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„Höchste Intelligenz, größte Provinzialität“
Ein Gespräch mit Roland Sila (Tiroler Ferdinandeum)

Autor: Dieter Tausch

Buchhändler: Dieter Tausch Antiquariat & Galerie

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Roland Sila, Kustos der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, im Gespräch mit Dieter Tausch, dem Vorsitzenden des Verbandes der Antiquare Österreichs, über die Inhalte und die Bedeutung der Bibliothek, über die Rolle des Internets und warum er nicht von „seiner“ Bibliothek sprechen möchte.

Das Ferdinandeum ist das zweitälteste Museum in einer Landeshauptstadt, gegründet 1823, ganz kurz nach dem Joanneum in Graz. Wie stellt sich die Geschichte der Bibliothek dar? Was hat es mit dem Brillanten im Zentrum, der Sammlung der „Dipauliana“ auf sich?

Wichtig ist es in diesem Zusammenhang, eine Sache an den Beginn zu stellen, die heute häufig übersehen wird. Das Ferdinandeum wurde von einem Verein gegründet, der bis heute Mitgesellschafter der Betreibergesellschaft ist und sich Eigentümer des größten Kunstschatzes Tirols nennen darf. Ich erwähne dies deshalb, weil diese Tatsache in der Geschichte der Bibliothek eine wesentliche Rolle spielt. So finanziert bis heute der Museumsverein die Ankäufe der Bibliothek.
Dem ursprünglichen Namen „Nationalmuseum“ entsprechend war die Ferdinandeumsbibliothek zu Beginn ganz stark auf das Sammeln und Dokumentieren der sogenannten Patriotika ausgerichtet. So bildete bereits der früh ans Haus gekommene Bestand die Basis für den Ruf der Bibliothek, für die Region zentrale Handschriften und Dokumente, aber auch Bücher zu verwahren. Auch bereits sehr früh wurde der breite Sammelcharakter festgelegt, der im Prinzip bis heute gültig ist, das alte Kronland Tirol (d.h. Bundesland Tirol, Südtirol, das Trentino und die angrenzenden Gebiete) bzw. die heutige Europaregion Tirol, die Menschen die es bewohnen bzw. besuchen und die speziellen Themen, die diese Region charakterisieren, zu sammeln und zu dokumentieren. Dem entsprach bereits die bedeutendste Persönlichkeit der Gründungszeit des Museums Andreas Alois Di Pauli, Jurist, Beamter, Politiker, Sammler, Mitbegründer des Ferdinandeum, Zeitungsherausgeber, Initiator der ersten wissenschaftlichen Zeitschrift der Region – und Eigentümer der bedeutendsten privaten Tirolensienbibliothek, die er sofort nach Gründung des Museums den Vereinsmitgliedern zur Verfügung stellte und die sehr rasch seinen Namen trug - Dipauliana. Es würde den Rahmen sprengen, seine Verdienste und seine vielen Initiativen zu nennen, seine Bibliothek wurde jedenfalls beim Ankauf durch den Museumsverein 1842 als so bedeutend angesehen, dass vertraglich zugesichert wurde, ihr zukünftig stets einen eigenen Raum innerhalb der Ferdinandeumsbibliothek zur Verfügung zu stellen – eine Bestimmung, die bis heute umgesetzt wird.
Die Bedeutung dieser Bibliothek ist unbestritten, es finden sich in dem ca. 1400 Bände umfassenden Bestand zentrale Handschriften wie das Schwazer Bergbuch oder Vintlers „Pluemen der Tugent“, aber auch weniger dekorative, für die Landesgeschichte nicht weniger bedeutende Manuskripte. Bis heute vergeht eigentlich kaum ein Tag, an dem nicht mit Bänden aus der Dipauliana gearbeitet wird.
Di Pauli war gebürtiger Südtiroler, zu einer Zeit, als dies noch keine Rolle innerhalb eines geeinten Tirols spielte. Mit der Abtrennung Südtirols wurde nun das Ferdinandeum das kulturelle Symbol für das alte Tirol – und befand sich damit mitten in der Politik, denn entgegen den Landesbeständen Südtiroler Provenienz, die aufgrund des Friedensvertrages von St. Germain an den Staat Italien überstellt werden mussten, konnte auf den Privatbesitz des Museumsvereines nicht zugegriffen werden. Daraus erklärt sich nun wieder eine andere Tiroler Besonderheit, denn der größte Bibliotheksbestand landeskundlicher Literatur (immerhin verwalten wir beinahe 280.000 Bände und zahlreiche Sondersammlungen) konnte nie zur Landesbibliothek werden, da ihr Bestand eben Privatbesitz war. Heute hat diese Funktion die Universitätsbibliothek übernommen, mit der wir traditionell stets gute Beziehungen haben.
Zentral für das Verständnis unserer Bibliothek ist noch, dass die Bibliothek als Sammlung begriffen werden muss. Neben dem bedeutenden Buchbestand verwahren wir zahlreiche Spezialsammlungen, die Tirol zahlreiche weitere Facetten hinzufügen. Beispiele wären die topographische Graphik und Fotografie, die typisch tirolerischen Neujahrsentschuldigungskartensammlung, die Tourismusprospektesammlung, eine über 10.000 Einzelexemplare umfassende Exlibris-Sammlung oder die Wallfahrtsbildchen, um nur einige zu nennen.

