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Adieu denn, Buch!

Autor: Dieter Tausch

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Bevor das Buch, wie wir es kennen, also bedruckte Papierseiten in einem biegsamen Umschlag oder zwischen steifen Deckeln aus verschiedensten Materialien, aus unserem Blickwinkel verschwunden sein oder nur mehr in Nischen wahrgenommen werden wird, ging zuvor seit geraumer Zeit die Buchkultur zugrunde. Carl Jakob Burckhardt’s Vormittag beim Buchhändler wird längst nicht mehr zelebriert, Buchhändler(Innen) sind ahnungs- und hilflos ohne Computer, Buchhandlungen weichen Buchhandelsketten in Einkaufszentren, Buchhandelsketten weichen Amazon. Das Buch ist etwas Beliebiges und Altmodisches geworden und sieht man des Abends in ein hell erleuchtetes Wohnzimmer - auch in Gegenden, in denen keine bildungsfernen Schichten zuhause sind – so wird man immer seltener einer Bücherwand ansichtig. Es ist auch höchst aufschlußreich, sich jener aufgekommenen Modeerscheinung näher zu widmen, anläßlich derer prominente Menschen aus Politik und Kultur ihre Wohnsituation in Journalen oder Fernsehsendungen öffentlich machen: Achten Sie bei diesen Gelegenheiten auf Buchbestände und Sie werden bemerken, daß diese – falls vorhanden – sehr bescheidenen Umfangs sind und hauptsächlich aus ein paar Bildbänden zur Kunst und Länderkunde bestehen.
Ebenso bescheiden ist derzeit naturgemäß die Risikobereitschaft der Verlage, die Lagerkosten sind hoch und so wird ein Buch nach sehr kurzer Zeit von der Preisbindung ausgenommen und (ein wahrhaftiges Wort) verramscht. Teure Editionen und Ausstellungskataloge sind nach zwei Jahren um weniger als ein Drittel des ursprünglichen Preises zu haben. Gutgläubige Menschen, denen Buchvertreter „erlesene“ Buchreihen als Kapitalanlage mit Wertsteigerung und Rückgabegarantie aufgeschwatzt haben, müssen erfahren, daß sie auf großen Mengen Altpapiers und Sondermülls (die Verpackungen, die sie nie geöffnet haben) sitzen. Das allgemeine Künstlerlexikon (AKL), das gegenwärtig bei Band 81 („KN“ ff.) hält, ist zeitweise auf Auktionen um maximal zehn Prozent des Originalpreises zu haben – ob die gedruckte Version bis ZZ gedeihen wird, wagt niemand vorherzusagen.

Gelesen wird am Schirm, vom kleinen eines Mobiltelefons über alle Formate bis zum großen Computerbildschirm, immer und überall und alles. Platz wird gespart und Papier (vordergründig) und Geld und angeblich auch Zeit. Auf Flugplätzen, in der Untergrundbahn, im Zug ist der Anblick einer Buchleserin, eines Buchlesers schon ein exotischer geworden und der Schirm läßt den Text auch im Dunkel erscheinen und die neuesten Geräte – so wird mir gesagt – vermitteln auch bei direkter Sonneneinstrahlung am Strand auf den Bildschirm augenschonenden, angenehmen Lesegenuß. Lesezeichen, Bucheinlegeband oder Eselsohren werden obsolet und moderne aufgeschlossene Menschen sind dem Digitalen und Virtuellen ja ohnehin näher als dem Analogen und Haptischen. Auch unsere Kulturpolitik und unser kulturelles Umfeld leiten uns vom Buch zum Schirm: Aus dem Schulbuch wurde das Arbeitsheft und aus diesem der Bildschirm, ohne den heute Fortschritte auf der Bildungsleiter fast unmöglich sind. Die Mutter aller österreichischen Bibliotheken, die Österreichische Nationalbibliothek am Josefsplatz in Wien, hat vor Kurzem ein Strategiepapier für die nächsten Jahre veröffentlicht, in dem versprochen wird, in Zukunft nur mehr auf digitalem Wege ihrer Sammlungsaufgabe nachkommen zu wollen. Die Bibliothek der Tiroler Handelskammer wurde schon vor Jahrzehnten dezimiert, die der Rechtsanwaltskammer Innsbruck längst aufgelöst, viele Institutsbibliotheken der Universität haben ihre Bestände veräußert oder zur freien Entnahme für Professoren und Studenten an der Pforte zur Hohen Schule abgegeben. Amerikanische Universitäten haben seit Jahren ihre platzraubenden Periodikareihen digitalisiert und die Bände an Antiquariate verkauft, verschenkt oder makuliert.
Wir leben also in einem kulturellen Umfeld, das der Buchkultur abhold ist und dem Buch selbst unfreundlich gegenübersteht. Die kleinen Umsatzsteigerungen, die der Buchhandel heutzutage trotzdem jährlich veröffentlicht, sind längst nicht mehr auf Buchverkäufe zurückzuführen, sondern auf Hörbücher, Geschenkartikel wie Kalender und Spiele und natürlich auf elektronische Bücher (e-books) und die dafür benötigten Abspielgeräte. Erwähnt sei hier ganz nebenbei, daß auch schon um 1970 nur etwa fünfundzwanzig Prozent der gekauften Bücher auch gelesen wurden.

Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind natürlich Nachschlagewerke aller Art in Buchform: Enzyklopädien, Lexika, Wörterbücher, Bio- und Bibliographien, Werksverzeichnisse etc.. Unzweifelhaft sind die Bequemlichkeit und die Geschwindigkeit, mit der die gesuchten Informationen im Internet (vorläufig) gratis abrufbar sind, verführerisch und faszinierend. Bezüglich der Verläßlichkeit der dargebotenen Antworten ist schon einige Skepsis geboten, außer es handelt sich um gescannte Seiten des verantwortlich zuständigen aktuell gültigen Fachbuches. Die so gerne aufgesuchte Informationsstätte Wikipedia ist nicht sehr verläßlich, voller Fehler (inhaltlich und oft auch grammatikalisch)und auf jeden Fall mit großer Vorsicht zu verwenden. Verlustig geht man in jedem Falle kollateraler Gewinne (es gibt nicht nur Kollateralschäden!): Der Zugang zum gewünschten Wissen in einem Buch ist immer mit Blättern, Suchen im Index, Üben des Alfabetes etc. verbunden und läßt uns auf dem Wege zum Gesuchten viel an Nebenprodukten mitnehmen, die uns oft mehr interessieren und länger aufhalten als die ursprüngliche Intention und uns auf neue Gedanken bringen. (Siehe: „Der Mann, der eigentlich seine Bibliothek ordnen wollte“, auch bekannt als „Der Bücherwurm“ von Carl Spitzweg). In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach einem Bedürfnis, nämlich des eines gewissen geistigen Grundumsatzes. Unsere Probleme werden immer komplexer und erfordern immer komplexere Lösungen – aber man wünscht sich die ultimative Antwort per (Computer-) Mausklick. Der Mainzer Wirtschaftswissenschaftler Franz Rothlauf prophezeite im Herbst 2013, daß drei Viertel aller europäischen Buchhandlung binnen fünf Jahren schließen könnten. Amazon soll im Onlinehandel inzwischen etwa 20% des Gesamtumsatzes der deutschen Buchbranche erzielen (Jänner 2014).

Das Antiquariat – der Handel mit alten Büchern – treffen diese Entwicklungen besonders hart: Vergriffene Bücher gibt es seit langer Zeit nicht mehr. Das „Printing on Demand“ gibt es seit fast dreißig Jahren und hat seine Qualität gesteigert, seine Preise für jede(n) erschwinglich gemacht. Heute ist (fast) jedes Buch in gewünschter Gewandung um ein paar Euro gedruckt und gebunden abrufbar. In allernächster Zeit werden alle Bücher dieser Welt digitalisiert sein und letztlich kann dann jedes Buch am eigenen Computer Seite für Seite ausgedruckt werden. Selbstverständlich führt dies nebenbei zu einer Demokratisierung des Wissens: Alles, was je in Büchern niedergeschrieben wurde, ist (ich wiederhole: derzeit) kostenlos für alle Menschen mit Internetzugang erfahrbar. Wie lange diese menschenfreundliche Gratis-Benützung aufrecht erhalten werden wird, steht auf einem anderen Blatt. Der Manipulation des Wissens (und des Zugangs oder der Zugangsverweigerung) steht nichts im Wege – die Bücher werden verschwunden sein. Die Machtkonzentration Googles, Amazons etc. wird beunruhigend explodieren.
Das Antiquariat entwickelt sich einerseits in Richtung Juwelenhandel, andererseits in Richtung Schrotthandel (Ernst Jünger hellsichtig vorausschauend). Dort wird mit exquisiten seltenen Büchern, illustrierten Codices, Autographen, Meistergrafik, Zeichnungen, ersten Ausgaben bedeutender Texte etc.etc. – jedenfalls mit ausgefallenen Objekten und meist wohl Unikaten - gehandelt, hier mit Büchern um ein paar Groschen am Flohmarkt oder im Internet (wobei im Netz wiederum Amazon und ebay bei jedem Verkauf „mitschneiden“). Ladenantiquariate mit regelmäßigen Öffnungszeiten wird es nur mehr ganz wenige geben, teils weil sie nicht mehr leistbar, teils weil sie überflüssig geworden sind. Allerdings werden die dann noch bestehenden wie eine Wunderkammer aus vergangenen Zeiten wirken (Orwell: 1984/ Bradbury: Fahrenheit 451!).

In Zeiten, in denen Morawa alle Buchläden im Westen Österreichs schließt und Amazon zum Endkampf gegen die „Big Five“ (Hachette, Holtzbrink, CBS, Bertelsmann und News Corp) in den Ring steigt, scheint sich alles weg vom Buch zu bewegen und übrigens auch weg von der Zeitung, wie wir sie bisher in Händen hielten. In Czernowitz gab es um 1900 ein Kaffeehaus, das 108 (!!!) internationale Zeitungen abonniert und aufliegen hatte. Wohin der Weg führt, wissen wir noch nicht. Amerikanische Neurobiologen beschäftigen sich aber schon seit Jahren mit den möglichen Auswirkungen des Konsums jeglicher Information über Bildschirme auf das Gehirn der smartphonebewaffneten PC-Generation.

Guidobaldo da Montefeltro (1472 bis 1508), der Sohn des großen Federico da Montefeltro, duldete als Herzog von Urbino kein gedruckte Buch in seiner Bibliothek, nur Produkte aus den Schreibstuben der Klöster. Ein wunderschöner Ansatz, „Spleen“ würde man heute sagen, aber seine Nachfahren haben sich sicher mit gedruckten Büchern beschäftigt, so wie wir heute uns mit den neuen Medien beschäftigen sollten – und müssen. Ein weiteres Muss sollte unsere Sorge um die Haltbarkeit dieser Informationsvermittler und -bewahrer sein, Gensfleischs Druckerschwärze auf Papier hat es immerhin schon auf fünfeinhalb Jahrhunderte gebracht.

Veröffentlicht am 10 Jan 2015

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