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Wiener Speisezettel österreichischer antiquarischer Köstlichkeiten

Autor: Dieter Tausch

Buchhändler: Dieter Tausch Antiquariat & Galerie

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Wiener Speisezettel österreichischer antiquarischer Köstlichkeiten

Ein Fokus auf Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geistesleben um 1900 im Zentrum der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Beim heutigen internationalisierten Handel versteht es sich von selbst, daß die Ware des Antiquars grenzüberschreitend auf allen fünf Kontinenten eingekauft und überallhin verkauft werden kann. Ebenso selbstverständlich ist aber die nicht unberechtigte Annahme, daß man Bücher und Grafiken zumeist dort vorfindet, wo sie entstanden sind. Und so findet man im österreichischen Antiquariat und Kunsthandel sowie in den Auktionen naturgemäß gehäuft österreichische (Gedanken- und Ideen-) Produktion.

Eine speziell österreichische Speisekarte ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit soll hier skizzenhaft vorgelegt werden, Erscheinungen im Leben des Antiquariats, die – hauptsächlich in Wien und vorrangig im jüdischen Intellektuellenmilieu – gedacht, geschrieben, erfunden, verlegt, gedruckt und (meist) verkauft worden sind. Kunst und Wissenschaft, die sich hier in einem hochsensiblen Klima gegenseitig und autochton befruchteten (auch der Wiener Jugendstil hat eine sehr autarke Entwicklung abseits von München, Barcelona etc. genommen und mit der französischen Art Nouveau oder dem englischen Liberty-Stil wenig gemein).

Die FackelKeine Stadt auf dem Kontinent – außer vielleicht Berlin – war um die Jahrhundertwende so fruchtbar mit Künstlern, Literaten, Philosophen, Wissenschaftlern und Denkern bestückt wie Wien. Einer Avantgarde, die bis heute spürbar nachwirkt (noch stärker wirkt allerdings nach, daß diese intellektuelle Avantgarde von den Nationalsozialisten in die Emigration gezwungen oder ermordet wurde). Die geistige Produktion dieser außerordentlichen Menschen befruchtete und beflügelte damals Verleger, Kunsthändler, Antiquare und natürlich Sammler. Somit gibt es eine gewisse Fokussierung unseres österreichischen Handels auf Wien um die Jahrhundertwende, welche wir – ganz willkürlich - beginnen lassen mit dem Erscheinen von Theodor Herzl’s „Der Judenstaat“ 1896 (PMM 381). PMM = Carter/Muir, Printing and the Mind of Men, 1967; deutsch: Bücher, die die Welt verändern, München, Prestel 1968. Den Überblick „Was sich in Wien so tut“ beenden wir im Jahre 1936, in dem der Gründer des (zweiten) Wiener Kreises und Freund Ludwig Wittgensteins , Moritz Schlick, in der Universität Wien erschossen wird. Im selben Jahr erscheint die letzte Nummer der Zeitschrift „Die Fackel“ von Karl Kraus (seit 1899 922 Nummern in 415 Heften). Karl Kraus: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte“.

