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"Das Vertrauen in den professionellen Antiquariatsbuchhandel zu stärken, hat für mich oberste Priorität"

Autor: Bettina Führer

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"Das Vertrauen in den professionellen Antiquariatsbuchhandel zu stärken, hat für mich oberste Priorität"
Mitte April ist der Wiener Antiquar Norbert Donhofer zum neuen ILAB-Präsidenten gewählt worden. Im Interview spricht er über die aktuellen Herausforderungen des internationalen Antiquariatsbuchhandels und seine Pläne für die kommenden zwei Jahre.

In Ihrer Rede zum Abschluss des ILAB-Kongresses haben Sie die Wirtschaftskrise und die Digitalisierung als die großen Herausforderungen des Antiquariatsbuchhandels identifiziert. Welche Möglichkeiten hat denn die ILAB als internationaler Dachverband mit diesen Gegebenheiten umzugehen?

Zunächst muss man beide Problemfelder getrennt voneinander betrachten. Gegen eine internationale Wirtschaftskrise kann in Wirklichkeit niemand etwas ausrichten – und auch wenn sich der Markt langsam etwas erholt, sind große Anstrengungen vonnöten, damit unser Geschäft einigermaßen läuft. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist die sorgfältige Pflege der Kundenbeziehungen besonders wichtig und wir versuchen, unseren Kundinnen und Kunden – seien es private Sammler oder Institutionen –, wo immer es möglich ist, entgegenzukommen.
Der Umsatz, den wir mit dem Verkauf von Büchern an öffentliche Institutionen und Bibliotheken machen, stagniert schon seit vielen Jahren, weil die Budgets für den Ankauf von Büchern und anderen Objekten unter anderem wegen steigender Personalkosten jährlich schmaler werden.
Gleichzeitig verursacht die Digitalisierung der Bestände hohe Kosten. Im Falle der Österreichischen Nationalbibliothek bezahlt zwar Google die Digitalisierung der urheberrechtsfreien Werke in München, doch die Verpackung der Bücher, der Transport, das Wiederaufstellen und so weiter müssen von der Nationalbibliothek getragen werden. Das ist wiederum Geld, das zumindest teilweise aus den Ankaufsbudgets genommen wird. 
Mit der Digitalisierung der Bibliotheksbestände bricht dem Antiquariatsbuchhandel aber auch eine wichtige Käuferschicht weg, denn ein Großteil unserer Kunden kam bisher aus der universitären Lehre und Forschung. Die Texte, die sie für die Vorbereitung von Seminaren, Vorlesungen und wissenschaftlichen Arbeiten benötigen, sind nun online zugänglich und werden nicht mehr im Antiquariat nachgefragt. Uns bleiben im Grunde nur noch die echten Sammler.

Aber auch diese Käuferschicht ist im Wandel begriffen. Wächst derzeit eine neue Generation von Sammlern nach?
Schon, aber dies geschieht langsam und es verlangt viel Aufmerksamkeit, neue Kunden zu gewinnen und zu halten. Früher war das ein Selbstläufer, das ist es heute längst nicht mehr. Trotzdem gibt es immer wieder neue Sammler, auch jüngere, aber der klassische Antiquariatskunde ist nach wie vor ein älterer. Gleichzeitig entstehen aber auch immer wieder neue Absatzmärkte.

Wo sind denn international die derzeit vitalsten Märkte für antiquarische Bücher?
Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Bildung zahlreicher neuer Nationalstaaten hat sich damals ein riesiger Markt mit einer entsprechend breiten Sammlerschicht aufgetan. Selbstverständlich spüren auch die Sammler in Russland und den angrenzenden Republiken die Krise, trotzdem ist dies ein Markt, auf dem man auch künftig viel verkaufen können wird, da es dort keine großen Bestände gibt. Auch China und Indien werden sich in den kommenden Jahren zu wichtigen Märkten entwickeln. Und im arabischen Raum hat sich in den vergangenen Jahren eine Käuferschicht gebildet, die man vor allem auf den Antiquariatsmessen in London und Paris trifft. Es gibt aber auch eine Handvoll Kollegen, die auf den Messen in Dubai und Abu Dhabi ausstellen – und das offensichtlich mit Erfolg. Da tut sich was.

