolzer Europäer des neunzehnten Jahrhunderts, du rasest! Dein Wissen vollendet nicht die Natur, sondern tötet nur deine eigne.“28

Wissen machte den Europäer kurzatmig und adipös. In seinem Magen liegen die Bücher wie Steine, auf seinen Hüften wogt das Fett der Lektüren. Wie kann er damit unsterbliche Taten vollbringen? Doch wenn ein ganzes Volk nicht namenlos im Grabe liegen will, dann muss es eine rücksichtslose saturnische Gefräßigkeit, das Vergessen der Wissensmassen einüben. Ohne Diarrhö der Bücher keine Fitness für die große Tat, für die unsterbliche Aktion. Wer liest, dem sinkt bereits das Schwert aus der Hand. Aber wer außer Nietzsche weiß das noch? Ein Jahrhundert, bevor Zygmunt Baumann seine melancholischen Beobachtungen zur Demokratisierung und zum Niedergang der Unsterblichkeit anstellte, erklärte Nietzsche:

„Die Kärrner haben unter sich einen Arbeitsvertrag gemacht und das Genie als überflüssig decretiert - dadurch daß jeder Kärrner zum Genie umgestempelt wird.“29

Es gibt mithin zwei Massen, die die Unsterblichkeit ruinieren: die schieren Wissensmassen, die stinkenden Bücherhaufen, das Fett der Bildung; und die demokratisierten Massen, die zu Genies beförderten Kärrner, die vielen Viertelstundenberühmtheiten. Es ist nicht schwer zu sehen, dass vor allem der Metaphysiker Kant die Probleme geschaffen hat. Beide Bauelemente seiner Metaphysikerfindung, die Durchschnitte sowie der Gedanke von dem zähen Bildungsplan der Geschichte, sie kommen nun Nietzsches Unsterblichkeitsbewegung in die Quere: Denn die Geschichte hat nach Nietzsche nur eine Aufgabe. Sie soll Mittlerin sein im Geistergespräch der Unsterblichen, der Riesen aller Zeiten, „um wieder zur Erzeugung des Grossen Anlass zu geben und Kräfte zu verleihen.“30

Die neue Schwermut, wenn man so sagen darf, die neue Saturnkrankheit leidet nicht mehr allein wie Burton an der Unlesbarkeit, an der Unverdaulichkeit der Büchermassen, die sich noch weiter vermehren. Sie leidet auch an den lebendigen Massen, an dem Gewimmel der kleinen Geister. Dieses Leiden läßt in den Büchern des 19. und 20. Jahrhunderts den Fluch auf den Durchschnitt, auf den von Kant mitbegründeten Durchschnitt, allenthalben so laut ertönen. Als gäbe es den Durchschnittsmenschen, der doch eine reine Zahlenfiktion ist. Als erhöbe der Durchschnitt den Anspruch darauf, nicht namenlos im Grabe zu liegen. Doch genau in diesem Wahn ruft Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse aus:

„Die Mittelmäßigen allein haben Aussicht, sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen - sie sind die Menschen der Zukunft, die einzig Überlebenden; ‘seid wie sie! werdet mittelmäßig!’ heißt nun die alleinige Moral.“31

Es ist dann Martin Heidegger, der diese schlimme Moral des Ruhmes in seiner Einführung in die Metaphysik von 1935 so weit einschränkt, dass er sagt: „Nietzsches Werk [ist] immun gegen alle täppischen und läppischen Zudringlichkeiten des heute um ihn noch zahlreicher werdenden Schreibervolkes.“32 Nietzsches Wahrheit blitzt nur in dem von ihm erfundenen Geistergespräch auf. In diesem Geistergespräch mit Nietzsche erlernte Heidegger die melancholische Verachtung des Durchschnitts und des Mittelmaßes, die das legitime Unsterblichkeitsverlangen des Genies behindern. Während aber Nietzsche doch die wenigen Dokumente gelten lassen wollte, in denen sich die Grösse ausspricht, weil ihre Aufgabe ja darin liegt, wieder Grösse möglich zu machen, räumt Heidegger mit einer rabiaten Geste die gesamten okzidentalen Büchermassen beiseite, um wieder auf die zuletzt bei den Griechen laut gewordene Stimme des Seins zu lauschen. Alles andere ist nur die Apokalypse des Mittelmaßes:

