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Bildung und Begegnungen am biederen Bodensee

Autor: Dieter Tausch

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Bildung und Begegnungen am biederen Bodensee
Bieder nicht im Sinne der mitunter nationalistisch/chauvinistisch spürbaren Biederkeit im nahegelegenen Heidi-Land. Nein, eine wunderbare Biederkeit, die sich in einem etwas langsameren Lebensrhythmus und großer Freundlichkeit manifestiert, auf den Verzicht, in den Städten und überland dem Verkehr mit Kraftfahrzeugen die absolute Priorität einzuräumen, in der herrlich bewahrten Architektur der alten Fachwerkhäuser und der zum größten Teil sehr gelungenen aktuellen Architektur etc. Man stellt sein Auto ab und hat in und nach vier Tagen nie den geringsten Zweifel, dass man es unversehrt an dieser Stelle wiederfinden wird. Dazu die romantische Landschaft rund um den See, die vom milden Klima begünstigte Botanik und nicht zuletzt die zwar etwas deftigen, aber sehr guten Produkte und Produktionen aus Küche und Keller haben das diesjährige Seminar des Verbandes Deutscher Antiquare mit seinem anspruchsvollen Programm herrlich umrahmt und eingebettet.
Selbst das wechselhafte Wetter konnte das Treffen von vierzig Kolleginnen und Kollegen (zwei Österreicher und ein Schweizer eingeschlossen) nicht trüben und bei der Papst-Audienz am Samstag bläute sich der Himmel sogar und schickte für einen halben Tag Sonnenstrahlen.

Die sieben Vorträge – verteilt über vier Tage mit Themen zur Region und aktuellem Bezug zum Konzil 1414 bis 1418 – wurden alle von herausragenden SpezialistInnen auf dem jeweiligen Gebiet gehalten und waren spannend und grundlegend informativ. Die Konzentration war naturgemäß bei „Vor-Lesungen“ eine andere als bei den frei gehaltenen Vorträgen. Das Programm war zwar sehr dicht, ermüdete aber nicht und ließ auch zeitlich Möglichkeiten offen, dem eigenen Drang zur Erforschung von Konstanz nachzugehen.

Die gemeinsamen Abwesenheiten vom Seminarort – „Das Haus zum Vorderen Tanz“ – waren am ersten Tag ein Besuch der Landesausstellung „Das Konstanzer Konzil 1414-1418. Weltereignis des Mittelalters“ (auch dieser Ausstellung ist eine gewisse Biederkeit nicht abzusprechen) sowie eine Schifffahrt zur Insel Mainau mit gemeinsamem Abendessen.

Am Freitag besuchte man das Rosgartenmuseum, das eine Präsentation von Konstanzer Drucken für die Teilnehmer des Seminars vorbetreitet hatte. Der Direktor der Städtischen Museen Konstanz, Dr. Tobias Engelsing, empfing uns mit Prosecco und sehr persönlichen Komplimenten an den Berufsstand der Antiquarin/des Antiquars. Der Abend wurde von den meisten Teilnehmern in einem sehr angenehmen Lokal in der Altstadt verbracht.

