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Wohin mit Großgrafiken in Sammlungskabinetten?
Eine seltene Auswahl

Autor: Georg M. Lechner

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Die Graphische Sammlung des OSB-Stiftes Göttweig ist im Vergleich zu öffentlichen Instituten ein kleines Kabinett. Auch hier hat sich aber über Jahrhunderte Großgrafik angesammelt, v.a., wenn zu den ca. 32.000 Objekten gelegentlich Neuerwerbungen in überdimensionierter Größe hinzukamen, um notwendige Vergleichs- und Gegenstücke als Ergänzung oder Vervollkommnung in diversen Ausstellungen präsentieren zu können. Gehen Grafiken inkl. Passepartouts in ihren Maßen über handelsübliche Grafikschränke (Lichte Weite innen: 92 x 126 bzw. 102 x 212 cm) hinaus, handelt es sich um Großgrafik. Einst waren die Drucke in 200 hölzernen, weißgetünchten und punzierten Schweinslederkassetten in 4 verschiedenen Folio-Größen ohne Passepartouts nach nationalen Schulen geordnet untergebracht. Abt Bessel (17144749) ließ diese ab 1738 beim Steiner Buchbinder Leopold Grund anfertigen, Schweinshäute lieferte der Wiener Lederer Joseph Eggendorfer. Salomon Kleiner dokumentiert diese 1744 auf seinem Kupferstich der Göttweiger Kunst- und Wunderkammer (Musaei Contignatio Superior), 1749 dürften die Kassetten ca. 20.000 Blätter enthalten haben. Dass dem Göttweiger Abt die Grafiksammlung ans Herz gewachsen war, belegt ein Kupferstich Von Anton Von Prenner (1683-1761) mit der Hl. Familie nach Antony Van Dyck im „Theatrum artis picturiae“ (Wien 1733) mit Widmung an den Prälaten.

Derzeit übersiedeln die Grafiken in der „Alten Burg“ aus diesen Kassetten nach Inventarisierung, Passepartourierung und Digitalisierung in 25 metallene Grafikschränke und stehen als Leihgaben u.a. für Ausstellungen zur Verfügung. Grundlage der Aufarbeitung des Bestandes sind noch der vorbildliche, handschriftliche Katalog des Vinzenz Werl OSB (1810-1861), „Die Gravuren Sammlung des Kunst-Cabinetes zu Göttweig“ (2 Bände), Göttweig 1846/47, nach Adam von Bartsch (1757-1821) „Le Peintre Graveur“ (21 Bände), Wien 1802-1821 und dessen „Anleitung zur Kupferstichkunde“, Wien 1821.

Abb. 1: Dreiteiliger Kupferstich der Danaulandschafl mit Stift Gättweig (1668), Kupferstich von Matthäus Küsel mir/a Matthäus Managetta, Auf- traggeber: Abt Gregor Heller (1648-69)

Teile der Kartensammlung sind naturgemäß Großgrafiken, nicht selten auf Rohleinen, oft aus sechs bis acht Druckplatten zusammengefiigt und teils koloriert. Augsburger Stecherprovenienz dominiert. Ebenso finden sich Grund- und Aufrisspläne vom Stiftsneubau und Escorialpalast (Frederik de Witt) in Anlehnung an die Tempelarchitektur Jerusalems bei Joh. Bapt. Villalpando S] (1552-1608) und P. Jeronimo Prato „In Ezechielem Explanationes et Apparatus Urbis ac Templi Hierosolymitani, Roma 15964604“ (3 Bände), gewidmet Philipp II. von Spanien sowie Stadtpläne wie Rom aus 12 Platten (H. 161 x Br. 159 cm) aus dem Jahr 1679 von Giovanni Battista Falda (T 1678) und ein Venedigplan aus Holzschnittfolgen nach Jacopo de‘ Barbari (T ca. 1516), ferner ein Kanalisationsplan des französischen Architekten Jacques Drevet (1832-1900) von 1888.

Stadt- und Landschaftsveduten, sowie Kircheninterieurs mit diversen Ausstattungsstücken und Freskendekorationen erreichen ebenfalls überdimensionale Ausmaße, etwa die hl. Stadt Jerusalem (2 Platten) zur Zeit Jesu mit dessen Vitenszenen (H. 78,2 x Br. 119,1 cm) von Joh. Daniel Herz (1693-1754), Augsburg ca. 1735, als Vogelperspektive. Übertroffen wird Jerusalem von einer seltenen Romansicht vom Gianicolo aus 1765 von Giuseppe Vasi (1710-82) aus 18 Platten (H. 101,5 x Br. 258,2 cm), gewidmet dem spanischen König Karl III. (1716-88). Selten ist der Kupferstich mit der Ansicht Betlehems in der Phantasielandschaft von Gottfried Bernhard Göz (1708-74), Augsburg nach 1752.

