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Die verrückten Händler

Autor: Max Blaeulich

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Die kleine Branche der Antiquare zeichnet sich durch eine Buntheit der Typen aus, die ziemlich einzigartig ist. Das Spektrum reicht vom sonderbaren, bisweilen etwas schrulligen Buchhändler, über den esoterisch Bewegten mit Fernblick bis hin zum knallharten Businessman, bis zum Neurotiker, Psychopathiker oder jenem, der sich schon am Rand des Kriminellen bewegt. Das hat mir nicht nur Bucevich bestätigt, sondern ich konnte das durch eigene Erfahrung verifizieren.

In der Gumppendorferstraße lebt einer, dessen Unterhaltungen so verlaufen wie ein kleines Dramolett von mir: Bucevich erzählte die Geschichte:

Ein bekannter Antiquar, nennen wir in Soundso aus Hamburg betritt das Geschäft: Guten Morgen Herr P. Ich heiße Soundso, bin Antiquar und möchte mich gerne bei Ihnen umsehen.

P: Das ist leider nicht möglich!
S: Komme ich ungelegen?
P: Durchaus nicht!
S: Also kann ich mich umsehen?
P: Nein, auf gar keinen Fall.
S: Wieso nicht?
P: Weil ich nur Stammkunden bediene.
S: Verstehe. Ich bin das erste Mal in Wien und möchte gerne Ihr Stammkunde werden.
P: Das ist nicht möglich!
S: Wieso nicht?
P: Weil Sie kein Stammkunde sind.
S: Dann würde ich gerne einer werden!
P: Das ist unmöglich. Entweder Sie sind Stammkunde oder Sie sind es nicht. Wenn Sie kein Stammkunde sind, können Sie auch kein Stammkünde werden. Ich kann Sie leider nicht bedienen. S: Also ich kann kein Stammkunde werden, noch kann ich mich umsehen, noch verkaufen Sie mir etwas.
P: So ist es. Nur Stammkunden werden hier bedient.
S: Wie sind denn Ihre Stammkunden zu Stammkunden geworden?
P: Das ist wohl mein Geheimnis.

Selbiger P. trägt in seinem Antiquariat einen blauen Staubmantel, jausnet auf der Budel, schneidet Speck auf und trinkt aus einer Flasche Bier. Genauso wie ein Arbeiter im Lager einer Eisenwarenhandlung – wenn es die noch gibt! Nebst der Kasse verwahrt er in einem Klappschränkchen eine kleinkalibrige Pistole der Marke Günther. Griffbereit und geladen. Mit dieser Pistole bedrohte er schon so manchen, der ihm lästig wurden. Unter anderem einen Herrn, der vermeintlich etwas mitgehen hatte lassen. P. rannte ihm nach, schoss einige Male, doch weil er vor Aufregung zu stark zitterte, traf er ihn leider nicht im Rücken. Sehr wahrscheinlich war das kein Stammkunde. Übrigens sammelt P. selber. „Man könnte also“, so Bucevich, „Stammkunde werden, indem man P. zum Täuscheln veranlasst.“ Und was tauscht er gern?“ „Na, schärfste Erotika“.

