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Biographische Dokumentation zur Emigration von Verlegern, Buchhändlern und Antiquaren ...

Autor: Ernst Fischer

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Biographische Dokumentation zur Emigration von Verlegern, Buchhändlern und Antiquaren aus Deutschland und Österreich nach 1933/1938

Das nationalsozialistische Regime betrieb seit der Machtergreifung 1933 mit Vehemenz die "Ausschaltung" aller oppositionellen und aller als "undeutsch" gebrandmarkten "jüdischen Elemente" aus den Kulturberufen. Politische und rassistische Verfolgung führten zur Schließung oder "Arisierung" zahlreicher Verlage und Buchhandlungen, im weiteren zur Vertreibung ihrer Inhaber aus Deutschland, – ein Vorgang, der sich nach der Annexion Österreichs im März 1938 wiederholte. Es waren mehrere hundert, die ihren Beruf als Verleger, Sortimentsbuchhändler oder Antiquare nicht mehr ausüben durften und zur Flucht gezwungen waren. In ihren Asylländern, in England oder Palästina, in den Niederlanden oder Skandinavien, in den USA oder in Südamerika, versuchten sie, eine neue Existenz aufzubauen. Manche waren zu einem Berufswechsel gezwungen, für einige von ihnen bedeutete die Exilierung den Beginn einer neuen Karriere; nicht wenige von ihnen haben in ihren Aufnahmeländern oder auch in der internationalen Verflechtung des Buchmarkts eine wichtige Rolle gespielt.
Die Schicksale dieser Emigranten sind nur in einigen wenigen prominenteren Fällen bekannt. Im Zusammenhang mit der von der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels initiierten "Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert", im besonderen zu deren Band III: "Buchhandel im Dritten Reich und im Exil 1933-1945" (Hg. V. Dahm und E. Fischer), ist die Erforschung der Umstände der Vertreibung und der Wiederetablierung der vertriebenen Buchhändler und Verleger zu einer dringlichen Aufgabe geworden. Als Vorarbeit und Grundlage für eine integrierte Darstellung der verlegerischen und buchhändlerischen Aktivitäten im deutschsprachigen Exil ist eine Dokumentation angelegt worden, die – in Ergänzung zum "Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933" und anderen Nachschlagewerken – biographische Abrisse der Buchhändler- und Verlegeremigranten versammelt, wobei das Hauptaugenmerk auf den Lebensabschnitten nach der Flucht und den buchhandelshistorisch relevanten Aspekten der Lebensläufe liegt.
In Österreich ist nach dem "Anschluß" im März 1938 die "Entjudung" des Buchhandels zunächst als brutaler Raubzug, dann mit scheinlegalistischer Akribie betrieben worden; rund 150 Firmen dürften von "Arisierungs"- und Schließungsmaßnahmen betroffen gewesen sein. Einige Firmeninhaber wurden in Konzentrationslagern oder im Zuge ihrer Deportation ermordet: Josef Ken- de, Mayer Präger, Inhaber der Firma Löwit, der leitende Direktor des ZsolnayVerlags Felix Kostia-Costa und der Wiener Buchhändler Richard Lanyi. Zu der Personengruppe, die Österreich noch rechtzeitig verlassen konnte, zählte der Verleger Friedrich Ungar, der seinen Saturn Verlag einem Verlagsangestellten überlassen mußte und über Prag und London in die USA ging, wo er 1940 die Frederick Ungar Publishing Company errichtete. Trotz der bitteren Erfahrung seiner Vertreibung widmete er sich mit seinem New Yorker Verlag der Vermittlung der deutschen und österreichischen Literaturtradition, von Grimmelshausen über Nestroy bis Karl Kraus, an ein amerikanisches Publikum. Nach London floh Bela Horovitz, Inhaber des Phaidon-Verlags; er führte von England aus seine erfolgreiche Geschäftsidee der preisgünstigen Kunstbuchreihen fort, nachdem er gerade noch rechtzeitig für eine Übernahme der Firma durch Allen & Unwin gesorgt hatte. Als weitere Beispiele aus dem Verlagsbereich wären zu nennen Lucy Tal, die Inhaberin des E.P. Tal Verlags, die in die USA ging, Rolf Passer, dessen