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Musiktitel von Richard Teschner. Das Archiv der Universal - Edition als Quelle

Autor: Veronika Pfolz

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Kunst, Buchforschung und Musik: Schnittpunkt dieser Interessensgebiete ist die Frage nach künstlerisch gestalteten Publikationen von Musikverlagen. Erstaunlicherweise ist dieses Thema kaum behandelt worden. In letzter Zeit wurde vor allem den Platten- und CD-Hüllen Aufmerksamkeit geschenkt. So hat das 1969 gegründete Münchner Label ECM (Edition of Contemporary Music) zwei Bände zu den Hüllen seiner Produktionen herausgegeben.1 Weiters hat das Plattenlabel Kompakt, ein 1993 gegründetes Kölner Label mit Schwerpunkt elektronischer Musik, auf der Kunstmesse Art Cologne 2013 einen eigenen Stand, wo neben den regulären Veröffentlichungen auch „Sammlereditionen und Kunsttonträger“ angeboten werden.2
Häufig konzentriert sich das Interesse auf ein bestimmtes Motiv, das auf den Hüllen zu finden ist. Ein Beispiel sind Wolken, wie sie derzeit in einer Ausstellung, in der auch Plattenhüllen mit Variationen dieses Motivs gezeigt werden.3 oder Frauendarstellungen auf Umschlag­illustrationen der 1920er Jahre, denen eine kulturhistorische Betrachtung gewidmet ist.4

Doch Literatur zu diesem Thema gibt es sonst kaum.5 So möchte ich hier einen kleinen Anstoß geben und möchte hier - im Hinblick auf die Musiktitel - nicht nur auf ein Spezialthema der Buchkunst, sondern auf ein Archiv aufmerksam machen, in dem es noch einige Überraschungen zu entdecken geben könnte. Es handelt sich um die 1901 gegründete Universal-Edition, die sich unter der Direktion von Emil Hertzka ab 1908 zum Spezialverlag für zeitgenössische Musik entwickelte.6

Einer von diesen Künstlern ist Richard Teschner, der heute vor allem für sein Marionettentheater „Figurenspiegel“ bekannt ist, doch unter anderem auch als Illustrator sehr beschäftigt war. Der erste bekannte von ihm gestaltete Notenumschlag ist für den sogenannten Mondmarsch für ein Maskenfest in Leitmeritz 1901 entstanden.7

Teschner hat zumindest fünf weitere Notenumschläge gestaltet, alle ab 1919 für die Universaledition (UE) in Wien.8 Wie es überhaupt zur Vergabe von Aufträgen zur Gestaltung kam, ist nicht einfach/ pauschal zu beantworten. Im Fall von Schreker und Teschner sind jedoch Unterlagen erhalten, die gewisse Schlüsse erlauben. Schreker, der seine Libretti selbst verfaßte, scheint auch großen Wert auf die künstlerische Ausgestaltung der Plakate sowie der Deckblätter seiner Klavierauszüge gelegt und dazu bekannte Künstler herangezogen zu haben (d. h., er selbst hat sie beauftragt), so auch Alfred Roller oder Emil Pirchan.9

Schon für Schrekers Schatzgräber war Teschner mit der Gestaltung betraut gewesen.10 Für die Gestaltung des Deckblattes für den Klavierauszug zu Irrelohe bildete Richard Teschner das rokokoartig gewandete Brautpaar Heinrich und Eva, die von einem die Wolken durchbrechenden Lichtstrahl hervorgehoben werden. Als Hintergrund fungiert die noch rauchende Brandruine von Schloß Irrelohe; Flammen, die sich zu einem Feuerdämon zusammenballen, rahmen die Szene. Als Schreker den bereits gedruckten Musiktitel sah, konnte er damit nichts anfangen, er bezeichnete die Graphik als „Geschmacklosigkeit, die kein Operettenkomponist akzeptieren würde – nicht einmal Lehar.“11

Schreker dürfte sehr bestimmte Vorstellungen gehabt und diese auch durchzusetzen versucht haben. Ein Brief Teschners an Emil Hertzka vom 24. 8. 1923 läßt erahnen, welche Schwierigkeiten sich hier ergeben haben.

