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Vom Rostschwammerl zur weißen Bibliothek. Die Sammlung der Montanuniversität Leoben

Autor: Michael Truppe

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Vom Rostschwammerl zur weißen Bibliothek. Die Sammlung der Montanuniversität Leoben
Der Grazer Antiquar Michael Truppe hat sich die historischen Bestände der Bibliothek der Montanuniversität Leoben angesehen - und eine hoch interessante Sammlung entdeckt:

Um die Sondersammlung der Bibliothek der Montanuniversität Leoben zu besuchen, führt mich mein Weg zuerst zum ehemaligen Forschungszentrum der VOEST Alpine (im Volksmund auch gerne „Rostschwammerl“ genannt). Dieses Gebäude wurde im Jahre 2010 von der Montanuniversität übernommen, die hier ihr Museum im Erdgeschoss2012 eröffnet hat. Im Vorraum zum eigentlichen Museum finden sich unter anderem Porträts von Peter Tunner und Erzherzog Johann, den beiden für die Geschichte dieser Institution wohl wichtigsten Personen. Eine äußerst schön ausgeführte und großformatige Grubenkarte des Salzbergbaues zu Hall in Tirol aus dem Jahre 1709 sticht besonders hervor. Sie steht stellvertretend für die große Sammlung an Grubenkarten, welche an der Universität vorhanden ist.

Dieses kleine aber für den Montanhistoriker höchst interessante Museum wird von Dr. Johann Delanoy geleitet, der auch die Sondersammlung der Bibliothek betreut. Er ist auch der Verfasser folgender Bibliographie: Das kulturelle Erbe der Montanwissenschaften. Teil 2 [mehr nicht erschienen]. Eine annotierte Bibliographie der Bestände der Universitätsbibliothek der Montanuniversität Leoben im Zeitraum 1450 – 1850. Hausarbeit. Leoben 1992.

Diese Bibliographie beschreibt sehr genau (auch mit der für den Antiquar wichtigen Kollation) die montanwissenschaftlichen Bücher der Bibliothek. Leider fehlt eine solche Arbeit für die nicht minder interessanten geologischen Titel der Bibliothek.

Das Museum selbst ist aber auch für den Antiquar oder Bibliophilen von Interesse. Erstens ist Dr. Delanoy ein äußerst sachkundiger Führer durch die Sammlung und zweitens ein geistreicher und humorvoller Gesprächspartner. Neben den technischen Modellen und Geräten zur Montangeschichte sind auch im Museum schon die ersten Bücher von Professoren oder Absolventen der Montanuniversität zu finden sowie Titel, die in Zusammenhang mit der Sammlung stehen.
Vom Rostschwammerl zur weißen Bibliothek. Die Sammlung der Montanuniversität Leoben
Unter diesen Werken ist auch ein Grundlagenwerk der Erdölwissenschaft, das besondere Erwähnung verdient: Hans Höfer: Das Erdöl (Petroleum) und seine Verwandten. Braunschweig 1888.

Hans Höfer von Heimalt (1843–1924) war zuerst Student und später dann auch Professor in Leoben und revolutionierte nach seinen Studienaufenthalten in Nordamerika die Erdölwissenschaften auf dem Gebiet der Monarchie. Er ist der Begründer der Antiklinatheorie, die bis heute in modifizierter Form angewendet wird. Außerdem ist ihm zu verdanken, dass sich der Name Erdöl gegenüber den früher gebräuchlichen Namen wie Steinöl oder Felsenöl durchsetzt hat.

Zu erwähnen sind auch die Mitschriften von Alois Neubauer zu den Vorlesungen von Peter Tunner aus der Frühzeit der Universität, als diese noch als „Steiermärkisch-Ständische Montanlehranstalt“ in Vordernberg angesiedelt war.
Vom Rostschwammerl zur weißen Bibliothek. Die Sammlung der Montanuniversität Leoben
Die weiße Bibliothek
Um nun die eigentlichen Bücher der Sondersammlung zu sehen, begibt man sich einfach in das Hauptgebäude der Universität zum „Info-Point“ der Bibliothek. Hier bekommt man dann von einer der beiden sehr hilfsbereiten Mitarbeiterinnen Tanja Debeletz oder Renate Tschabuschnig auf Wunsch innerhalb von kürzester Zeit alle Titel aus der Sondersammlung ausgefolgt. Allen diesen Titeln ist eines gemein, sie sind zu Beginne des 21. Jahrhunderts mit einem weißen Papierschutzumschlag versehen worden, daher der Name „Weiße Bibliothek“.