Weltbild-Verlag nach der "Arisierung" Verlag Therese Kirschner hieß, oder Adele und Philipp Suschitzky vom Anzengruber-Verlag bzw. der Volksbuchhandlung Suschitzky, die als der Sozialdemokratie nahestehende Buchhändler bereits seit 1934 Pressionen ausgesetzt waren und von den Nationalsozialisten als "jüdisch-marxistischpornographischer Betrieb" mit besonderer Wut verfolgt worden sind. In die USA ging Otto Kallir-Nirenstein, am Beginn der zwanziger Jahre künstlerischer Direktor der Rikola AG, 1923 Gründer der Johannes-Presse in Wien und Verleger hochwertiger Pressendrucke in kleiner Auflage, daneben Betreiber einer Kunstgalerie. Kallir gründete nach Aufgabe seines durch eine Mitarbeiterin "arisierten" Wiener Unternehmens nach einer Zwischenstation in Paris in New York die Galerie St. Etienne, mit der er die Wiener Moderne (u.a. Egon Schiele) in den USA bekannt machte. Als Beispiel einer nicht so glücklich verlaufenen Emigration sei der Leiter des Internationalen Psychoanalytischen Verlags in Wien genannt, Adolf Josef Storfer, der nach dem "Anschluß" um die halbe Welt floh, in Shanghai auftauchte, dann in Australien, wo er sich bis zu seinem Tod 1944 als Hilfsarbeiter in einer Knopffabrik durchgebracht hat.
Aus dem Bereich des Sortimentsbuchhandels sei, stellvertretend für zahlreiche andere, Martin Flinker genannt, dessen Pariser Librairie viele Jahrzehnte lang eine Anlaufstelle für Literaturfreunde war. Einige aus Österreich emigrierte Antiquare haben sich, besonders in den USA, eine hohe Reputation erworben. Zu ihnen gehörten Otto Ranschburg, der nach dem Weggang aus seinem weltweit geschätzten Wiener Unternehmen 1939 in New York ein eigenes Antiquariat eröffnete und später (bis zu seinem Tod 1985) Miteigentümer von Lathrop Harper war; ferner William (Wilhelm) Schab, bis 1938 bei Gilhofer & Ranschburg tätig, seit 1939 Eigentümer eines bedeutenden bibliophilen Antiquariats in New York; oder Hans Peter Kraus, der – nach eher bescheidenen Anfängen in Wien – in den USA das nach Art und Umfang der Ge- schäfte weltweit bedeutendste Antiquariat und mit "Kraus Reprint" ein ebenfalls in großem Stil agierendes, amerikanisch-europäisches Reprintverlagsunternehmen aufbauen sollte. Dazu kommen noch zahlreiche andere Vertreter sowohl der jüngeren wie der älteren Generation, wie Kurt L. Schwarz, Sohn des bedeutenden Wiener Antiquars Ignaz Schwarz, der zuerst nach Shanghai und dann nach Kalifornien ging; Herbert Reichner, Verleger der bibliophilen Zeitschrift "Philobiblon" sowie der Werke Stefan Zweigs, der sich in den USA dem Antiquariatsbuchhandel zuwandte, oder Joseph Suschitzky, der nach einer Lehre im elterlichen Verlag in Wien nach dem Krieg in London eine eigene Buchhandlung eröffnete, die dort zu einem kulturellen Zentrum der deutschsprachigen Emigration wurde. Insgesamt sind es rund hundert Namen aus dem österreichischen Bereich, die in der Dokumentation berücksichtigt werden, zumal daran gedacht ist, neben den Verlegern, Buchhändlern und Antiquaren auch Literaturagenten (wie Franz Horch und Max Pfeffer) sowie Buchgestalter und Typographen (wie Robert Haas, Victor Hammer) miteinzubeziehen.
Die Dokumentation will eine von der Exilforschung bislang nur ungenügend wahrgenommene Gruppierung der Emigration in ihrer Bedeutung herausstellen. Die Ermittlung der biographischen Daten soll darüber hinaus eine genauere Einschätzung der Leistung ermöglichen, die diese Emigranten für den weltweiten Kultur- und Wissenstransfer, auch für den Transfer von verlegerischem und buchhändlerischem Knowhow erbracht haben.

Erschienen in: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich. Nr. 1, Frühjahr 1999.

2011 erschien von Ernst Fischer Verleger, Buchhändler und Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch. Nähere Informationen.

Veröffentlicht am 19 Oct 2012

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