In selbiger Straße gibt es auch noch andere Bücherhändler. Einer davon, so erzählte mir Bucevich gehört zu der Kategorie Schlauberger. Bei ihm kann man sich großzügig umsehen, im Lager wühlen und günstige Bücher herausziehen. Stundenlang kann sich jeder zwischen den Regalreihen herumtreiben. Vom Verkaufsraum tönt die sonore Stimme des Besitzers U. Sein Äußeres ist gepflegt, ebenso wie sein Knebelbart allerliebst gestutzt, seine Hände manikürt und er ist ein Freund der Operette. Seinen Kunden erzählt er nette Anekdoten, einer gnä´ Frau, die gerade eine Tageszeitung um 60,- Euro von ihm kauft, die am Tag des Geburtstages ihres Enkels erschienen ist. Da liest dann der Enkel von Lyndon B. Johnson´s Flächenbombardements in Vietnam, von der Nitribit und ihren Superbrüsten oder anderen Skandalen und Zusammenbrüchen, die just am Tag des Enkeleintritts in die Welt sich ereignet hatten. Ich schaute der U. so titulierten gnä´ Frau über die Schulter und las: „Vier Tote bei schwerem Autounfall in Linz. Alkohol im Spiel.“ Tja, solch sinnige Geschenke verkauft U. nicht schlecht, dazu noch einen Zeitungshalter den er mildtätigerweise im Blindenheim zu einem Pappenstil fertigen lässt und en groß erwirbt. Um die Kleinigkeit weiterer 40,- Euro wird Rohrgeflecht der gnä´ Frau auf den Hut gedrückt und sie hat einen Hunderter weg. Ein nettes Geschenk muss sich der Herr Dichand denken, dessen Kronenzeitung darum so heißt, weil sie einmal eine billige Krone gekostet hatte. Könnte er nur dieses Geschäft mit den Geburtstagszeitungen übernehmen. Aber leider… Hätte er die unverkauften Blattl´n archiviert und nicht einstampfen lassen. Doch diese Masche von U., das ihn als Verkaufsbombe auszeichnet, wollte ich gar nicht erzählen, sondern jene psychologische Meisterleistung die Bucevich im Umgang mit ihm praktizierte, damit er U.´s Horrorpreise unterläuft. Bucevich ließ eine Flasche Veltliner 2004 vom Hirsch in Niederösterreich öffnen und erzählte: „Man hüte sich bei U. nur ein Buch auszusuchen. Der innen notierte Preis spielt überhaupt keine Rolle, der ist nach U.´s Angaben immer alt oder stammt nicht von ihm usw. Dann kommt sein Phantasiepreis, achtundzwanzig Mal überteuert, ein Preis, den er aus dem Bauch macht und nicht mit Hilfe der seit 1950 erscheinenden Jahrbücher der Auktionspreise. Ein Buch bei U. auszusuchen und man ist der Teschek. „Also man suche gleich zwei Dutzend Bücher aus, solche die einen interessierten und solche die Dreck sind und bringe Dieselbigen zur Budel. Er wird mit den Augen rollen, seinen Knebelbart zupfen und insgeheim die Scheinchen zählen. Jetzt ist nämlich U. gezwungen für zwei Dutzend Bücher Preise aus dem Bauch zu machen, wenn nicht alle Dasselbe kosten sollten. Und da wird er gründlich daneben. Zuerst schiebt der p. t. Kunde die uninteressanten unter seinen Bleistift und stöhne bei jeden von ihm fixierten Preis gehörig, damit ihm Zweifel an der Wahrhaftigkeit seines Bauchgefühls kommen und je näher er dem Stapel der interessanten Bücher kommt, desto mehr stöhne man. Das hat nämlich zur Folge, dass er nervös wird, ergo milder und milder und den Kunden am liebsten aus dem Geschäft haben will. Nachdem also so die Preise entstanden sind, die morgen schon wieder alte Preise sein werden, und er noch immer hofft, der p. t. Kunde werde alles einpacken, schiebe man den Dreck zurück und die billigen und guten nehme man zu seinem Leidwesen. Er wird sich ärgern, er wird schimpfen, alles zu billig verkauft zu haben und als höflicher Mensch muss ihm das unbedingt bestätigt werden.

Dem aufmerksamen Leser empfehle ich diese Methode nicht mehr, U. kennt sie und fängt mit der Bauchpreisbildung mit dem zuunterst gelegenen Band an und arbeitet sich vor zum ersten. Jedenfalls bedarf es großer Psychologie bei ihm etwas zu kaufen und noch größere zu verkaufen. Bei ihm ist nämlich alles Dreck, außer er hat das Gold sehr günstig gekauft, sagen wir zum Blechpreis. Selbst die Kronenzeitung oder das Kommunistische Sonntagsblatt. Merke: Sonntagskinder und Sonntagszeitungen sind sehr, sehr selten und wie der jeder gnä´ Frau sagt, sehr, sehr teuer! Fortsetzung folgt.

Veröffentlicht am 22 Oct 2012

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