Abb. 2: Jüngstes Gericht, Fresko (1541) von Michelangelo, gestochen von Giorgio Ghisi (1520-82), vor 1550

Von lokaler Bedeutung sind der dreiteilige Stich des Matthäus Küsel nach Matthäus Managetta (1630-79), Wien 1668, mit dem alten Göttweig unter Abt Gregor Heller (1648-69) vor der Wachau-Donaulandschaft mit Krems, den Stiftern und Patronen der Abtei (H. 56 x Br. 120,8 cm), das Interieur des durch die Gebrüder Asam barockisierten Freisinger Domes unter Fürstbischof Joh. Franz Eckher von 1724, gestochen von Franz Josef Mörl (T 1735) und die Marienwallfahrt zu Maria Dorfen/Obb. von Joseph Anton Zimmermann, um 1790, unter Verwendung einer ausgedienten Kupferplatte mit dem Rest eines Thesenblattes.

Thesenblätter haben mehrfach und vielerorts Verwendung gefunden, die Stiftssammlung hat hier wie Salzburg, St. Peter, reiche und seltene Schätze in auffallend großen Formaten, bedingt durch die beiden Ehrenrektoratsperioden Abt Bessels an der Universität Wien in den Jahren ab 1714 und 1727. Dazu zählen z.B. eine Thesenverteidigung aus dem Jahr 1729 von Engelbert Heindl OSB unter dem Philosophie-Professor Zacharias Martin Silber von den Schotten in Wien mit Christus Salvator und vier Evangelisten im Typus einer Transfiguratio oder ein Schabkunstblatt von Gottlieb Heiß nach Wenzeslaus Franz Leopold Piecz aus Prag als Vorlage für dessen Mariä-Himmelfahrts-Fresko als Münchner Hofmaler für die Pfarrkirche im ober- bayerischen Sandizell (1736).

Abb. 3: Kupferstich der Geistlichen Passion-Uhr Unseres Herrn Jesu Christi, gestochen von Franz Leopold Schmittner (Wien, 1703-61) nach Johann Jacob Höffner, um 1740

Thesenblätter fallen in den Bereich von Gebrauchsgrafik, Vergleichbar Diözesankalendern, Wobei die Thesenleisten, so noch Vorhanden, aufschlussreiche Provenienzangaben liefern. Ein frühes Exemplar ist das Schabkunstblatt (H. 95 x Br. 69,5 cm) des Altmanni-Blattes Von Elias Christian Heiss (1660-1731) Von 1691 nach Jonas Drentwett (1656-1736) beim Augsburger Verleger Christoph Weigel (1654-1725), der für 600 Exemplare in drei Lieferungen 1692 inkl. Frachtkosten 585 fl. 39 kr. erhielt. Gewidmet ist die Grafik mit der Darstellung der Altmanni-Reliquien im neuen Schrein dem Passauer Fürstbischof]oh. Philipp Reichsgraf Von Lamberg (1689-1712). Weitere Thesenblätter der Sammlung huldigen dem Haus Habsburg ab Kaiser Leopold I. bis Maria Theresia, herrührend aus Bessels Nahverhältnis zu Elisabeth Christina und Karl VI. und dem Hause Schönborn sowie zu Prinz Eugen Von Savoyen. Zu nennen Wäre das fünfteilige Thesenblatt (1724) mit der Huldigung an das Kaiserpaar mit Habsburger Hausheiligen Von Gottlieb Heiss nach Franz Georg Hermann (1692-1768) als übergroßes Schabkunstblatt (H. 213 x Br. 149,4 cm) aus der Ettaler Ritterakademie. An Maßen Vergleichbar (H. 236 x Br. 122 cm) ist ein Grazer Thesenblatt (1727) mit Karl VI. als Förderer und Schirmherr des Handels Von Franz Ferdinand Graf Von Schrattenbach Vom Augsburger Stecher Georg Kilian (1683-1745) nach Joh. Georg Bergmüller (1688-1762).