„(...) auf der Erde, um sie herum, geschieht eine Weltverdüsterung. Die wesentlichen Geschehnisse derselben sind: die Flucht der Götter, die Zerstörung der Erde, die Vermassung des Menschen, der Vorrang des Mittelmäßigen.“33

Die Herrschaft der Mittelmäßigen ist in Heideggers Worten zugleich eine Herrschaft der Verständigkeit, die eine Sache bloßer „Übung und massenhafter Verteilung“ sei. Und unter die „massenhafte Verteilung“ fallen die Bücher und Schriften, denn: „Alles Literaten- und Ästhetentum ist nur eine späte Folge und Abart des zur Intelligenz umgefälschten Geistes.“34

Diese Worte fallen etwa zur gleichen Zeit, da der Dichter Elias Canetti seinen Roman Die Blendung abschließt. Der Roman endet mit dem feierlichen Autodafé der Hauptfigur, des zuletzt wahnsinnig gewordenen Kien, der im Entwurf zuvor noch Kant hieß. Kien ist ein Gelehrter mit einer Bibliothek von alexandrinischen Ausmaßen, und sein wahnwitziger Feuertod inszeniert beinahe wörtlich Nietzsches Traum aus der Schopenhauer-Betrachtung, „(...) dass der Gelehrte eines Tages sich besinnt, sein Testament macht und verordnet, sein Leichnam solle inmitten seiner Bücher, zumal seiner eignen Schriften, verbrannt werden.“35 Dieses Ende von Elias Canettis Roman Die Blendung, der 1935 erschien, fasst eine ganze Reihe zeitgenössischer Tendenzen zusammen. Sie reichen von der Bücherverbrennung am ersten Mai 1933 bis hin zu jenen philosophischen Saturnalien der Büchermassen, für die Heidegger stellvertretend sprach. Man weiß, dass auch ein Sammler wie Kien auf seine Weise ein Überlebensstratege, ein Unsterblichkeitskandidat ist, denn die Masse, die er um sich aufhäuft, die Büchermasse zum Beispiel, ist ein anderer ewiger, ein ewig fetter Körper. Anders als unser kroatischer Selbstmörder, der auch seine Wohnung in Brand setzte, ist Canettis melancholischer Held Kien dürr, er ist ein Doppel des dürren, vom Bücherverzehr eingeschrumpften Ritters der traurigen Gestalt Don Quichotte. Aber Kien verfügt über den dicksten Bücherleib in der Stadt, Kien besitzt die größte Bibliothek. Kien ist sehr weit gekommen in seinem Versuch, die Welt von den Büchern, von der Lesefäulnis zu reinigen. Welch eine verrückte und erhabene Geste, wenn er sich am Ende unter lautem Lachen mitsamt seinen Büchern in Brand setzt! Aber der Wahnsinn hat doch Methode. Es ist die letzte und äußerste Überbietung. Denn woraus besteht die Moderne mit ihrer verzweifelten Überlebenssehnsucht? Sie besteht aus Überbietungen. Die Überbietung ist ihr Gesetz. Und der Wahnsinn, der große theatralische Wahnsinn, schließt eine sichere Wette auf die Unsterblichkeit ab. Wo gab es vorher eine solche grande consommation von Bücherleibern und Bücherleben?

