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Der Gott des Scherzes und des Schalks und der „jüdische“ Witz und Humor in Wien und Österreich von 1789 bis 1848

Autor: Jürgen Gottschalk

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Der Gott des Scherzes und des Schalks und der „jüdische“ Witz und Humor in Wien und Österreich von 1789 bis 1848
Eine Betrachtung über den Nutzen von Autopsie auch für Antiquare

Uns sind zum Thema jüdischer und „jüdischer“ Witz und Humor Bücher begegnet, für die wir weder einen bibliographischen Nachweis noch einen Bibliotheksstandort finden konnten. Selten genug, aber auch vorkommend sind Titel, die zwar bibliographisch nachgewiesen sind, aber in keiner Bibliothek (bisher) zu finden waren. Zu dieser letzteren Gruppe gehört das Werk: Komus, oder Witz und Laune, Scherz und Frohsinn, für Freunde fröhlicher Stunden. Wien: Leopold Grund 1807. 288 S.

Nehmen wir dieses Werk zum Anlass einer Betrachtung, was Wissenschaftler, Antiquare und Bibliophile bei Interesse für unser Gebiet für Möglichkeiten haben, die Mikroforschung in diesem Fach Step for Step voranzubringen.

Das Wort Komus deutet auf die Gottheit des Scherzes und des Schalks hin und taucht in etlichen zeitgenössischen Buchtiteln als Teil desselben auf. Eine inhaltliche Auswertung des Buches durch Autopsie ergab, das sich auf den Seiten 123-131 ein „jüdisches“ Stück, „Ein Freund vom Hause“ fand, welches seinen judenfeindlichen Charakter in das Stereotyp „Ein Jude soll Geld leihen“ kleidete.

Da es bisher keine Spezialbibliographie zum jüdischen und „jüdischen“ Witz und Humor gibt, auch die in Monographien versteckten Bibliographien zum Thema nur bedingt aussagefähig sind, stellt diese versteckte bibliographische Angabe eine Novität speziell für die Theaterwissenschaftliche Forschung dar. Und seien sie versichert: es handelt sich hier beileibe nicht um einen Einzelfall!

Schon der Altvater der jüdischen Humorforschung, Alter Drujanoff (Droyanov, Druyanov), wertete in seinem dreibändigen, im britischen Mandatsgebiet Palästina in Tel-Aviv 1935 - 1938 erschienen Standardwerk zur jüdischen Humorforschung (Sefer Habdikha Vehakhidud) einzelne Beispiele aus der allgemeinen Witz- und Humorliteratur aus. Seit Anfang der Zwanziger Jahre auch in Berlin tätig, standen ihm die reichhaltigen Bestände der Deutschen Staatsbibliothek und der Universitätsbibliothek, deren jüdische Abteilung von dem jüdischen zionistischen Bibliothekar Heinrich Loewe, der später eine bedeutende Rolle beim Bibliotheksaufbau in Palästina spielte, geleitet wurde, zur Verfügung.

Gehen wir davon aus, das die Österreichische Nationalbibliothek wie auch die österreichischen Landesbibliotheken hervorragend mit im Lande erschienener Witz- und Humorliteratur allgemeiner Art ausgestattet sind, ist es nur eine Frage von Zeit und Mitteln, durch systematische Autopsie dieser aus den jeweiligen Sachkatalogen bzw. über die 9bändige Bibliographie von Hugo Hayn und Alfred N. Gotendorf „Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa,…“ (auch als Reprint 1968 erschienen) alle auszuwertenden Titel zusammenzustellen. Der nächste Schritt wäre die Buchausleihe und Auswertung auf jüdische und „jüdische“ humoristische Inhalte. Da allerdings die ÖNB in einem Pilotprojekt sukzessive Ihre gesamten Bestände digitalisieren und damit der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen will (die ersten 100 000 Bände sind schon digitalisiert) können Forscher in absehbarer Zeit auf die komfortable Möglichkeit einer Bildschirmauswertung hoffen.
Der Gott des Scherzes und des Schalks und der „jüdische“ Witz und Humor in Wien und Österreich von 1789 bis 1848
Österreichische Antiquare, so ist es aus entsprechenden online-Angeboten ersichtlich, sind sich bewusst, dass eine inhaltliche Auswertung und in entsprechend detaillierten Beschreibungen mündende von in ihrem Besitz befindlicher und zum Verkauf angebotener Werke durchaus verkaufsfördernde Aspekte in sich trägt.