Abb. 4: Stift Melk in der Vogelschau nach Franz Rosenstingl (1736), gestochen 1750 von Franz Leopold Schmittner (1703-61)

Ein Admonter Schabkunstblatt (1728) mit dem Pestheiligen und Erzbischof Von Mailand Karl Borromäus mit fünf Platten nach Alessandro Marchesini (1664-1738), gestochen Von Gottlieb Heiss d. Ä. (1684-1740), gedruckt auf safrangelbe Rohseide und damit nicht nur ob seiner Größe (H. 198 x Br. 110 cm) eine Seltenheit, sondern auch in seiner Materialität, die einen erwählten Gönner des Defendenten Adam Joseph Catharin vermuten lässt - entweder den Grazer Professor Antonius Erber S] oder mehr noch den Abt Von Admont Antonius Von Mainersperg (1718-51). Auch Cosmas Damian (1686-1739) und Ägid Quirin Asam (1692-1750) liefern anlässlich der Geburt des Wittelsbachers Maximilian III. Joseph (1727-77) ein prächtiges dreiteiliges Schabkunstblatt (H. 198,4 x Br. 110,3 crn) aus der Salzburger Universität, gestochen wieder Von Gottlieb Heiss d. Ä. Maria Amalia Josepha Von Habsburg (1701-56) als Gattin Karls VII. (1697-1745), der neu geborene Knabe Maximilan III. Joseph und Maria Anna Caroline Von Pfalz-Neuburg (1693-1751) im allegorischen Bildkontext bilden eine kurfürstliche „Anna-Selbdritt“-Darstellung über dern bayerischen Rautenwappen. Asams Thesenblatt scheint ob seiner Seltenheit Von geringer Auflage gewesen zu sein, ein weiteres befindet sich im Kloster Engelberg/ Schweiz.


Abb. 5: Astronomische Himmelskarte (altkoloriert) der nördlichen Hemisphäre, 1720, von Johann Baptist Homann (1664-1724)

Auch Darstellungen von Stammbäumen erreichen notgedrungen Übergröße. Es sind vor allem Ordensstammbäume; durch Dimensionierung (H. 166‚5 x Br. 138,2 crn) und Seltenheit sticht jener des Kapuzinerordens inkl. des II. Ordens mit Nonnen und Observanten in hierarchischer Gliederung als „Arbor seraphicus“ nach der Vorlage (1626) von Carl von Arenberg (1593-1669), verlegt bei Michael Bunel 1739 zu Ant- Werpen hervor. Selbst in der römischen Ordenszentrale sind nur Teile des neunteiligen Stiches belegt. Aus den dynastischen Stammbäumen der Habsburger hervorgehoben, sei der durch die Prinz-Eugen-Ausstellungen bekannt gewordene „Austriaca Olea Contra Oleastrum Turcicum“-Kupferstich des Joh. Ulrich Kraus (1655-1719) nach Christian Dittmann (ca. 1639-1701) mit 29 Portraitmedaillons ab Kaiser Rudolf I. bis Leopold I. gegen die vergeblich ankämpfenden Türkenmächte, um Beispiele von bildhaften Stammbäumen anzusprechen.

Abb. 6: Franziskanisches Thesenblatt(Nancy 1625) von Jacques Callot (1592- 1635), Radierung, für den Minoritenorden in Ara Coeli, Rom.

Stichblätter mit Castra dolorum als ephemere Trauergerüste behandeln Triumpharchitekturen Vergleichbar raumhohe Katafalkaufbauten anlässlich des Ablebens von Herrschern mit Darstellungen ihrer Ruhmestaten und verherrlichenden Epilogtexten gleich monumentalen Denkmälern; sie sind v.a. in und aus Frankreich inspiriert und wurden in den Habsburgstaaten kultiviert. Zeitliche Kontingentierung solcher Architekturen erfolgte nicht selten durch gleichzeitige Promulgierung diverser Leichenpredigten mit Abbildern zugehöriger, detailierter Architekturaufbauten und ihrer Inschriften. Neben Trauergerüsten für Leopold I., Joseph I. und Karl VI. u.a. besitzt die Göttweiger Sammlung sämtliche Stiche und Embleme des Castrum für Prinz Eugen (T 1736) nach Entwürfen seines ihm nahestehenden Architekten Joh. Lucas von Hildebrandt (1668-1745), gestochen von Salomon Kleiner (1703-61) und Jeremias Jacob Sedelmayr, gedruckt bei Johann Peter van Ghelen, Wien 1736, in diversen Formaten.

Waren übergroße Druckgrafiken in Büchern ein- oder beigebunden, handelte es sich überwiegend um Jubiläumsfeiern von Ständen, Festinszenierungen, Illuminationen anlässlich Geburten, Hochzeiten, Krönungen, Aufmärschen, Prozessionen, Huldigungen und Feuerwerkspektakeln. Derartige Grafikfahnen konnten mittels horizontalen und vertikalen Faltungen eine Länge bis über 2 Meter erreichen, sie erschweren damit museale Präsentationen im Original.