Wir wollen aber hier doch noch eines anderen Bücherwahnsinnigen gedenken, eines nicht den Büchern entsprungenen, sondern eines eben glücklich dem Henker entsprungenen, grausamen mörderischen Büchersammlers. Es ist der Magister Johann Georg Tinius, ein Geistlicher, der zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts seinerseits eine riesige Bibliothek zusammenkaufte, zusammenstahl und zusammenmordete.36 Tinius ist ein lehrreiches Beispiel dafür, dass die alexandrinische Bücherwut keineswegs die Gelehrten den Taten entfremdet, wie Nietzsche meinte. Tinius bekleidete ein Amt als Pfarrer zu Poserna in Sachsen. 1764 geboren, kam er aus einfachen Verhältnissen, und nur eine lange Reihe von Gönnern ermöglichte ihm den Schulbesuch und später das Studium. Seine erste Frau starb im Kindbett, seine zweite Frau, eine verwitwete Oberförsterin, die er 1801 heiratete, versetze ihn in die Lage, in größerem Maße seiner Leidenschaft des Bücherkaufens nachzugehen.37 In ganz Europa erwarb und ersteigerte Tinius Bibliotheken verstorbener Gelehrter. Den Nachlass des berühmten Theologen Nösselt schnappte er 1810 sogar dem König von Preußen vor der Nase weg, indem er ihn um 400 Taler überbot. Aber bei diesen Aquisitionen stürzte sich der Geistliche immer tiefer in Schulden, die offenbar nicht mehr durch sein Einkommen, durch die Mitgift oder durch Banken zu decken waren. So setzte seine kriminelle Karriere ein, bei der vieles im Dunklen liegt. Tinius wurde1813 verhaftet und wegen Raubmordes angeklagt.38 Er hatte mit großer Wahrscheinlichkeit in Leipzig eine wohlhabende Witwe erschlagen und ihre Wertpapiere geraubt. In seinen Schränken fand man lange Listen von vermögenden Leuten in den umliegenden Orten. Der Indizien- und Zeugenprozeß zog sich über Jahre hin, und erst 1820 wurde Tinius wegen Unterschlagung und Raubmordes zu achtzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Er entging dem Henker, weil im Auge der Richter noch ein winziger Rest zur vollständigen Wahrscheinlichkeit der Tat blieb. Tinius, der alle Schuld entrüstet abgestritten hatte, ging in die Berufung und wurde 1823 erneut verurteilt. Das Berufungsgericht verringerte die Strafe lediglich auf zehn Jahre. Bereits 1821 war die Bibliothek des Raubmörders versteigert worden. Der Mann, der die Schmach der öffentlichen Amtsentkleidung, den Prozeß, die Scheidung von seiner Frau, die Trennung von seinen Kindern und die lange Haft klaglos durchgehalten hatte, stürzte darüber in wahre Verzweiflung. Der Auktionskatalog seiner Bibliothek umfaßte mehr als 60.000 Bände.39 Es sind genau die sechzigtausend, die Gordian erbte und die nach Petrarca den Geist verschütten. Als Tinius1835 das Gefängnis verließ, verfaßte er noch eine Reihe von Schriften über das Ende der Welt, über den jüngsten Tag, über den angeblich bevorstehenden Weltuntergang und über die Apokalypse des Johannes. Er starb 1846, immerhin 82jährig.

Der Prediger Tinius war wie alle Bibliomanen und Apokalyptiker ein Melancholiker. Der melancholische Apokalyptiker hat den einzigen Vorteil, dass ihn kein Unglück unvorbereitet trifft. Immerhin verschaffte sich Tinius durch seinen gewaltigen, gewalttätigen Bücherfraß ein gewisses Renommé. Es gibt zwar berühmtere Verbrecher. Aber auch er liegt nicht ganz namenlos im Grabe. Und es soll auch hier noch etwas mehr für seinen Namen getan werden.

