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Ein "standard-work" für die Buchbranche

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… die „Correspondenz“ [ist] doch naturgemäß zu einer wertvollen Quelle der Geschichte des Buch-, Kunst- und Musikalienhandels der Monarchie geworden. Die 50 Bände, die jetzt vorliegen, mag man über vieles darin noch so ungünstig urteilen, sind für den künftigen Kulturhistoriker, der sich mit der Geschichte unseres Buchhandels beschäftigen wird, ein standard-work, auf das er immer wieder wird zurückgreifen müssen.

An sich ist den Worten von Carl Junker (1864–1928), dem langjährigen Chronisten der Geschichte des Buchhandels in der Habsburger Monarchie wie auch in der Ersten Republik, im Jahr 1910 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Vereinsorgans, nichts mehr hinzuzufügen. Man kann sie hundert Jahre danach genauso gut anwenden.
Lang haben die Standesgenossen aus allen Teilen der Habsburger Monarchie ein wenig mit Neid nach Leipzig geblickt, wo die Buchhändler schon seit 1834 in der Gestalt des Börsenblatts ein Mitteilungsblatt hatten, das allerdings natürlich nicht darauf angelegt war, den spezifisch österreichischen Interessen besondere Beachtung zu widmen. Der langersehnte Wunsch ging erst mit der Gründung des (multinationalen) Vereines der österreichischen Buchhändler im Jahr 1859 in Erfüllung, und die Schaffung eines offiziellen Organs stand bereits auf der ersten Tagesordnung.
Die Österreichische Buchhändler-Correspondenz erschien erstmals am 1. Februar 1860 und in den nächsten 150 Jahren erlebte die Publikation mannigfache Änderungen im Titel und Untertitel, in der Erscheinungsweise, im Umfang (manchmal nur vier Seiten), im Inhalt, in der Form der Anzeigen, in der Typographie, in der Aufmachung, in der Wahl des Papiers etc. Die Finanzierung des Vereinsblattes scheint auch ein Dauerproblem gewesen zu sein, zumal die Herstellungskosten nicht durch Erlöse aus den Anzeigen gedeckt wurden.

Branchen- statt Tagespolitik
Bezüglich einer Blattlinie blieb die Buchhändler-Correspondenz tagespolitisch, aber keineswegs branchenpolitisch, abstinent. Der Tod von Kronprinz Rudolf und Kaiser Franz Joseph wurde wahrgenommen, genauso wie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der vom Buchhandelallgemein bejaht wurde und der mit der „Suspension der Preßfreiheit“ einherging. Die Verlagsanzeigen in den Kriegsjahren sind, vor allem zu Beginn des Krieges, ein getreues Bild von der Art und Weise, wie die Buchbranche auf die kriegerische Auseinandersetzung reagierte. Einen redaktionellen Hinweis auf das Ende des Krieges wird man allerdings vergeblich suchen. Politische Themen, wie die Machtergreifung Hitlers, die Ausschaltung des österreichischen Parlaments 1933, die Bücherverbrennungen im Mai 1933, der kurze Bürgerkrieg 1934 usw., gingen am nunmehrigen Anzeiger für den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel vorbei, obwohl sie für den Buchhandel Folgen hatten.
Wohl aber trat sowohl der Verein als auch die Wiener Korporation im März 1934 der Vaterländischen Front korporativ bei. Der Anzeiger musste nun vermehrt amtliche Mitteilungen über Parteienverbote und die daraus abgeleiteten Schrifttumsverbote sowie über die neue Gewerbestruktur veröffentlichen, aber im Laufe der Jahrzehnte war der Verein eher auf virulente Buchhandelsthemen fokussiert: noch im 19. Jahrhundert die nie enden wollenden, ja fast 50 Jahre dauernden Bemühungen, einen zeitgemäßen Ersatz für das in Sachen Schutz des geistigen Eigentums längst überholte Kaiserliche Patent von 1846 zu finden, Rabatte, Preisschleuderei („der Todfeind unseres Berufes“), Übernahme der Krönerschen Reformen, der Dauerkrieg mit dem k.k. Schulbücherverlag wegen dessen Monopolstellung, der Zeitungsstempel, der Kampf gegen Schmutz und Schund, der Kolportagehandel, die Gehilfenfrage, die Vereinsbibliothek etc.

Rotes Tuch Buchgemeinschaft
Nach dem Krieg waren Inflation und unaufhörliche Preiserhöhungen, die Schulbuchfrage, die Sperrverordnung für den Gewerbeantritt, Änderungen der Gewerbeordnung, und nicht zu vergessen das rote Tuch für den regulären Buchhandel: die Buchgemeinschaften, dominante Themen. Nach dem Neubeginn des Anzeigers im Herbst 1922 fällt sofort die wesentliche Ausweitung des Anzeigenteils auf, was auf die Gründung der Literaria A.G. und deren Verbindung zum Ullstein-Konzern zurückzuführen war.