Im Bereich Reproduktionsstiche von Freskomalereien behalf man sich mit Detailwiedergaben in einheitlichem Maßstab, meist in Mappen geliefert und durchnummeriert. Bei eliminierten Rändern ließen sie sich zu gewaltigen Bildmontagen rollen, auf Dauer jedoch führten Rohleinen und Klebestoffe zu sichtbaren Schäden und Bräunungen. Eines der frühesten Zeugen dieser Gattung ist Kaiser Maximilians I. Große Ehrenpforte (H. 3500 x Br. 3000 cm) Von Albrecht Dürer, Hans Springinklee, Wolf Traut und Albrecht Altdorfer, datiert (1515) Von 1517/ 18 aus 174 Holzschnittstöcken (4. Ausgabe 1799).

Römische Freskokunst fand durch Reproduktionsstiche europaweite Verbreitung und förderte dadurch Italienreisen bei nordischen Künstlern. Pietro da Cortonas Barberini-Palast-Decke (1633-39) wurde hinsichtlich illusionistischer Freskomalerei ähnlich der Sixtina zum unabdingbaren Muss einer Studientour. Die Barberini-Stiche gehören mit den in Rom noch erhaltenen Platten der „Aedes Barberini“ Von 1646 des Camillo Cungi (1570/80-1649) nach Pietro Berrettino Cortona (1597-1669) zur Spitzenleistung römischer Druckkunst mit päpstlichem Privileg bei Jo. Jacob de Rubeis (ad Templum S. Maria de Pace). Ist dieses Fresko noch in detailreichen Einzelblättern Vorhanden, ist das Jüngste Gericht Michelangelos in der Sixtina (1541) zusammengefügt hier in zwei Ausführungen Vorhanden, noch bevor 1558 Daniele da Volterra (ca. 1509-66) als päpstlicher Hosenmaler die irdischen und himmlischen Gestalten einzukleiden hatte. Die ältere Replik stammt von Nicolò della Casa aus den Jahren 1543-48 im Format H. 1545 x Br. 1300 cm, ist ohne Signatur und diente als Vorlage einer zweiten Fassung (Neuerwerbung 2012). Sie ist signiert mit Georgius Man- tuanus fecit (= Giorgio Ghisi 1520-82) und gewidmet einem Sign. Matthia di Merve di Clootwyck (Wappen). Sie entstand noch Vor 1550, jedoch zeigen die zehn Plattenabzüge bereits divergierende Grauwerte. Auch Raffaels Stanzenfresken (1508-17) gehören zu den großformatigen Druckgrafiken bis herauf ins 19. Jahrhundert mit neuen Drucktechniken.

Abb. 7: „Haupt“ eines so genannten Freisinger Diözesankalenders von Andreas Matthäus Wolfgang (1660-1736) mit Maria als Immaculata, den hll. Arsatius, Benno, Clemens und Nonnosus

Reproduktionsgrafiken in Klöstern waren in erster Linie nicht prunkende Sammlungsgegenstände wie in fürstlich-adeligen Kunstkammern, sondern Vielmehr Gebrauchsgrafik für monastische Geschmacksbildung und für akkreditierte Künstler Anschauungs- und Vorlagenmaterial in deren Kunstschaffen, was Vielfach nachträglich darübergelegte Quadraturen in Sepia oder Rötel noch heute bezeugen, zumal Kremser Schmidt (1718-1801) als Autodidakt zusammen mit seinem Vater Johann (T 1761) als Bildhauer neben Paul Troger (1698-1762) als Freskanten Wesentlich an der Ausstattung des Hildebrandtbaues über Jahrzehnte hin tätig War. Martin Johann Schmidt hatte persönliche Freunde in Göttweiger Patres als umliegend tätige Pfarrseelsorger, die ihm gleichfalls zum Privatstudium die Haussammlungen zugänglich machen konnten.

Ausstellungshinweis: Großgrafik in Göttweig 2014 findet vom 21. März bis zum 2. November im Benediktinerstift Göttweig eine Sonderausstellung zum Thema Großgrafik statt. Quer durch die Genres zeigt die Grafische Sammlung überdimensionale Druckgrafiken aus den umfassenden eigenen Beständen.

Dieser Artikel erschien in: "Papier und Bücher", Bd. 49 (August 2013).

Veröffentlicht am 13 Aug 2013

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