Es ist unübersehbar, dass der Prediger Tinius, der gegen den Weltuntergang schrieb, seine manische Aktivität auf dem Buchmarkt exakt zu dem Zeitpunkt aufnahm, als die Gebrüder Schlegel ihre metaphysische Literaturgeschichte entwarfen, die auf eine radikale Entleerung der Bibliotheken hinauslief. Und hatten sie nicht im Gefolge von Kant buchstäblich alle Büchermassen beseitigt wissen wollen, die den Gang der Menschheit hin zur Unsterblichkeit behinderten? Kann man sich nicht vorstellen, ja, liegt es nicht geradezu auf der Hand, dass sich Tinius in seiner Weltuntergangssorge von Kants Plan zur Rettung der Menschheit dazu antreiben ließ, die Welt von den vielen Büchern zu reinigen? Spricht nicht alles dafür, dass er keineswegs am Haben der Bücher interessiert war, sondern an ihrer Entfernung aus der Welt? So wie der Gefräßige alle Organe seines Leibes dafür einsetzt, die feindlichen Objekte aus der Welt zu räumen, sich im Verzehr zu verzehren, so schien der wahnsinnige Büchersammler, der Büchermörder kein anderes Ziel zu kennen, als die übrige Welt von der Last der Bücher zu befreien, indem er sich selbst die Qual aufbürdete, sie bei sich zu stapeln. Es sind allesamt Melancholiker: Petrarca, Burton, Leibniz, Kant, Hegel, Nietzsche, Heidegger, um nur diese Namen zu wiederholen, es sind Saturnisch-Schwermütige. Die Bücherberge oder die Bibliotheksstaaten künden ihnen das apokalyptische Unheil an. Gegen diese Gefahren setzten sie ihre Philosophie der Bücherfeindschaft, der Büchervernichtung. Aut liberi aut libri, entweder Kinder oder Bücher, lautet ein lateinischer Aphorismus, und der spielt auf die platonische Unsterblichkeitspolitik, auf die Biopolitik der platonischen Akademie an. Entweder Kinder oder Bücher, und das heißt: entweder Kinder zeugen, um unsterblich zu werden, oder Bücher schreiben oder in die Bücher eingehen. Aut liberi aut libri, es gibt nur die beiden Optionen auf Unsterblichkeit.

Aber aus saturnalischer Sicht, also aus der Sicht derjenigen, die mit dem saturnischen Orakel leben, nämlich mit der Angst, von den Kindern in die Hölle geschickt zu werden, heißt der gleiche Aphorismus vielleicht: Entweder werden mich die Kinder töten oder die Bücher. Vielleicht hat der Büchermörder Tinius sein saturnalisches Amt im Dienste der idealistischen Metaphysik nur unbewußt getan, vielleicht war er - im Hegelschen Sinne - lediglich ein kleiner Angestellter im Betrieb einer romantischen List der Vernunft. Aber was kann man denn Größeres für die Philosophie des Geistes tun? Aus Petrarcas Sorge, dass die vielen Bücher, zumal die sechzigtausend Bücher des Gordian, den Geist morden und verschütten, leitet er die Mission her, wiederum sechzigtausend Bücher aus der Welt zu ziehen. Ist das nicht eine Rettungstat? Ein Kommentator, der den Versteigerungskatalog der Bibliothek des Büchermörders studiert hat, war der Ansicht, dass es sich mehr um die Sammlung eines „Schartekisten als (...) eines Schöngeistes“ handelte.40 Ist dies nicht erst recht der Beweis, dass Tinius sich geopfert hat, um die Massen der schlechten Bücher, kosten sie, was sie wollen, aus der Welt zu entfernen, die Welt in einen bibliothekarischen Reinzustand zu versetzen? Gibt es ein schöneres Amt für einen Pfarrer, als sich so für die Unsterblichkeit der Menschheit zu opfern? Für diese Lesart spricht auch, dass Tinius mehr als tausend bibliographische Werke gesammelt hat, die ihm einen vollständigen Überblick aller in der europäischen Welt zirkulierenden Bücher erlaubte. Er schien noch viel vorzuhaben, ehe ihn die Gerichte verurteilten.

In einer seiner letzten Schriften mit dem Titel Der jüngste Tag, ob, wie und wann er kommen wird? zitiert der Magister Tinius zuletzt aus einer offenbar apokryphen Schrift des großen englischen Astronomen Sir John Herschel über den Mond. Auf dem Mond gibt es danach außer Wald, Wiesen, Blumen und anderen paradiesischen Gefilden auch menschenähnliche Wesen. Die begnügen sich wie ihre fernen Verwandten auf der Erde auch nicht damit, ihrem Ende und dem Ende ihrer Welt tatenlos entgegenzublicken. Auf dem Mond gibt es nach Herschels Erkundigungen mit dem Teleskop zwar keine Bücher, wohl aber ein Kunstgebäude, das als gleichförmiges Dreieck aus poliertem Saphir erbaut ist und in der Sonne Myriaden von Lichtfunken schimmern lässt. Dieses Gebäude, berichtet Tinius am Ende seines Buches über das Ende der Welt, sei ein Tempel oder Denkmal für die Nachwelt auf dem Monde. Auch auf dem Monde sorgt man für Unsterblichkeit.