„Anbei eine Farbenprobe für „Irrelohe“. So muß das Titelblatt gedruckt werden. Mit weiteren Farben geht es, wie ich schon gesagt habe, nicht. Das Blatt hat (trotz Herrn Schreker) seine Qualitäten als Federzeichnung, wenn wir Farben dazu geben, wird´s ein koloriertes Bildl. Vielleicht hat Meister Schreker einen Farbenkasten, und kann sich die Titelblätter selbst ausmalen – noch besser ist, er befaßt sich wieder mit seiner Musik, von der er bedeutend mehr versteht, als von Malerei u. ä. Zu seiner vollkommenen Beruhigung werde ich ihm bei unserer nächsten Begegnung schwören, daß ich für ihn in alle Ewigkeit kein Titelblatt mehr machen werde und wenn mir die Univ. Ed. 100 Millionen bietet.“12

Dieser Konflikt war wohl der Grund für eine im Vergleich zu anderen Notenausgaben sehr ungewöhnliche Lösung: der Klavierauszug weist nun zwei Titel - Deckblätter auf: die Zeichnung als Art Frontispiz in dunklem Rotbraun sowie ein einfacher Umschlag nur mit dem Namen des Komponisten und dem Titel Irrelohe – sehr effektvoll weiß auf rotem Grund.13

Bietet dieser Brief einen gewissen Einblick zur Auftragsvergabe der Umschlaggestaltung, aber auch von Teschners Selbstverständnis als Künstler, so gibt ein weiterer Briefwechsel, der sich im Archiv erhalten hat, eine Vorstellung von Teschners Vorgangsweise in geschäftlichen Belangen. Bei dieser Korrespondenz handelt es sich um eine Anfrage Teschners an Yella Hertzka, die nach dem Tod ihres Mannes Emil Direktorin der UE war.14

Gersthof, 10. September 32
Sehr geehrte Frau Jella H! [sic] Ich komme heute mit einem Anliegen, daß ich schon lange vorbringen wollte. Es handelt sich um die Radierung „Musik“; die ist nach Ansicht der „Fachmänner“ und auch nach meinem Gefühl meine beste Graphik bis jetzt gewesen (und sie wird es wohl auch bleiben); es hat mich immer gewurmt, daß das Blatt so [vergraben?] sein muss, und niemand eine Freude davon hat. – dazu kommt jetzt der Umstand, daß ich mich in peinlichen finanziellen Nöten befinde, - die letzten Reserven sind auf das neue Figurentheater aufgebraucht, - Aufträge gibt es keine – Gibt es keine Möglichkeit, daß ich die Originalplatte zurückhaben könnte, oder eine Anzahl von Drucken? Wenn ich eine kleine Auflage von Drucken „in memoriam E. H“ herausbringen könnte, wäre das sehr schön und nützlich!? Bitte erwägen Sie die Sache und schreiben Sie mir darüber! Oder kommen Sie bald? Dann lieber mündlich! In alter Freundschaft Ihr dankbarer Ri. Teschner Grüße an die Hoferin

Es existiert ein Antwortschreiben der UE, auf dem auch der Erhalt von 20 Drucken von Emma Teschner am 9. November 1932 bestätigt ist. Dieser kurze Briefwechsel läßt einige interessante Rückschlüsse (abgesehen von der prekären finanziellen Lage Teschners) zu: Die Verbindung Teschner und UE - respektive Emil und Yella Hertzka - hat also lange nach 1919/20 bestanden, Yella Hertzka dürfte zudem Zuschauerin des Figurentheaters gewesen sein. Teschner hat nicht nur Umschläge für die UE gemacht, sondern auch eine Graphik. Diese entstand anscheinend auf Auftrag der UE respektive Emil und Yella Hertzka. Darauf deutet der Umstand, daß sich die Platte im Besitz der UE befand und möglicherweise immer noch befindet. Der Frage nach Auftraggebern möchte ich hier kurz weiter nachgehen, gewinnt man so doch eine Vorstellung von Teschners kaufmännischem Gebaren. Dem Brief an Yella Hertzka nach könnte man schließen, daß Emil Hertzka Besteller des Werks war. Ein wesentlich älterer Brief an den Kunstkritiker Arthur Rössler zeigt aber, daß Hertzka zwar Käufer, nicht aber der eigentliche Auftraggeber war:

21. November 1918 Sehr geehrter Herr Rössler! Möchte Ihnen heute mitteilen, daß die Prager-Kunstvereins-Leute mit dem Entschluß, das Blatt „Musik“ anzukaufen, noch zögern. (Habe sie ganz richtig beurteilt!) Wenn Sie sich gleich entscheiden könnten, das Blatt für Ihre Mappe, wie besprochen, zu nehmen (6 würde ich aus den Prager [?] wegnehmen und sie so aus ihrem Dilemma befreien.– Bitte um Preis-Vorstellung.– Bestens grüßend Ihr Richard Teschner15

Dies heißt, daß Teschner ein Blatt geschaffen und es zunächst dem Prager Kunstverein angeboten hat. Dessen zögerliches Verhalten führte dazu, daß sich der Künstler an Rössler wandte. Daß keiner der beiden zugegriffen haben dürfte, zeigt der oben zitierte Brief an Yella Hertzka. So läßt sich festhalten, daß Teschner natürlich auf Auftrag hin gearbeitet hat, genauso aber mit bereits vollendeten Arbeiten auf Suche nach Interessenten gegangen ist.

