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La garde meurt – mais elle ne se rend pas. Nachrichten aus Paris

Autor: Dieter Tausch

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La garde meurt – mais elle ne se rend pas. Nachrichten aus Paris
Vom 10. bis 16. April hat der Zirkus des alternden Buchhandels in Paris Station gemacht: Seit Gründung der ILAB zum dritten Mal nach 1961 und 1988 mit der Abhaltung des internationalen Kongresses mit dazugehöriger Messe im großartigen Ambiente des Grand Palais. Es genügten in der wolkenlosen Frühsommerluft mit blühenden roten und weißen Kastanien, Glyzinien und Flieder zwei Busse, um die 78 KongressteilnehmerInnen durch Paris und seine bibliophile Umgebung zu führen. In der Weltstadt und Buchstadt Paris wirkte das Trüppchen in die Jahre gekommener Buchartisten eher wie der Familienausflug à la Fanny und Alexander. (Die Raubtier-Menagerie zur Pause hat kaum noch BesucherInnen). Man kennt einander seit Jahren, ist miteinander älter oder sogar alt geworden, erkundigt sich nach KollegInnen, denen die Anreise schon zu mühsam ist und wundert sich gemeinsam über die rasende Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen im Antiquariatshandel vor sich gehen. Jüngere KollegInnen sah man allenfalls auf der vor dem Kongress abgehaltenen Messe, zum Teil als Aussteller, aber vor allem, um sich so eine Großveranstaltung einmal anzusehen und eventuell etwas Ausgefallenes einzukaufen.

Am Kongress selbst waren keine jüngeren AntiquarInnen anwesend. Die Kongressgebühr und die längeren Hotelaufenthalte etc. sind für sie kaum noch leistbar, die Zeit ruft, man muss die Internetbestellungen zur Post bringen und das Interesse ist vermutlich auch sonst nicht überbordend. Dabei waren die Besuche in der Bibliothek des Arsenals, der Nationalbibliothek, in der Bibliothek des Schlosses Chantilly und bei den Büchern des Kardinals Mazarin gespickt mit sensationellen Objekten, die eigens für die BesucherInnen der ILAB aus den Tresoren geholt worden waren. Vielleicht nahmen auch (fast) alle der „großen“ Antiquare (deren Prachtstände auf der Messe Zimelien im fünf- und sechsstelligen Preis präsentiert hatten) nicht am Kongress teil, weil ihre Ware im Vergleich zu den Kostbarkeiten, die in den oben genannten Bibliotheken gezeigt wurden, doch etwas zu wenig alt oder sonstwie ältlich gewirkt haben.

Die ökonomischen Ergebnisse und/oder Erfolge auf der Messe waren – wie allenthalben in den vergangenen Jahren euphemistisch und kryptisch kommentiert: durchwachsen. Der Besuch war an allen Öffnungstagen zufriedenstellend, das Interesse groß, die Kaufbereitschaft zurückhaltend. Zwei der österreichischen Kollegen konnten ihre Stimmung wie manch andere innert ein paar Minuten von depressiv auf euphorisch aufhellen, mancher spielte nicht einmal die Kosten für die Spedition seiner Ware ein (in einem Fall aus Übersee bei einer Miete von schmalen 40.000 Euro für einen Prachtstand im Sektor A). Flagge zeigen ist alles, auch auf Halbmast und da der Champagner von einer Firma gesponsert war (24 Öro la bouteille) floss er in Strömen: „Nach dem Sieg verdienst Du ihn, nach der Niederlage brauchst Du ihn“ (vor oder nach Waterloo?).

Die Schampäin-Party endete mit dem Übergang zum Kongress, der ordentlich und bemüht organisiert war. Highlights gab es weder gastronomisch noch im Erleben – wer sich nicht selbst unterhalten konnte, fand die Veranstaltung etwas langweilig. Es gab zum Beispiel kein Treffen mit dem Glöckner von Notre Dame in seinen Türmen. Überraschend war die Qualität der Sammlungen im kleinen Palais und die Eleganz des Etablissements des französischen Automobilklubs an der Place de la Concorde (Farewell-Dinner). Zwei richtungsweisende Entscheidungen gab es am Presidents Meeting. Zum einen wurde mit schmaler Zweidrittelmehrheit ein finales Verhandeln mit abebooks (=amazon) beschlossen, dagegen stimmten Belgien, Frankreich, Österreich und Ungarn. Offensichtlich hatten viele nationale Vertreter wider besseres Wissen Angst vor der Schelte derjenigen ihrer Mitglieder, die im Netz und in einer Ehe mit Amazon den letzten Strohhalm ihrer materiellen Existenz erblicken. Hier wird es noch eine Endabstimmung beim Vorliegen endgültiger Verträge geben, die diese Zusammenarbeit hoffentlich doch noch ablehnt. Zum anderen wurde das ILAB-Committee neu aufgestellt, die neu zu besetzenden Plätze wurden mit großen Mehrheiten, der neue Präsident (Norbert Donhofer aus Österreich) und der Vizepräsident (Gonzalo Fernández Pontes aus Spanien) wurden einstimmig bestellt. Wir freuen uns und gratulieren – zum ersten Mal seit der Gründung der Liga 1946 steht ein österreichischer Antiquar an ihrer Spitze.

Wer zusätzlich Zeit und Interesse hatte, besuchte die für unseren Berufsstand sehr beeindruckende Sonderschau von Gustave Doré im Museé d’Orsay. Dank und Respekt unseren Freunden der Grande Nation und des SLAM, à bientot à Budapest. Und eine Verbeugung vor Bill Viola, der meinen Aufenthalt in Paris mit der Retrospektive seiner Videos (1975 bis 2013) im Grand Palais nebenan zu einem ganz besonders sensationellen Erlebnis gemacht hat – ein wirklicher „grand chéf“! Die fesche neue Bürgermeisterin, Madame Hidalgo, wird mir ebenso in Erinnerung bleiben wie mein Hotelier, der die Scheine für meinen Aufenthalt elegant in seiner Hosentasche verschwinden lässt: Nur eines bleibt unbestritten: Das Rathaus in Wien ist imposanter und größer als jenes Hotel de Villechen.

Foto: Salon International du Livre Ancien, Grand Palais (c) ILAB

Rede des ILAB-Präsidenten Norbert Donhofer zur Eröffnung des 41. ILAB-Kongresses in Paris, Hotel Le Marois, am 13. April 2014

Rede des ILAB-Präsidenten Norbert Donhofer anlässlich des Farewell-Dinner im Club Automobile de France, Place de la Concorde, Paris, am 16. April 2014

Veröffentlicht am 24 Apr 2014

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