Österreichische Bibliographie
Die wichtigste Rubrik von Beginn an war die regelmäßig erscheinende (österreichische) Bibliographie, deren Geschichte bis Ende des Zweiten Weltkriegs (als die Aufgabe von der Österreichischen Nationalbibliothek übernommen wurde), so Karl Megner, einer „Agonie“ glich und deren Zusammenstellung wesentliche finanzielle Opfer vom Verein verlangte. In den ersten Jahren dominierten die Listen der Novitäten in beinahe allen Sprachen der Monarchie. Erst mit dem Relaunch des Fachorgans im Oktober 1922 wurde von einer Verzeichnung gänzlich abgegangen.
Verlage/Verleger waren angehalten, ihre Novitäten einem für bestimmte Sprachen zuständigen Buchhändler zu übermitteln. Obwohl die Listen heute eher wie „Titelfriedhöfe“ aussehen, waren sie als Zeugnis der „heimischen Leistungsfähigkeit“ gedacht und sollten die Sortimenter dazu anregen, heimische Presseerzeugnisse zu fördern. So lang sie erschien, hatte die Bibliographie – was die Erfassung des gesamten Schrifttums betrifft – einen entscheidenden Nachteil, denn nur in Ausnahmefällen wurden Werke, die im Selbstverlag erschienen, aufgenommen. Für spätere Generationen von Bibliographen war von Nachteil, dass alle Bücher unter einem Alphabet der Verleger angeführt wurden.
Bald, Ende 1861, wurden auch Austriaca aus außerösterreichischen Verlagen aufgenommen und mit dem neuen Preßgesetz von 1862 wurden auch alle gerichtlichen Verbote im Sinne des § 24 des Gesetzes regelmäßig verlautbart. Zur Vollendung einer Nationalbibliographie ist es nicht gekommen.
Wenn Junker von einer wertvollen historischen Quelle spricht, dann bezieht er sich auch auf zum Teil sehr ausführliche Nachrufe, auf Berichte zu Firmenjubiläen, zu Konzessionserteilungen und nicht zuletzt auf die sehr detaillierten Wortprotokolle (die heutzutage ihresgleichen suchen) von Reden, von Vollversammlungen und Ausschusssitzungen, die in ihrer Gesamtheit Detailkenntnisse der Branchengeschichte vermitteln. In einem Punkt haben die Blattmacher über die Jahrzehnte – und es kommt immer wieder zu „Klagen“ der Redaktion – keinen besonderen Erfolg, nämlich mit der Aufforderung an die „Buchhändler“ bereits in der allersten Ausgabe, „uns durch fleißige Beiträge in unserem Bestreben freundlichst zu unterstützen“.

Gemächliches Tempo
Der Verein brauchte in der Regel viel Zeit, um sich im Namen den neuen politischen Gegebenheiten anzupassen. Es dauerte immerhin 22 Jahre nach dem Ausgleich mit Ungarn, also bis zur Nr. 1 des Jahrgangs 1889, bevor man eine Statutenänderung durchsetzte und das Fachorgan in Österreichisch-ungarische Buchhändler-Correspondenz umbenannt wurde.
Nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs war die Buchhändler-Correspondenz Anfang 1922 immer noch das „Organ des Vereines der österreichisch-ungarischen Buchhändler“. Ab Oktober 1922 hieß sie Anzeiger für den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel und sollte bis zum Erscheinen der allerletzten Ausgabe (6. April 1938) vor 1945 so bleiben. Die erste Nummer nach dem „Anschluss“ war nunmehr Das Mitteilungsblatt des Kommissarischen Leiters des österreichischen Buch-, Kunst- und Musikalienhandels.

„Volks- und Fachgenossen“
Der selbsternannte Kommissarische Leiter Karl Berger begrüßte seine „Deutschösterreichische(n) Volks- und Fachgenossen“ mit den Worten: „Eine neue Zeit ist angebrochen. Der Buchhandel in Österreich tritt in eine wohlgefügte Gemeinschaft ein, die unter nationalsozialistischer Führung berufen ist, ihm den Weg in eine bessere Zukunft zu zeigen.“ Zu dieser „besseren Zukunft“ ist es nicht gekommen, und nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Anzeiger wieder zu erscheinen begann, war die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zumindest für kurze Zeit ein Thema. Wie über die 80 Jahre davor, machte der Anzeiger mehrere Wandlungen, darunter inhaltlich und in der Erscheinungsweise mit.
Die Schulbuchfrage und die Buchpreisbindung waren Dauerbrenner in der Berichterstattung des Anzeigers. Etwa in den 1990er-Jahren war er „Die Fachzeitschrift des österreichischen Buchhandels“, in den 2000er-Jahren „Die Zeitschrift für die österreichische Buchbranche“ und heute nennt er sich „Das Magazin für die österreichische Buchbranche“.
Der Anzeiger wurde auch grafisch mehrfach umgestaltet, und Farbe wurde nicht nur für die Anzeigen eingesetzt. Redaktionell begannen Interviews und Berichte über aktuelle Branchenthemen, Preisverleihungen, Buchpräsentationen etc. ein fixer Bestandteil zu werden.

Wer einmal in den Jahrgängen der Buchhändler-Correspondenz bzw. des Anzeigers schmökern möchte, kann das jederzeit online tun, und zwar unter http://anno.onb.ac.at. Dort befindet sich der Bestand von 1860 bis 1938, leider noch mit ein paar Lücken.

Veröffentlicht am 21 May 2015

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