Magister Tinius, blutiger, saturnischer Schriftenfresser und melancholischer Messias einer bibliotheksreinen Welt, Held einer grande consommation alter nutzloser Bücher, Tinius verdient, nicht namenlos im Grabe zu liegen.

Manfred Schneider ist Professor für Neugermanistik an der Ruhr-Universität-Bochum. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Literatur, Ästhetik, Diskurstheorie, Literatur und Recht, Geschichte der Befragungen, Medien, Fernsehtheorien und Kulturkritik. Mehr Informationen.

Fußnoten

1 Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips . In: S. F.: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Unter Mitwirkung von Marie Bonaparte, Prinzessin Georg von Griechenland, herausgegeben von Anna Freud u.a. Frankfurt/Main 1940-1968, Bd. XIII, S. 1-69.

2 Zum Term „freundliche Weiten“ vgl. Michael Balint: Angstlust und Regression. Beitrag zur psychoanalytischen Typenlehre. Mit einer Studie von Enid Balint. Reinbek 1972, S. 30ff.

3 Zum Kronos/Saturn-Mythos vgl. Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und Kunst. Übersetzt von Christa Buschendorf. Frankfurt/Main 1992, S. 30.

4 Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz. In: E.J.: Werke. Stuttgart o.J., Bd. 7, S. 110.

5 Chateaubriand: Mémoires d’outre-tombe. Édition nouvelle établie d’après l’édition originale et les deux dernières copies du texte avec une introduction, des variantes, des notes, un appendice et des index par Maurice Levaillant et Georges Moulinier. 2 Bde. Paris 1951 (Bibliothèque de la Pléiade), Bd. I, S. 773.

6 Marcel Mauss: don, contrat, échange. In: M.M.: Oeuvres. Présentation de Victor Karady. Paris 1968-69, Bd. 3. Cohésion sociale et divisions de la sociologie, S. 29ff.

7 Platon: Nomoi 721 b/c. In: Platon: Werke in acht Bänden. Griechisch und deutsch .Hg. von Günther Eigler. Darmstadt 1977, Bd. 8, bearbeitet von Klaus Schöpfsdau, S. 271f. Übersetzung von mir umgestellt.

8 Ebda.

9 Zygmunt Baumann: Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien. Frankfurt/Main 1992.

10 Hans Magnus Enzensberger (Hg.): Requiem für eine romantische Frau. Die Geschichte von Auguste Bussmann und Clemens Brentano. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen überliefert von H.M.E. Berlin 1988, S. 7.

11 Baumann: Tod, Unsterblichkeit (Anm. 9), S. 259.

12 Franz Kafka: Der neue Advokat. In: F.K.: Gesammelte Werke. Taschenbuchausgabe in sieben Bänden. Hg. von Max Brod. Frankfurt/Main 1982, Erzählungen, S. 111.

13 Elias Canetti: Masse und Macht. 2 Bde. München 1976, Bd. 1, S. 249.

14 Canetti: Masse und Macht (Anm. 13), Bd. 2, S. 137.

15 Dante Alighieri: Die göttliche Komödie. Italienisch und deutsch. 6 Bde. Übersetzt und kommentiert von Hermann Gmelin. München 1988, Bd. III, S. 352f.

16 Robert Burton: Anatomie der Melancholie. Über die Ursachen der Allgegenwart der Schwermut, ihrer Ursachen und Symptome sowie die Kunst, es mit ihr auszuhalten. Aus dem Englischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Ulrich Horstmann. Zürich und München 1988, S. 26.

17 Historia Augusta. Römische Herrschergestalten. Eingeleitet und übersetzt von Ernst Hohl. Hg. von Johannes Straub. 2 Bde. Zürich, München 1976-1985, Bd. II, S. 53f.