Innerhalb dieser Zeitspanne verliert Oskar Kokoschka seine Puppe Alma, die er sich schneidern ließ, nachdem Witwe Mahler ihr Heiratsversprechen nicht eingehalten und Walter Gropius den Vorzug gegeben hatte. Elias Canetti (Nobelpreis für Literatur 1981) schreibt sein Erstlingswerk „Die Blendung“, das 1936 in Wien erscheint – mit einer Illustration von Alfred Kubin auf dem Schutzumschlag. Ludwig Wittgenstein zieht als Freiwilliger in den ersten Weltkrieg, beendet im Sommer 1918 seinen „Tractatus“ (unverständlich warum nicht in PMM!) und baut 1926 bis 1928 einen modernen Kubus von Haus für seine Schwester als Stadtpalais, das bald zum Treffpunkt des Wiener Kreises um Moritz Schlick wird (Carnap, Mach, Wittgenstein, Hahn, Menger, Von Mises, Gödel, Neurath, Maler und Mahler, Komponisten, Architekten etc.). Richard Gerstl nimmt sich das Leben, weil Mathilde Schönberg aus Vernunftgründen bei Arnold bleibt, der bei Gerstl die Malerei erlernen wollte (was ihm meiner Meinung nach nicht gelungen ist). Dafür geht Arnold Schönberg in die Musikgeschichte ein und publiziert 1925 „Eine neue Zwölfton-Schrift“ (PMM 414). Ganz alleine hat Schönberg diese neue Zwölftontechnik nicht entwickelt, zumindest Alban Berg, Anton Webern und Josef Matthias Hauer waren nicht unwesentlich daran beteiligt. Arthur Schnitzlers „Reigen“ erscheint 1903 mit Buchschmuck von Berthold Löffler, drei Jahre nach einer limitierten Auflage von 200 Stück für den Freundeskreis, wird 1920 uraufgeführt und führt zu einem fulminanten Theaterskandal in Berlin und Wien sowie zu gerichtlichen Nachspielen.
Wiener Speisezettel österreichischer antiquarischer Köstlichkeiten
Peter Altenberg, Karl Kraus und Adolf Loos fahren gemeinsam zum Baden an den Lido in Venedig – Besuch mehrerer „Birraria’s“ und „Bierreria’s inklusive. 1905 erhält Bertha Sophia Felicita Baronin von Suttner den Friedensnobelpreis. Ihr berühmtes Werk „Die Waffen nieder“ war schon 1889 erschienen und ihre kurze Romanze als Gräfin Kinsky mit Alfred Nobel in Paris (die für den späteren Preisstifter „unerfüllt“ blieb) lag ein Vierteljahrhundert zurück. Sigmund Freud veröffentlicht seine wichtigste Arbeit „Die Traumdeutung“ 1900 bei Deuticke (PMM 389), die alle Grundzüge der psychoanalytischen Theorie und Praxis enthält. In Wien studiert Joseph Roth und kleidet sich schön, schreibt Stefan Zweig, der 1910 nach Indien fährt, in Wien lebt Hans Kelsen und lehrt die reine Rechtslehre.

Im Jahre 1903 wird die „Wiener Werkstätte“ von Josef Hoffmann, Kolomann Moser und (finanziell) Fritz Wärndorfer aus der Taufe gehoben. Eine ganz allgemein „zur Hebung der Kunst und des Kunsthandwerks“ erfundene Institution – vergleichbar vielleicht mit dem kurze Zeit später entstandenen „ Deutschen Werkbund“ oder dem „Bauhaus“. 1905 hatte die WW bereits über hundert Kunstschaffende als Mitarbeiter und arbeitete mit der Wiener Secession und der Wiener Kunstgewerbeschule zusammen, hatte Verkaufsstellen unter anderem in New York, Berlin und Zürich. 1932 kam das Ende der Wiener Werkstätte. Vor allem die Weltwirtschaftskrise und die Verarmung des Bürgertums (die klassische Klientel) waren dafür verantwortlich. Dieser herrlichen Institution, deren Produkte heute international begehrt und gesucht sind, verdankt das Antiquariat vor allem Grafik und Druckgrafik, Plakate, Bucheinbände und Postkarten (über 1000 Motive, die teilweise im vierstelligen Eurobereich gehandelt werden), all dies auf höchstem Niveau und auch heute noch unserem Geschmack entsprechend, ein wahrer Aufbruch in die Moderne. Nicht zu vergessen sind Almanache, Kataloge, Mappenwerke, Kalender, Vorlagenbücher etc. sowie als Gesamtkunstwerk das einsame herrliche Palais Stoclet in Brüssel, das zur Gänze von der Wiener Werkstätte (nach Entwürfen von Josef Hoffman) ausgeführt wurde. Leider enthalten uns die Erben einen Besuch vor. Ein weiteres Gesamtkunstwerk verdanken wir der Wiener Werkstätte: Das Cabaret Fledermaus 1907 bis 1913, die dort entstandenen Drucksorten sind ein Paradiesgärtlein für die aufmerksame Antiquarin. Die WW haben uns auch Kokoschkas wunderbare „Träumende Knaben“ beschert.
KachelofenbuchDie KünstlerInnen, die im Bereich unseres Antiquariatsinteresses (also hauptsächlich Papier) für die Werkstätten gearbeitet haben, sind Legion und legendär: Von Carl Otto Czeschka über Heddi Hirsch, Rudolf Kalvach, Mela Köhler, Oskar Kokoschka, Maria Likarz, Editha Moser und Dagobert Peche bis zu Egon Schiele – um nur ein paar wenige zu nennen. Selbstverständlich arbeiteten diese Künstler auch materialübergreifend für die Wiener Werkstätte. Das berühmteste Buch über diese fruchtbare Einrichtung ist 1929 in Wien erschienen, wurde oft als „Kachelofenbuch“ bezeichnet und ist im Antiquariatshandel begehrt und teuer.