Eng verbunden mit dieser landeskundlichen Bibliothek ist auch der Fischnaler’sche Zettelkatalog? Wie geht es diesem im digitalen Zeitalter?

Fischnaler ist wohl die zweite unterschätzte Figur in der Bibliotheks-, eigentlich Museumsgeschichte. Er hat als Kustos der Bibliothek einen ganz stark benutzerorientierten Beschlagwortungsansatz verfolgt, der bis heute unsere Bibliothek prägt und sie zu einer besonderen Forschungsinstitution macht. Entgegen den klassischen Beschlagwortungssystemen hat Fischnaler jede Information unter mehreren Gesichtspunkten betrachtet und je nach Notwendigkeit mehrfach in den eigens angelegten Katalogen zu Sachgebieten, Orten und Personen abgelegt. Auch hat er festgelegt, dass Zeitungen als wichtige Quellen in diese Beschlagwortung aufgenommen werden. Dieser historische Papierkatalog umfasst ca. 1.600.000 Einträge zu Tirol, die bis zu Randnotizen in lokalen Zeitschriften reichen. Diese inhaltliche Auswertung wird bis heute, seit zehn Jahren nur mehr digital fortgesetzt. Momentan zählen wir um die 60.000 Verweise, die jährlich neu dazukommen.
Technikgläubige mutmaßen heute unter Umständen, dass sich diese Form längst überlebt habe. Aber auch bei 100%iger Texterkennung empfehle ich jedem dieser Menschen, den Namen Hofer auf den ca. 500.000 Seiten des „Bote für Tirol und Vorarlberg“ zu suchen und dann auch auszuwerten. Momentan arbeiten wir – sehr spät im digitalen Zeitalter - an einem Internetauftritt für den Katalog, um ihn einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen – in der Annahme, dass dieser spätere Zeitpunkt des Einstiegs ins Internet ein höheres Niveau ermöglicht, hoffen wir, dass wir den eigenen hohen Erwartungen an diesen Auftritt entsprechen können.

Worin besteht heute die Aufgabe einer öffentlichen Bibliothek und im speziellen Fall der Bibliothek des Ferdinandeum?