Bibliophile können sich motivieren, anhand ihrer thematisch entsprechenden Bestände ebenfalls eine Auswertung auf Inhalte zum Thema „Jüdischer Humor“ vorzunehmen.

Auswertungsergebnisse durch Antiquare wie auch durch Bibliophile können, das ist erkennbar, unser Wissen zum Thema erweitern und bereichern. Ein Adressat für diejenigen, die sich der Mühe einer Recherche mit Erfolg unterzogen haben, ist die gemeinnützige Webseite „Documenta Humoristica Judaica“, welche bei der Pirckheimer-Gesellschaft, einer der drei großen überregional tätigen Bibliophilen-Gesellschaften im deutschsprachigen Raum angegliedert ist, und wo entsprechende Hinweise mit Abbildung des Titelblattes bzw. Schutzumschlages und bibliographischen Angaben unter dem Namen des Einsenders oder auch Anonym veröffentlicht werden können und damit der Forschung und allen Interessierten zur Verfügung stehen.

Inwieweit sich Wissenschaftler motiviert fühlen, sich diesem Thema zu widmen, bleibt offen. Der deutschsprachige Raum ist im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika und Israel eher nicht bekannt für intensive Humorforschung im Wissenschaftsbereich. Allerdings ist der Schweizer Psychologie-Professor Willibald Ruch Vorsitzender der internationalen Humorforschungsgesellschaft IHSH (International Society for Humor Studies) und eine deutsche Professorin, die Germanistin Helga Kotthoff in Freiburg, wie auch Kuratoren des Wiener Jüdischen Museums und die österreichische Armin-Berg-Gesellschaft besetzen das Thema grundsätzlich. Immer wieder gern wird im kulturellen Bereich ein Vergleich zwischen Berlin und Wien gezogen, ja es existiert quasi eine eigene Literatur zum Thema. So ist es auch hier, wollen wir einen Vergleich zwischen Berlin und Wien auf dem Gebiet der jüdischen Humorliteratur ziehen. Unbestreitbar ist die jüngste nachweisbare rein jüdische Witz- und Humorbuchpublikation dem Berliner Oberrabbiner Lippmann Moses Büschenthal zuzuschreiben, der 1812 seine „Sammlung witziger Einfälle von Juden…“ veröffentlichte. Mit ihm befreundet war der Berliner jüdische Arzt Sabattja Joseph Wolff, der in den Folgejahren mehrere Humoristica-Titel im Selbstverlag veröffentlichte. In mindestens einem von ihnen ist ein Vorwort von Büschenthal enthalten! Die meisten seiner Publikationen liegen in Form von Mikrofichen vor, welche der Münchner Saur-Verlag edierte. Schon 1805 versuchte allerdings der Berliner Freimaurer Johann Christian Gädicke mit der Erstauflage seiner „Anecdoten von guten Juden…“ ein positives Bild jüdischen Humors zu zeichnen. Nach Sabattja Joseph Wolff trat der Berliner jüdische Weinhändler Louis Drucker, der Erfinder der Polka-Kneipen ( Musik und Trinken) auf den Plan. Zwar bezeichnete ihn Karl Marx in einem Brief an Ferdinand Freiligrath als „Clown“, dennoch musste er wegen seiner satirischen Flugschriften –am Leben bedroht – nach 1848 aus Berlin flüchten. Seine Spur verliert sich in St. Louis (Nomen ist Omen) Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts als u. a. Händler mit „preußischem Wind“. Ein als gemäßigter Liberaler bekannter Berliner jüdischer Arzt und Satiriker blieb: Dr. Adalbert Cohnfeld. Er veröffentlichte unter dem Pseudonym Aujust Buddelmeyer. Nicht zu vergessen ist der Vater des „Kladderadatsch“, David Kalisch und viele seiner jüdischen journalistischen Mitstreiter, abfällig mit dem judenfeindlichen Begriff „Federhelden“ belegt!