Großen Durst haben Oskar Kokoschka und Georg Trakl, der eine nach Alma, der andere nach Gretl. Sie trösten sich gegenseitig in exzessiven Räuschen in Kokoschkas Atelier und Robert Musil hypochondert in der Unteren Weißgerberstraße. Martin Gerlach bringt in seiner Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ mit Band 22 eine Ikone des Wiener Jugendstils heraus: „Die Nibelungen“, illustriert von Carl Otto Czeschka. Sechs Jahre nach Berta von Suttner wird der österreichische Friedensaktivist Alfred Hermann Fried (Handbuch der Friedensbewegung 1905) mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
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Die Kunstzeitschriften boomen: exemplarisch „Ver Sacrum“ (1898 bis 1903), exklusiv und der zeitgenössischen österreichischen Szene verbunden – vorbildgebend für andere Kunstzeitschriften. „Kunst und Kunsthandwerk“ (1898 bis 1921), opulent gestaltete Monatszeitschrift mit Nachrichten aus dem in- und ausländischen Kunstleben. „Die graphischen Künste“ (1879 bis 1933), ebenso opulent gestaltete Vierteljahreszeitschrift, der modernen Kunst gegenüber fortschrittlichst aufgeschlossen. Ganz avantgardistisch dem Frühexpressionismus verpflichtet „Der Ruf“, dessen fünf Nummern 1912/1913 in loser Folge erschienen und die zu den ganz großen Seltenheiten im Antiquariat gehören. Fast ebenso selten und gesucht: „Die Fläche“, herausgegeben von Baron Felician Myrbach 1903/1904 in zwölf Lieferungen 1910/1911 erschien eine zweite Folge, die es aber nur mehr auf zwei Lieferungen brachte. Österreichweit gibt es in diesen Jahren an die zwanzig einflußreiche Kunstperiodika.