Möglicherweise hat Teschner auch noch weitere als die derzeit bekannten Musiktitel für die UE gestaltet, es existiert jedoch kein entsprechendes Künstlerverzeichnis.

WEITERE KÜNSTLER
Eine kurze Durchsicht von Musiktiteln der Jahre 1919 – 1920 zeigt Umschlaggestaltungen von Künstlern wie Felix Albrecht Harta,16 Remigius Geyling17, Gabor von Ferenchich,18 Clara Sulzer19 oder Hermann Grom-Rottmayer.20 Nicht zu vergessen ist, daß die Universaledition auch als Buchverlag21 in Erscheinung getreten ist und neben den Notendrucken auch Zeitschriften im Programm waren, die von durchwegs bekannten Künstlern illustriert worden waren. So haben hier Künstler wie Carry Hauser und Oskar Schlemmer bei der Gestaltung mitgewirkt.22

Das Archiv der UniversalEdition bietet somit ein interessantes Untersuchungsfeld. Es bleibt zu vermerken, daß es kein Künstlerverzeichnis gibt und auch keine genauen Angaben zur Anzahl der entsprechenden Musiktitel. Weiters ist festzuhalten, daß das Archiv nicht ganz vollständig ist. Seitens der Edition ist man bemüht, die Lücken zu füllen, dabei sind Privatpersonen, die entsprechende Funde dem Archiv zukommen lassen, eine Hilfe. Auch wenn das Archiv zur Zeit nicht zur Gänze vollständig ist, stellt es eine wichtige Quelle für kunst- wie kulturhistorische Fragestellungen dar. Eine systematische Durchforschung ist wünschenswert und dürfte interessante Ergebnisse zeitigen.

Dieser Aufsatz erschien in den Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich. Nr. 2013-1.

Fußnoten

1 Ich danke der Universaledition für die Abbildungen und besonders Frau Katja Kaiser, Editorial Department / Historical Archive, für Auskunft und Hinweise.  ECM - edition of contemporary music. Sleeves of desire - a cover story (Konzeption: Manfred Eicher et al.), Baden: Müller, 1995 sowie Der Wind, das Licht: ECM und das Bild, hrsg. Lars Müller. Baden: Müller, 2010. Vgl. die Ausstellung ECM — Eine kulturelle Archäologie, Ausstellung München , Haus der Kunst 23.11.12 – 10.02.13

2 Vgl. Dominikus Müller, Kito Nedo, Der DJ als Galerist. Das Plattenlabel Kompakt stellt auf der Art Cologne aus. Was will die Musik auf der Kunstmesse?, in: Die Zeit, Nr. 16, 11. April 2013, S. 55

3 Wolken – Die Welt des Flüchtigen, Ausstellung Museum Leopold Wien März – Juli 2013

4 Vgl. Monika Portenlänger, Kokettes Mädchen und mondäner Vamp: die Darstellung der Frau auf Umschlagillustrationen und in Schlagertexten der 1920er und frühen 30er Jahre, Marburg: Jonas: 2006

5 Einen kleinen Einblick geben Schöne Musiktitel. Notendrucke im Zeitalter Haydns und Mozarts, hg. Albert Ernst, Aschendorff Münster 1992 (Kostbarkeiten aus westfälischen Archiven und Bibliotheken 2); Sonderausstellung zum 8 Internationalen Musik Festival Davos 23. Juli – 29 August 1993. Vom Jugendstil zum Art Déco. Künstlerisch gestaltete Musiktitel aus zehn europäischen Ländern. Eine Kulturveranstaltung des Kur- und Verkehrsvereins Davos Austellungskonzeption und Exponate Dokumentationsbibliothek Walter Labhart

6 Emil Hertzka, 3. 8. 1869 Budapest - 9. 5. 1932 Wien

7 Reinhold Kühnel, Mondmarsch für das Maskenfest der Ortsgruppe Leitmeritz des Bundes der Deutschen in Böhmen, F. Seifert +Co. Leitmeritz 1901

8 Universal Edition, Nr. 6136: Schreker, Der Schatzgräber (1919); Nr. 6225: Reznicek, Blaubart, Klavierauszug (1919); Nr. 6435: Julius Bittner, Klavierauszug zu La tarantella de la mort (1920); Nr. 6567: Grotesken-Album (Bartok, Grosz, Hába, Krenek, Petyrek, Rathaus , Réti, Wellesz (1921); Nr. 7212: Schreker, Irrelohe (1923)