Welche Ziele haben Sie für Ihre Amtszeit als ILAB-Präsident? Gibt es konkrete Projekte, die Sie umsetzen möchten?
Das wohl wichtigste Projekt, über das während des ILAB-Presidentsʼ Meeting in Paris abgestimmt wurde, ist eine strategische Kooperation mit AbeBooks, deren Ziel es ist, ILAB-Mitglieder als die weltweit führenden Expertinnen und Experten im Antiquariatsbuchhandel auf der AbeBooks-Seite besonders hervorzuheben. Das wäre zum einen ein großer Vorteil für alle ILAB-Händler, die ihre Bücher über die weltweit größte Online-Datenbank für vergriffene Bücher verkaufen, und zum anderen auch für potenzielle Käuferinnen und Käufer, da das ILAB-Logo als Gütesiegel fungiert und die Käufer auf die hohe Qualität sowie die Echtheit der Objekte, eine angemessene Preisgestaltung und die genaue Beschreibung der Waren vertrauen können. Die Vorsitzenden der einzelnen nationalen Verbände haben den Antrag über die Kooperation sorgfältig geprüft und den ILAB-Vorstand schließlich mit der Weiterführung der Verhandlungen mit AbeBooks und der Vorbereitung eines Papiers beauftragt, das die Details der Zusammenarbeit zwischen ILAB und AbeBooks – und auch deren Grenzen – festlegen soll. Sobald das geschehen ist, wird der Antrag erneut mit den Vorsitzenden der nationalen Verbände diskutiert und ich denke, in zwei, spätestens drei Monaten kann das Projekt zum Abschluss gebracht werden.
Dieses Projekt wird nicht von allen geliebt, aber mit AbeBooks gute Konditionen für die ILAB-Mitglieder zu verhandeln, ist deshalb so wichtig, weil 65 Prozent aller ILAB-Antiquariate ihre Bücher bei AbeBooks listen und viele davon auf den Online-Handel angewiesen sind. Diejenigen, die ihre Bücher nicht über die Plattform der Amazon-Tochter verkaufen möchten, müssen das ja nicht tun.

Welche Bedenken bestehen denn gegen die Kooperation?
Zu Beginn haben wir die Möglichkeit, Bücher im Internet zu verkaufen, uneingeschränkt positiv gesehen: Plötzlich konnten wir ein fünfbändiges Standardwerk über Kaiser Maximilian nach Australien verkaufen. Das wäre früher undenkbar gewesen.
Mit der Zeit hat sich aber auch die unschöne Seite des Internethandels gezeigt – etwa, dass Beschreibungen geklaut werden. Dagegen ist man quasi machtlos. Außerdem macht das Netz den Antiquariatsbuchhandel oft transparenter als das von Käufer gewünscht ist. Ich selbst habe vor einigen Jahren ein Buch, dessen Wert im sechsstelligen Bereich liegt, in einen Messekatalog aufgenommen. Dieser wurde über den ILAB-Verteiler verschickt – mit dem Resultat, dass das sofort im Google war und jeder nachschauen konnte, wie viel das Buch wert ist, was wiederum die Käufer gar nicht wollen. Deshalb werden die wirklich seltenen Bücher eigentlich nicht über Internetplattformen verkauft.

Welche weiteren Vorhaben stehen auf der Agenda des neuen ILAB-Vorstands?
Wir planen beispielsweise einen weltweiten „Rare Book Day“ am UNESCO Welttag des Buches und des Urheberrechts am 23. April, die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit mit CINOA (Confédération Internationale des Négociants en Oeuvres d'Art) und IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) sowie Neuerungen auf der ILAB-Webseite.
Ein weiterer, sehr wichtiger Schritt wird auch sein, über die ILAB-Webseite die zahlreichen „Rare-Book-Schools“ zu bewerben und ILAB-Mitglieder zu einer Teilnahme an diesen Seminaren zu ermuntern. In den USA, Frankreich, Australien, Deutschland und jetzt auch in England erfreuen sich diese Seminare einer außerordentlichen Beliebtheit. Sie sind fächerüberschreitend und sprechen zu einem hohen Prozentsatz Studierende an, und das sind ja wohl auch potenzielle Kunden der Zukunft.