Ich glaube, dass die öffentliche Bibliothek in einer Demokratie die unabrückbare Aufgabe hat, wertfrei Information zur Verfügung zu stellen. Heute wird häufig das Internet als das demokratischste Medium der Gegenwart dargestellt – dem wage ich zumindest im Informationsbereich zu widersprechen und weiß, dass ich mich damit nicht wirklich beliebt mache. Aber eine öffentliche Bibliothek hat täglich den Beweis zu führen, woher die seriöse Information stammt und kann so auch stets widerlegt werden. Der heutige Internet-User wird dazu erzogen, rasch Antworten zu akzeptieren, aber das Medium allein lädt nicht ein dazu, die Herkunft von Information zu hinterfragen, da dies ganz einfach Zeit braucht – und darin wieder liegt ja der vermeintliche Vorteil des Internets, nämlich rasch an Informationen zu kommen. Natürlich nutze ich das Internet täglich und die Arbeit ohne dieses Hilfsmittel wäre für mich deutlich beschwerlicher. Allerdings fehlt mir oft die notwendige kritische Distanz in einschlägigen Diskussionen. Denn allein die Tatsache, dass der Großteil der User dieselbe Suchmaschine verwendet, gibt den Betreibern der Suchmaschine, ohne diesen eine böse Absicht unterstellen zu wollen, die potenzielle Möglichkeit, Zensur auszuüben – in einem Geschäftsinteresse, das in erster Linie einer Hand voll Aktionären verpflichtet ist. Das soll bitte nicht nach Verschwörung klingen, eigentlich ist es nur eine Feststellung und ein Verzweiflungsruf an einen in dieser Frage nicht existenten Kulturstaat Österreich. Denn meines Erachtens ist es die beinahe heilige Pflicht eines Staates, die Freiheit des Zugangs zu Information zu gewährleisten.
In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Aufgabe unserer Bibliothek – jedem Interessierten ohne Beschränkung Information zur Verfügung zu stellen und die vorhandenen Bestände nach möglichst vielen Gesichtspunkten aufzuarbeiten und damit verfügbar zu machen. Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, dass für die Vertiefung eines tirolbezogenen Themas wie selbstverständlich unsere Bibliothek aufgesucht wird.
In diesem Sinne ist natürlich auch die bestmögliche Vernetzung mit potenziellen Kooperationspartnern, d.h. Institutionen, Firmen, Einzelpersonen, Chronisten und Wissenschaftlern etc. und die Bereitstellung dieser Netzwerke Aufgabe unserer Bibliothek.

Die österreichische Nationalbibliothek will in Kürze nur mehr digital sammeln. Wie lange wird die Bibliothek des Ferdinandeum noch das Papier zwischen den Deckeln für unverzichtbar halten und wie schaut es im konkreten Fall mit der Vorsorge von Raumkapazitäten aus?

Am Beispiel ÖNB zeigen sich einige Grundprobleme der Bibliothekslandschaft. Wie kaum in einer anderen Sparte ist die Größe der Institution entscheidend für die Wahrnehmung derselben. Und die Politik lässt sich ungern altmodisch nennen – noch klingt „digital“ modern. Dass die ÖNB für kolportiert 30 Millionen Euro (ich erinnere, dass für Bankenrettung in Österreich eine ungleich höhere Summe ausgegeben wurde oder dass sich Österreich gerne als Kulturnation bezeichnet) die Digitalisate aller Drucke bis 1850 an den vorher bereits erwähnten Konzern verkauft, halte ich für ein schwaches Verhandlungsergebnis, auch wenn fairerhalber erwähnt werden muss, dass auch die Bayerische Staatsbibliothek und andere große Bibliotheken diesen Schritt getan haben. Der Großteil der Bibliothekare versieht nun wiederum seine Arbeit im Öffentlichen Dienst – wer soll also kritische Anmerkungen machen?
Was mir auch nicht einleuchtet in dieser Diskussion ist, dass es nur ein Schwarz/Weiß gibt – weshalb kann nicht digital und in Buchform gesammelt werden? Wo sind da die Bemühungen der ÖNB? Und welches Selbstverständnis steckt hinter der Ansage, nur mehr digital zu sammeln? Ein häufig genanntes Argument ist auch noch die Kostenfrage. Darüber ärgere ich mich sehr, ist doch jedem Laien, der ins EDV-Zeitalter einsteigt klar, dass diese Entscheidung Geld kostet, und zwar nicht nur in der Anschaffung – vielmehr, und das bei einer so immensen Datenmenge wie bei Bibliotheken, dass die laufenden Kosten horrend sind. Das Depot auf der vielgenannten grünen Wiese (kann mir jemand sagen, wo die genau ist?) ist jedenfalls günstiger.
Interessant ist auch das Schlampige im Denken der Informationsempfänger. Nehmen wir die Texterkennung. Noch vor 10 Jahren war eine ca. 75%ige Quote das Höchste und eindeutig zu Geringste. Heute wird auch bei alten Texten eine Quote von 95% versprochen – das klingt zugegebenermaßen erstaunlich hoch. Nehmen wir an, die Quote stimmt, so ist immer noch jeder 20. Buchstabe falsch (allein in diesem Absatz wären dann 16 Fehler).
Doch kommen wir zur Bibliothek des Ferdinandeum. Als Museumsbibliothek haben wir den unbezahlbaren Vorteil, dass das Digitalisat stets nur die Kopie ist – wenn wir aber als Museum auf das Sammeln des Originals verzichten, haben wir meines Erachtens eine wesentliche Aufgabe eines Museums nicht erfüllt. Aber ich bin kein Prophet, vielleicht sind nur mehr digital verfasste und auf einer Festplatte gespeicherte Dokumente die Originale der Zukunft – sie werden aber dann mit Sicherheit eine Eigenschaft verloren haben, sie können keine Geschichten erzählen, was der idente Buchtitel, in verschiedenen Bibliotheken untergebracht, bis heute macht. Was die Raumnot anbelangt, so ist sie bei allen Bibliotheken vorhanden. Aber das Ferdinandeum soll ein neues Depot für seine Kunstbestände bekommen und ich hoffe, dass wir dann weitere Räume im Haupthaus für unsere Bibliothek adaptieren können.