Ebenso blühten die Wissenschaften: drei Nobelpreise in der Medizin: Bárány (1914 für seine physiologischen Arbeiten) veröffentlichte außerdem ein Buch über die Seekrankheit 1911. Julius Wagner Jauregg ( 1927 für Arbeiten über Syphilis und Malaria). Karl Landsteiner (1930 für die Entdeckung der Blutgruppen), siehe PMM 149. Zwei Nobelpreise jeweils in Physik und Chemie: Erwin Schrödinger (1933), siehe PMM 417 und Viktor Franz Hess (1936) als Physiker, Fritz Pregl (1923) und Richard Adolf Zsigmondy (1925) als Chemiker.
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In diesen Jahren malt Oskar Kokoschka seine „Windsbraut“, Klimt seinen „Kuß“, Oppenheimer seine „Philharmoniker“, Egger-Lienz das „Finale“, Gerstl die „Familie Schönberg“, Schiele die „Tote Mutter“, Kalvach schafft seine großen Holzschnitte über das Triestiner Hafenleben, Auchentaller seine sensationellen Plakate und Schmuckentwürfe und überall entstehen Werbung, Kataloge und Plakate, die von den zeitgenössischen Wiener Künstlern gestaltet werden. Weder Ver Sacrum noch die Wiener Werkstätte hätten ohne die Künstler der Wiener Secession entstehen können. Sie wurde 1897 von Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann, Josef Maria Olbrich, Max Kurzweil, Josef Engelhart, Ernst Stöhr, Wilhelm List, Carl Moll und anderen gegründet. Wo findet der Sammler noch originales Material wie zum Beispiel Fotos und Plakate, Einladungen, Programme und Werbebroschüren von verschiedenen Eröffnungen und Veranstaltungen, wenn nicht in Wien? Adolf Loos (Ornament und Verbrechen, 1908), vordergründig ein Gegenspieler der Wiener Secession, baut das Haus am Michaelerplatz und die American Bar, Otto Wagner (Veröffentlichung „Die Groszstadt“, Wien 1911) die Kirche am Steinhof, die Postsparkasse und Stadtbahnstationen und Josef Maria Olbrich das Wohnhaus von Hermann Bahr, dem berühmten Theater- und Literaturkritiker, und das Gebäude der Secession. Gustav Mahler komponiert das Lied von der Erde und Hofmannsthal, Mitbegründer der Salzburger Festspiele und viermalig (erfolglos) für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, schreibt den „Jedermann“ und „Das Salzburger Große Welttheater“. Während der inzwischen schon recht betuchte Doktor aus der Berggasse die Witwe von Gustav Mahler mahnen läßt, die Kosten für einen gemeinsamen Spaziergang mit dem Komponisten und Hofoperndirektor zu bezahlen.

Moritz Schlick, Professor für Naturphilosophie an der Universität Wien und in stetigem Briefwechsel mit Albert Einstein, Max Planck, Werner Heisenberg, Ludwig Wittgenstein, Bertrand Russel etc. (höre Autographenfreundin!) hatte also den elitären Gesprächsklub „Wiener Kreis“ gegründet, der wöchentlich seinen Jour fixe hatte. Unter den berühmten Mitgliedern, die von den meisten Nichtmitgliedern eifersüchtig beneidet wurden, ist wohl Otto Neurath, der schon dem Ersten Wiener Kreis seit 1907 angehört hatte, eine für das Antiquariat besonders interessante Figur: Er war eigentlich Nationalökonom und sein größtes Verdienst ist es , die Wiener Bildstatistik erarbeitet zu haben, fortan bezeichnet als Isotype (International system of typographic picture education): „Bildstatistik nach Wiener Methode in der Schule“, Jugend und Volk, 1933. Neurath war im Austromarxismus engagiert und mit Victor Adler befreundet.

Daß der österreichische Antiquariatshandel (vor allem in Wien und Salzburg) auf dem Gebiete der Photogaphica eine international bedeutende Rolle spielt und als Hort der Akquise für Sammler und Händler bekannt ist, verdanken die Kollegen so schillernden Namen in der Geschichte der Fotografie wie Arthur Benda, Josef Maria Eder,Martin Gerlach, besonders Dora Kallmus, Rudolf Koppitz und Heinrich Kühn. Sicher kann man auch davon ausgehen, daß die Anwesenheit von Regisseuren wie Fritz Lang, Michael Kertész, G.W.Pabst und Max Reinhard in diesem intellektuellen Reigen ohne Ende Spuren hinterlassen hat.(Das Ende dämmerte mit dem zunehmenden Aufkommen faschistischer Strömungen in Europa, vor allem in Österreich selbst und in Deutschland, und die hier beschriebene Zeitspanne mit ihren künstlerischen und intellektuellen Leistungen endete abrupt im März 1938). Diese war selbstverständlich mit ihrer Aufbruchstimmung und der versuchten Verabschiedung vom neunzehnten Jahrhundert auch eine Blütezeit für den Kunsthandel und das Antiquariat. Die Hintergrundstrahlung ist in österreichischen Antiquariaten immer noch zu spüren.

Dieter Tausch ist Vorsitzender des Verbandes der Antiquare Österreichs.

Veröffentlicht am 03 Jul 2013

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