Am Samstag besuchte die Gruppe Gaienhofen und das dortige Hesse-Museum. Besonders berührend ist das Arbeitszimmer mit dem Schreibtisch von Hesse im Haus, das er von 1904 bis 1907 gemietet hatte, von dessen Fenstern man die Linde und die kleine Renaissancekapelle sieht, so wie er sie gesehen haben mag, und das Plätschern desselben Brunnens hörte und in seiner Prosa beschreibt. Nach badischem Wurstsalat oder Fisch - Knus-Perlen ging es zum Antiquariat Bibermühle.
Heribert Tenschert hatte ohne Zögern zugesagt, die Seminarteilnehmer zu empfangen und ihnen ein paar seiner Schätze zu zeigen. Er war bester Laune, hat herrliche Zimelien herausgesucht, nahm sich Zeit, diese ausgiebig zu präsentieren, und lud anschließend zu Gebäck, Spätlese und Riesling sowie Apfelsaft aus eigener Produktion.
Das bescheidene, opulente Anwesen direkt am Rhein hat jedenfalls so viel Grund rundherum, dass ihm auch in weiter Ferne niemand vorbauen kann. Der Antiquar der Antiquare ist altersweise geworden und seine nicht unbescheidene (und höchstlichst verdiente) Arroganz hat durch ein gerüttelt Maß an Selbstironie etwas Liebenswürdiges bekommen.
Seit diesem Samstag wissen alle, die dort waren, dass für den Granducato des alten Buches die Flöte kein Musikinstrument ist. Eine Tenschert-Flöte sieht ungefähr so aus, das illustrierte Buch sowieso: „Normale Ausgabe“, „Ausgabe auf größerem Papier“, Ausgabe auf Pergament“, „Ausgabe auf Pergament mit Extrasuiten“, „Widmungsexemplar der Ausgabe auf Pergament ungeborener Schafe mit Extrasuiten und Originalfederzeichnungen“ etc. etc. etc bis ins letzte höchste Glied. Dass alle Flötenlöcher in unberührter Erhaltung und in herrlichen Einbänden vorhanden sind – und das nicht nur einmal – versteht sich von selbst. Chapeau und überaus beeindruckt: Herzlichen Dank!!!

Der Ausflug klang im Napoleon-Museum Arenenberg aus, nicht gerade Schönbrunn, aber ein herziges, wohlgemeintes Kleinod mit nicht unüblem Geschmack in traumhafter Lage und herrlichem Ausblick über Weingärten und den Sonnenuntergang über dem biederen See.

Der letzte Abend wurde in die Länge gezogen und endete für viele mit einer gehörigen Portion Bettschwere. Besten Dank als Teilnehmer des Seminars an alle teilnehmenden KollegInnen für die angenehme Gesellschaft, an den Seminarausschuss Eberhard Köstler, Regina Kurz und Hermann Wiedenroth für das Engagement, jedes Jahr diese Veranstaltung zu koordinieren und ein übergroßes Dankeschön an unseren Kollegen in Konstanz, Michael Trenkle, der alles erdacht, erfunden, möglich gemacht und mit kluger biederer Hand durchgezogen hat. Als Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Antiquare Österreichs kann ich diese auch 2015 wieder stattfindende Veranstaltung nur wärmstens empfehlen und ans Herz legen. Sie haben sehr viel davon!

Bildergalerie
Robert Schoisengeier (Antiquariat Burgverlag) hat das 44. Seminar für Antiquare fotografisch dokumentiert. Hier geht es zur Bildergalerie.

Das Seminar für Antiquare
Seit mehr als 40 Jahren treffen sich Antiquarinnen und Antiquare ein Mal jährlich in einer Stadt des deutschsprachigen Raums zur "Fortbildung mit Wohlfühlfaktor". Neben Fachvorträgen von Buchforschern und Kollegen zu Themen aus 500 Jahren Buchdruck bietet das Seminar für Antiquare jeweils auch Führungen durch Bibliotheken und Museen, Workshops zu Buchrestaurierung oder zur Pflege von Drucken und Fotografien sowie Diskussionen zu diversen rechtlichen, wirtschaftlichen und technischen Fragestellungen des Antiquariatsbuchhandels.
Organisiert wird das Seminar vom Verband Deutscher Antiquare (VDA) in Kooperation mit der Genossenschaft der Internet-Antiquare (GIAQ), der Vereinigung der Buchantiquare und Kupferstichhändler in der Schweiz (VEBUKU) und des Verbands der Antiquare Österreichs (VAÖ).

Das diesjährige Seminar für Antiquare fand von 11. bis 14. September in Konstanz statt und widmete sich dem Thema „Kunst und Kultur am Bodensee – 600 Jahre Konstanzer Konzil“.

Bild: „Verhandlungen in Lodi zwischen Papst Johannes XXIII. und König Sigismund“ Abbildung aus der Konstanzer Ausgabe der Richental-Chronik © Rosgartenmuseum Konstanz

Veröffentlicht am 15 Sep 2014

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