18 Francesco Petrarca: De remediis utriusque fortunae. Zweisprachige Ausgabe in Auswahl, übersetzt und kommentiert von Rudolf Schottlaender. München 1975 (Humanistische Bibliothek Reihe II: Texte Bd. 18), S.

95. 19 Beleg und Nachweis in Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe. Herausgegeben von Wolfgang Promies. München 1968-1992, Bd. IV, S. 105 (Anm. zu KA 257)

20 Konrad Gesner: Bibliotheca universalis, seu catalogus omnium scriptorum locupletissimus in tribus linguis Graeca, Latina, Hebraica exstantium etc. 4 Bde. Zürich 1545-55, S. 4.

21 Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. In: I.K.: Werke in zehn Bänden. Hg. von Wilhelm Weischedel. Darmstadt 1983, Bd. 9, S. 31-50, S. 47.

22 Kant: Idee (Anm. 21), S. 33.

23 Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalhistorie? In: F.S.: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert. München 41965-67, Bd. 4, S. 749ff, S. 764.

24 Blaise Pascal: Pensées et opuscules. Hg. von Léon Brunschvicg. Paris 1959, S. 439 (Nr. 233).

25 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. In: G.W.F.H.: Werke in zwanzig Bänden (Theorie Werkausgabe). Hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. Frankfurt/Main 1969-71, Bd. 12, S. 41.

26 August Wilhelm Schlegels Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst. Erster Teil (1801-1802) Die Kunstlehre. Heilbronn 1884 (Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts 17). Reprint 1968, S. 12.

27 „Zu einer vollständigen Geschichte der Literatur gehört notwendig auch diejenige der neueren Nationen. (...), allein bei uns Neueren ist die außerordentliche Menge des Vorhandenen kein kleines Hindernis. Man ist gezwungen, an das Studium des Unbedeutenden, was im Umlauf ist, viel Zeit zu verschwenden. Die Menge des Neuen verdrängt oft das vordringlichste Alte .“ In: Friedrich Schlegel: Geschichte der Europäischen Literatur (1803-1804). In: Kritische Friedrich-Schlegel Ausgabe. Hg. von Ernst Behler unter Mitwirkung von Jean-Jacques Anstett. Bd. 11, zweite Abteilung. München etc. 1958, S. 4.

28 Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. In: F.N.: Werke in drei Bänden. Hg. von Karl Schlechta. München 1954, Bd. I, S.209-285, S. 267.

29 Nietzsche: Vom Nutzen (Anm. 28), S. 256.

30 Nietzsche: Vom Nutzen (Anm. 28), S. 270.

31 Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. In: F. N.: Werke (Anm. 28), Bd. II, S. 737.

32 Martin Heidegger: Einführung in die Metaphysik. Tübingen 1966, S. 27f.

33 Heidegger: Einführung (Anm. 32), S. 34.

34 Heidegger: Einführung (Anm. 32), S. 35

35 Friedrich Nietzsche: Schopenhauer als Erzieher. In: F.N.: Werke. (Anm. 28), Bd. I, S. 287-365, S. 310.

36 Meisterlich recherchiert und nacherzählt von Detlef Opitz: Der Büchermörder. Frankfurt am Main 2005.

37 Merkwürdiges und lehrreiches Leben des M. Johann Georg Tinius, Pfarrers zu Poserna in der Inspektion Weißenfels. Von ihm selbst entworfen. Halle 1813. Nachdruck Heidelberg 1924.

38 Darstellung in: Der neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Hg. von Dr. J. E. Hitzig und Dr. W. Alexis. Vierter Theil. Leipzig 1843, S. 149-223.

39 Verzeichniß der Bibliothek des M. Johann Georg Tinius, ehemaligen Predigers zu Poserna, welche Montags den 5. November u. f. T. 1821 im rothen Collegio zu Leipzig gerichtlich versteigert werden soll. Weißenfels o.J.

40 G.A.E. Bogeng: Nachwort zu Tinius: Merkwürdiges Leben (Anm. 35), S. 21.- Ganz anders allerdings Günther Hildebrandt: Berüchtigte Bibliophilen: Johann Georg Tinius. In: Die Bücherstube II (1923), S. 51-57.

Veröffentlicht am 23 May 2013

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