Um die Zugriffsquote auf die ILAB-Webseite zu erhöhen, haben wir Anfang 2014 einen Vertrag mit der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) geschlossen, laut dem die Webseite der ILAB im digitalen Bestand der BSB gelistet wird. Was zunächst unspektakulär aussieht, hat es in sich: Die Webseite der BSB ist weltweit mit Tausenden Webseiten anderer Bibliotheken verlinkt, und damit auch der Zugriff auf die gespeicherten Daten, was der ILAB deutlich mehr Sichtbarkeit verschafft.

Neben all diesen Einzelprojekten ist die wichtigste Aufgabe der ILAB jedoch, das Image des internationalen antiquarischen Buchhandels zu verbessern und das durch spektakuläre Bücherdiebstähle und -fälschungen angeknackste Vertrauen in den Antiquariatsbuchhandel wieder aufzubauen. Dies kann nur gelingen, wenn alle ILAB-Mitglieder die Standards hochhalten, die im „Code of Usages and Customs“ definiert wurden, und wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Seriosität und Professionalität der ILAB-Händler kommunizieren. Das hat für mich oberste Priorität.

Haben sich die Diebstähle und Fälschungen in den vergangenen Jahren tatsächlich so gehäuft oder hat sich nur die Wahrnehmung dieser Fälle durch die mediale Berichterstattung erhöht?
Buchdiebstahl hat es immer gegeben und wird es immer geben, aber dass über Jahre die historische Sammlung einer kompletten Bibliothek ausgeräumt wird, wie es in Neapels ältester Bibliothek, der Biblioteca dei Girolamini, geschehen ist, das ist schon eine neue Dimension. Die Bücher sind schließlich über Top-Händler an wichtige Sammler und Institutionen verkauft worden, die jetzt ihre Ankäufe der vergangenen Jahre genau prüfen müssen. So etwas beschädigt das Vertrauen nachhaltig. Amerikanische Bibliotheken verlangen seither eine lückenlose Provenienz eines jeden Buches, die oft nicht leicht zu erbringen ist.

Mit Fälschungen verhält es sich ähnlich. Auch diese hat es immer gegeben – nur wurden sie früher leichter aufgedeckt, weil die Fälschungen in der Regel dilettantisch waren. In den vergangenen 20 Jahren haben sich die technischen Möglichkeiten so verbessert, dass nicht einmal Experten die Echtheit gefälschter Waren anzweifeln. Oft lässt sich eine Fälschung nur ausmachen, weil es nicht gelungen ist, das richtige Papier zu finden. Ein berühmtes Beispiel ist das in einer Zeitschrift veröffentlichte „O natchalak geometrie“ von Nikolai Lobachevsky im Wert von mehreren hunderttausend Euro. Davon wurden zwei Fälschungen entdeckt, da das Papier nicht dem entsprochen hat, was in Kasan um 1830 verwendet wurde, sondern aus Moskau und Petersburg stammte.
In den vergangenen Jahren hat es vielleicht eine Handvoll solcher großer Fälschungsfälle gegeben, das ist an sich nicht so viel, nur da es sich jeweils um Objekte im Wert von Millionen handelt, ist das mediale Interesse entsprechend groß – und der Imageschaden auch.

Welche konkreten Maßnahmen setzt die ILAB, um solche Entwicklungen einzudämmen?
Wir müssen hier das Rad nicht neu erfinden, weil wir unsere Regeln ja bereits im „Code of Usages and Customs“ definiert haben. Natürlich strebt jeder Antiquar nach dem „purchase of a lifetime“, nach dem „big shot“, doch dafür sollten gewisse ethische und moralische Grenzen nie überschritten werden.
Gleichzeitig haben wir unsere Zusammenarbeit mit dem internationalen Bibliotheksverband IFLA verstärkt. In dem Moment, in dem uns Bibliotheken einen Diebstahl melden, geht von uns eine Meldung an alle Mitgliedsantiquariate raus, die sich wiederum melden, wenn ihnen das gestohlene Buch angeboten wird. Auf diese Weise konnten wir schon viele Diebstähle aufdecken. Auch mit dem internationalen Kunsthändlerverband CINOA, der viel Erfahrung im Umgang mit Fälschungen hat, sind wir in permanentem Austausch.

Interview: Bettina Führer
Foto: ILAB

Veröffentlicht am 08 May 2014

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