9 75 Jahre UE (1901 – 1976), Katalog zur Ausstellung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek im Historischen Museum der Stadt Wien, hg. Ernst Hilmar, unter Mitarbeit von Otto Brusatti, Wien UE 1976, Nr. 28, S. 17f

10 Universal Edition, Nr. 6136: Schreker, Der Schatzgräber (1919); Uraufführung 21. Jänner 1920 Oper Frankfurt unter Ludwig Rottenberg, vgl. http://www.schreker.org/neu/biograph/chrono/chrono.html, abgerufen 8. Juni 2013

11 Christopher Hailey, Franz Schreker, 1878 – 1934. A cultural biography, Cambridge University Press 1993, ad Irrelohe 176-195, v a 190

12 Zit. nach75 Jahre.UE. Nr. 28, S 17f, hier 18

13 Laut Hailey existiert eine Variante in weiß – grün. Uraufführung von Irrelohe in Köln unter Otto Klemperer am 27. März 1924, vgl. http://www.schreker.org/neu/biograph/chrono/chrono.html, abgerufen 8. Juni 2013

14 Das Archiv der UE ist nicht öffentlich, ich zitiere daher den gesamten Brief, der keine Inventarnummer hat, und danke Frau Katja Kaiser, Editorial Department / Historical Archive, Universal Edition AG. Zu Yella Hertzka, geb. Fuchs, 4.2.1873 Wien - 13.11.1948 Wien, vgl. Ulrike Krippner, Iris Meder, „Ein herrliches Selbstbewusstsein“. Wiener jüdische Gartenarchitektinnen im frühen 20. Jahrhundert, in: Die Gartenkunst, 22. Jhg., 2010, Nr.2, 265-282; zu Yella Hertzka v a. 265-268. Vgl. auch Corinna Oesch, Yella Hertzka (1873 - 1948). Vernetzungen und Handlungsräume in der österreichischen und internationalen Frauen- und Friedensbewegung, Diss. Wien 2012

15 Wiener Stadt- und Landesbibliothek I.N.167.010

16 Felix Albrecht Harta, 2. 7. 1884 Budapest - 27. 11. 1967 Salzburg. Illustration zu Wilhelm Grosz, Op. 3. Fünf Gedichte aus dem "Japanischen Frühling" von Hans Bethge, UE Nr. 6320, 1919

17 Remigius Geyling, 1878 Wien – 1974 Wien, Bühnenbildner, Graphiker, Illustrator. Vgl. Friedrich C. Heller, Die bunte Welt. Handbuch zum künstlerisch illustrierten Kinderbuch in Wien 1890 – 1938, Christian Brandstätter Verlag 2008. Illustration zu Jan Brandts Buys, Micarême. Oper in einem Akt. Text von Bruno Warden und J. M. Welleminsky, Wien, Leipzig : Universal-Edition: 1920, U.E.6465 Klavierauszug

18 Gabor von Ferenchich, Illustration zu Melodienperlen. 100 volkstümliche Weisen und Klavierstücke, eingerichtet v. Geza Horvath, Heft 1, UE 6301, 1920

19 Clara Sulzer, geb. 2. 1. 1852. Illustration zu Johanna Müller-Hermann, Symphonie op. 27, für Soli, Chor und Orchester, Worte v. Ricarda Huch, Klavierauszug, UE 6322, o. J.

20 Hermann Grom-Rottmayer, 20. 12. 1877 Wien - 24. 1. 1953 Wien, Maler, Graphiker, Bühnenbildner und -lichttechniker, Fachautor, vgl. Friedrich C. Heller, Die bunte Welt. Handbuch zum künstlerisch illustrierten Kinderbuch in Wien 1890 – 1938, Christian Brandstätter Verlag 2008. Illustration zu Julius Bittner, Die Kohlhaymerin, Oper in drei Akten, Klavierauszug UE Nr. 6430, 1920

21 75 Jahre UE (1901 – 1976), Katalog zur Ausstellung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek im Historischen Museum der Stadt Wien, hg. Ernst Hilmar, unter Mitarbeit von Otto Brusatti, Wien UE 1976. Ab Seite 83, Nr. 208 UE als Buchverlag, z b Harmonielehre Schönberg, UE 3370, 1911, Zeitschrift Pult und Taktstock ab 1924.

22 S. 86, Nr. 218. 25 Jahre neue Musik, Jahrbuch 1926, UE Nr. 8500, 1926, Bildschmuck von Carry Hauser . S. 86, Nr. 217, Schrifttanz, Organ der deutschen Gesellschaft für Schrifttanz, Vierteljahresschrift geleitet v A. Schlee, Heft II, Mai 1929, Titelblatt von Oskar Schlemmer

Veröffentlicht am 02 Oct 2013

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