Für Wien suchen wir allerdings auch nicht vergeblich einen entsprechenden Nachweis für den Zeitraum von 1789 bis 1848 zu finden. Hier ist es der geniale Österreich-ungarische Satiriker Moritz Gottlieb Saphir, dem eigentlich ein eigenes Kapitel zu widmen wäre. Eine schriftstellerische Persönlichkeit, die im Zusammenhang mit Heinrich Heine und Ludwig Börne immer wieder genannt wird. Erst um einige Zeit später kommt es aber zu den bisher nachweisbaren beiden ersten genuin jüdischen „Witz-und Anekdotenbuch“-Veröffentlichungen in Wien und Österreich aus der Feder desselben Autors, dessen Name allerdings eher den Verdacht eines Pseudonyms aufkommen lässt: Maier David Purimspieler. Es handelt sich um „Majjsim un Schnokes“, Wien 1863 und „Lustiger Luach“, Wien 1862-63 (5623).
Der Gott des Scherzes und des Schalks und der „jüdische“ Witz und Humor in Wien und Österreich von 1789 bis 1848
Heute halten Mgstr. Georg Wacks, Präsident der Armin-Berg-Gesellschaft und Oberrabiner Paul Chaim Eisenberg in Wien – um nur zwei von vielen in Österreich zu nennen – die Fahne des jüdischen Witzes und Humors hoch.

Zurück zu unserer Zimelie, dem Buch KOMUS! Hier gibt es eine zusätzliche Besonderheit. Über einen ästhetisch gestalteten Bucheignerstempel „Joseph Matzenauer“ lässt sich einiges über den damaligen Besitzer feststellen. Joseph Matzenauer wurde am 4.11.1837 in Wien geboren und war Juwelier, Kurator des Museums für Kunst und Industrie, Mitglied der Kommission für die Gewerbeausstellung, Gemeinderat, Stadtrat in Wien (1891) und 2. Vizebürgermeister (1894-95), der auch an der Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen in Wien 1892 mitbeteiligt war. Er verstarb am 9.5.1905 in Karlsbad.

Ein weiterer Aspekt der Witzforschung ist der „wandernde Witz“. Hier soll festgestellt werden, wie sich in der Literatur eine erstmals veröffentlichte Witzidee über die Zeiten in nachfolgenden Publikationen fortgeschrieben hat, also eine Art Ahnenforschung für einen Witz. Viele Beispiele dafür lieferte der allerdings in seiner Literaturauswahl eingeschränkt vorgehende Publizist Richard Raskin, der 1992 seine diesbezügliche Studie „Life is like a Glass of Tea“, Studies of Classic Jewish Jokes, veröffentlichte.

„Literarischer Antisemitismus“ lautet eine Begriffsfolge in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Verfolgen wir diesen aufschlussreichen Beitrag, ist festzustellen, das er sich ausschließlich auf die Gegenwart und jüngere Vergangenheit bezieht. Ein Rückblick auf judenfeindliche Publikationen des frühen 19. Jahrhunderts fehlt (noch) völlig. Auch hier kann die Dokumentation bereits bekannter Beispiele rückwirkend die Schwierigkeiten und Angriffe von außen hinsichtlich der Emanzipation der Juden im deutschsprachigen Raum unterstreichen. Im Gesamtzusammenhang sei auch auf eine Studie von Jakob Katz zum Frühantisemitismus in Deutschland verwiesen: http://www.comlink.de/cl- hh/m.blumentritt/agr347.htm

Verdeutlichen wir uns die kämpferische Problematik („Witz als Waffe“), welche hinter dieser tückischen „jüdischen“ (In)Toleranzanekdote aus der in Wien 1828 unter dem Titel „Schneeballen“ erschienenen, von „Gabriele Spaßvogel“ herausgegebenen Witz- und Anekdotensammlung steckt:

„Ein Jude trug Saugschweine zu einem Christen. ‚Wie kommst du dazu, mir deine Todfeinde zu bringen?‘ fragte der Christ. ‚Mai, das ist kein Wunder,‘ erwiederte der Jude, ‚ die Toleranz greift überall um sich.‘“

Noch im April 1944 rief in einer vom Ribbentropschen Außenministerium einberufenen Konferenz ein ranghoher Nazi-Beamter dazu auf, in der Schweiz Stimmung gegen Juden zu erzeugen, indem vermehrt antisemitische Witze zu erfinden und in Umlauf zu bringen sind.

Das eine ist die rechtliche Gleichstellung jüdischer Staatsbürger – „de jure“ – im Rahmen der Judenemanzipationsbewegung, das andere die gesellschaftliche, die gelebte Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger im Alltag!

Jürgen Gottschalk ist Museologe, Archivar und Sammler in Berlin. Er betreibt die Website Documenta Humoristica Judaica.

Veröffentlicht am 03 Jul 2013

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