Ein kurzer Blick in die Zukunft „Deiner“ Bibliothek?

Ich bin sehr zuversichtlich und glaube, dass Qualität immer einen Platz in einer Gesellschaft finden wird. Als Spezialbibliothek können und müssen wir auch zukünftig eine wichtige Rolle in einer Wissenschaftswelt spielen, die sich immer mehr miteinander vernetzt und immer weniger miteinander spricht.
Aber ich muss Dir widersprechen – es ist nicht „meine“ Bibliothek, auch wenn ich mich jeden Tag über die außergewöhnlichen Bestände freue. Diese Bibliothek (oder auch jede andere wissenschaftliche Bibliothek) ist für mich ein Sinnbild für alles, was die Menschheit auszeichnet – höchste Intelligenz, größte Provinzialität, Menschenliebe und unergründlicher Hass finden sich in ihr und machen sie wie alle Bibliotheken zu Orten, die zutiefst menschlich sind, also ein kleines Abbild von uns allen sind.
Was den Bestand anbelangt, so wird der Buchbestand wohl an Bedeutung verlieren und die Sammlungsbestände werden stärkere Beachtung finden, weil sie etwas erfüllen, was heute Bücher zumindest bei einem Teil der jüngeren Generation nicht mehr können – allein durch das Betrachten Erinnerungen und damit Emotionen auszulösen.

Was Du sonst noch sagen möchtest?

Ein wesentlicher Grund, weshalb ich meinen Beruf so gerne ausübe, und da bin ich wahrscheinlich nicht weit entfernt vom Antiquar, ist, dass ich unglaublich interessante Menschen kennenlernen kann – Menschen, die mehr wissen wollen und z.T. auch mehr wissen und gerne bereit sind, dieses Wissen zu teilen. Dass diese Menschen manchmal seltsame Eigenheiten im sozialen Umgang zeigen, machen sie oft nicht einfach, aber den Beruf noch um einiges spannender. So wage ich also zu behaupten dass jemand, der behauptet, Bücher zu lieben, auch fähig sein muss, Menschen zu lieben.

Mag. Roland Sila, Kustos der Bibliothek des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck. 1971 in Bregenz geboren und in Vorarlberg aufgewachsen, ab 1989 Studium der Germanistik in Innsbruck. Seine Liebe zum Alten Buch entdeckt er früh bei der Arbeit bei einem Antiquar, bevor er ab 1997 erste Projekte in der Bibliothek des Ferdinandeum betreut. Im Jahr 2000 erfolgt die Anstellung, seit 2007 leitet er die Bibliothek.

Veröffentlicht am 14 Aug 2013

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