Die Begutachtung der Werke kann dann ohne Beschränkungen, im schönen neuen Lesesaal der von einem ehemaligen Absolventen – Pavle Matijevic – gesponsert wurde, erfolgen.
Für den Montanhistoriker enthält diese Sammlung wirklich fast alle der wichtigen Werke aus der Zeit bis 1850.

Die wichtigsten Sachgebiete sind:
Bergbau und Aufbereitung: 50 Titel
Bergrecht: 44 Titel
Hüttenwesen: 55 Titel
Markscheidekunst: 15 Titel

Allein drei Exemplare des Bergwerksbuch von Georg Agricola sind vorhanden, eine lateinische und zwei deutsche Ausgaben (darunter die seltene deutsche Erstausgabe von 1557).
Auch das erste Buch über Metallurgie die Pirotechnia von Vanuccio Biringuccio ist in der zweiten Auflage vorhanden. Dies ist besonders erwähnenswert, da dieser Titel erst in den 1980er Jahren zu Komplettierung der Sammlung von der Montanuniversität angekauft wurde.

Die klassischen Autoren zum Thema wie z. B. Christoph Traugott Delius, Johann Jakob Ferber, Ernst Lehmann, Georg Engelhard von Löhneyss, Lazarus Ercker, Carl Johann Bernhard Karsten sind alle zumeist mit mehreren Werken oder gar in verschiedenen Auflagen ihrer Werke vorhanden.

Das Prunkstück der Sammlung ist natürlich das Leobener Exemplar des Schwazer Bergbuchs. Vom Schwazer Bergbuch gibt es zehn bekannte Exemplare, neun davon aus dem 16. Jahrhundert (wie das Leobener). Das Leobener Exemplar gleicht weitgehend dem der Österreichischen Nationalbibliothek und ist vermutlich eine gegen Ende des 16. Jahrhunderts angefertigte Abschrift dieses Exemplars.
Vom Rostschwammerl zur weißen Bibliothek. Die Sammlung der Montanuniversität Leoben
Zahlreiche Werke haben natürlich einen Bezug zur Steiermark oder Österreichs. Hier hat mich persönlich eine fein ausgeführte Handschrift um 1800 beeindruckt: (Franz Herzog): Zeichen-Sammlung sämmtlicher Sensen-Schmidmeister in Oesterreich und Steyermark.
Das Manuskript scheint eine noch unbeachtete Quelle zur Geschichte der Eisenverarbeitung, des Eisenhandels und der Sensenindustrie des 18. Jahrhunderts zu sein.

Zum Schluss möchte ich noch zwei weitere Bücher nennen, die ich persönlich noch nie gesehen habe und die ich für erwähnenswert halte:

1. Das Werk des Schemnitzer Professor Johann Anton Scopoli, der zu vielen naturwissenschaftlichen Gebieten Kluges publizierte (heute fast nur mehr als Botaniker bekannt ist) und auf sein eigentliches Tätigkeitsfeld verweist: Johann Anton Scopoli: Anfangsgründe der Metallurgie. Mannheim 1789.

2. Der erste Versuch, die Markscheidekunst auf mathematisch-wissenschaftliche Grundlagen zu stellen: Nicolaus Voigtel: Geometria subterranea, oder Markscheide-Kunst. Eisleben 1686.

Kontakt:
Montanuniversität Leoben
Hauptbibliothek
Franz-Josef-Straße 18
8700 Leoben

Universitätsmuseum
Dr. Johann Delanoy
Peter-Tunner-Straße 15
8700 Leoben
E-Mail: delanoy@unileoben.ac.at
(Besuche nach Vereinbarung)

Fotos: Michael Truppe

Veröffentlicht am 11 Jul 2014

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