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Murray G. Hall – Eine Würdigung

Autor: Joy Antoni

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Murray G. Hall – Eine Würdigung
„Er will gleichsam den Wald, und der andere die Bäume (…)“ heißt es bei Robert Musil über den Menschen mit „Möglichkeitssinn“ und Robert Musil war es auch, der den weiten Weg von Winnipeg in Kanada nach Wien bereitete, den Murray G. Hall als junger Germanistikstudent im Jahr 1970 einschlug. Über 40 Jahre später ist kein Name so eng mit, auch international renommierter, österreichischer Buch-, Verlags- und Provenienzforschung verknüpft wie seiner: Murray G. Hall, außerordentlicher Professor für deutsche Literatur an der Universität Wien, Mitbegründer und Leiter der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich, Autor und Herausgeber von über 200 Publikationen, darunter Monumental- und Standardwerke zur österreichischen Buch- und Buchhandelsgeschichte, engagierter Förderer junger WissenschafterInnen, Träger zahlreicher Auszeichnungen und Ehrungen.

Doch zunächst zurück in die 1970er Jahre austriacischer Prägung, als der damals 23-Jährige in Wien eintraf und sich für Forschungsfragen interessierte, die im weitestgehend vergangenheitsblinden Wien sonst kaum jemanden interessierten. Als Dissertant über Robert Musil (Promotion 1975) wurde Hall auf den in Musils Tagebüchern erwähnten jüdischen Schriftsteller, Journalisten und Verfechter emanzipatorischer gesellschaftspolitischer Anliegen, Hugo Bettauer, aufmerksam. Dessen Ermordung 1925 durch einen NSDAP-Anhänger steht exemplarisch für die antidemokratische und antisemitische Stimmungslage der Ersten Republik, die schon bald darauf durch das austrofaschistische Herrschaftssystem abgelöst wurde. Hall machte Hugo Bettauer zu seinem Forschungsthema (Buchpublikation 1978) und mit ihm die österreichische Literatur-, Buch- und Verlagsgeschichte der Zwischenkriegszeit erstmals in der Zweiten Republik einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

1985 erschien nach jahrelanger Dokumentationsarbeit Halls zweibändiges Standardwerk zur österreichischen Verlagsgeschichte der Zwischenkriegszeit, eine bis dahin nicht einmal ansatzweise vorhandene systematische historisch-analytische Aufarbeitung sämtlicher österreichischer Verlagsgeschichten der Jahre 1918-1938. Ein unverzichtbares Nachschlagewerk, Hauptpublikation von Halls kumulativer Habilitation 1987, darüber hinaus Grundstein und Referenzpunkt zahlreicher darauf aufbauender Forschungsarbeiten (seit 2009 auch als Online-Service verfügbar, http://verlagsgeschichte.murrayhall.com). Durch seinen interdisziplinären und kontextorientierten Forschungszugang thematisiert Hall nicht nurin seiner Verlagsgeschichte auch ein Stück weit österreichische Zeitgeschichte, politische Geschichte, und nicht zuletzt auch die unzähligen Einzelschicksale österreichischer Buch- und Verlagsmenschen, für die es spätestens ab dem „Anschluss“ am 12. März 1938 nur noch ums Überleben ging.

Lebendige und kritische wissenschaftliche Forschung und Lehre stehen seit Jahrzehnten im Zentrum von Halls Bemühungen und es ist sein Verdienst, dass die österreichische Buchhandels- und Verlagsgeschichte im universitären Bereich in Österreich etabliert werden konnte, wenngleich das Desideratum eines Lehrstuhles für Buchwissenschaft noch auf Erfüllung wartet. Für einen Einblick in die Vielfalt aktueller Forschung in Österreich zu allen Perioden in der Geschichte des Buchhandels und Verlagswesens bis in die Gegenwart empfiehlt sich ein Online-Besuch der Wienbibliothek, wo ausgesuchte aktuelle wissenschaftliche Arbeiten im Volltext abrufbar sind – ein Gemeinschaftsprojekt von Prof. Hall und der Wienbibliothek im Rathaus.

Einen Meilenstein in der Entwicklung außeruniversitärer Forschung bildet die Gründung der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich, die Prof. Hall im Herbst 1998, gemeinsam mit Prof. Dr. Peter R. Frank, ins Leben rief. Sie fördert Forschungen zum österreichischen Buchwesen, koordiniert Studien und weist laufend auf Neuerscheinungen wie auch auf Lücken der bisherigen Forschung hin. Die Interessen der Gesellschaft gelten dem Buchwesen vom Autor zum Leser, den herstellenden und vermittelnden Institutionen (Druck, Buchhandel, Verlag, Bibliotheken, Zensur u.a.) und den Druckwerken (Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Musikalien, Landkarten, Plakaten). Sie erstrecken sich auf das gesamte Gebiet der habsburgischen Monarchie bis 1918 (auf Österreich und die Nachfolgestaaten) sowie auf die Republiken, von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Über die Tätigkeit der Gesellschaft berichten die zweimal jährlich erscheinenden „Mitteilungen“. Sie bringen Artikel, Hinweise auf Forschungsprojekte und eine Bibliographie von Neuerscheinungen zum Thema Buchforschung in Österreich.

2002 wurde Hall mit dem „Goldenen Ehrenzeichen um die Verdienste des Landes Wien“ ausgezeichnet. 2007 erhielt er, gemeinsam mit dem Autorenteam des Ausstellungskataloges „Geraubte Bücher“, für seine Forschungen zur NS-Vergangenheit der Österreichischen Nationalbibliothek den Preis des Vereines Buchkultur e.V. für herausragende Leistungen zur Buchkultur. Ebenfalls 2007 wurde ihm, anlässlich seines 60. Geburtstages, eine umfassende Festschrift gewidmet. Seit Oktober 2013 ist Prof. Hall korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereines des Deutschen Buchhandels.

Auch wenn viele seiner Aktivitäten hier unerwähnt blieben (etwa sein jahrzehntelanges Engagement für die englische Redaktion des ORF) und eine vollständige Aufzählung aller Themen, die den Wissenschafter beschäftigten und beschäftigen, schier unmöglich ist, wird in seinem Tun und Bemühen doch eine Konstante deutlich: Der Sinn für das Mögliche, für das Noch-nicht-Verwirklichte als Grundvoraussetzung und Antriebskraft wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses. Fachliche wie persönliche Integrität und Authentizität, Offenheit, freundliches Interesse am Gegenüber, eine innere Haltung, die die Sache vor den Eigennutz stellt und schließlich die Fähigkeit zur Kontinuität, auch gegen Widerstände. Diese Eigenschaften zeichnen den Wissenschafter per se aus. Murray G. Hall ist ein Wissenschafter, ein Forschender im besten Sinne.

Wir, die Mitglieder des „Verbandes der Antiquare Österreichs“, freuen uns und sind stolz darauf, Prof. Dr. Murray Hall als österreichischen "ILAB Patron of Honour" gewonnen zu haben.

Veröffentlicht am 25 Nov 2013

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