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Freuds Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Eine geheime Erwerbung.

Autor: Murray G. Hall

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Freuds Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Eine geheime Erwerbung.
Bis auf eine Ausnahme erfolgten Erwerbungen der Nationalbibliothek aus geraubten Wiener Verlagsbeständen – in der Regel verlagsneue Bücher – im wesentlichen über die Bücherverwertungsstelle. Diese ungewöhnliche Ausnahme war der Internationale Psychoanalytische Verlag (IPV), um dessen Schicksal sich zahlreiche, meist einander widersprechende Legenden ranken. Die Psychoanalyse war in Nazi-Deutschland nicht verboten, obwohl sie ja der nationalsozialistischen Rassentheorie bzw. der „Deutschen Seelenheilkunde“ ablehnend gegenüberstand. Es gab keine direkten gesetzlichen Maßnahmen gegen sie und auch die Berufsausübung als Psychoanalytiker war nicht unterbunden. Was nichts daran ändert, dass viele ihrer Vertreter Juden und somit von den gesetzlichen Maßnahmen (etwa Bestimmungen über das Berufsbeamtentum) betroffen waren.1 Die primäre Quelle psychoanalytischer Schriften war der Anfang 1919 in Wien von Sigmund Freud und anderen gegründete IPV. Bei der großen Bücherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 kam die Einstellung gegenüber Freud und der Psychoanalyse in HitlerDeutschland in einem Feuerspruch allerdings deutlich zum Ausdruck: „Gegen seelenzersetzende Überschätzung des Trieblebens! Für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe dem Feuer die Schriften des Sigmund Freud.“ (= Vierter Rufer). Wochen später bei einer Kundgebung der Studentenschaft in München (24. Mai) ließ der dortige Feuerspruch genauso wenig an Deutlichkeit zu wünschen übrig: „Gegen das Primat des Triebes, gegen Dekadenz und moralischen Verfall, für Zucht und Sitte in deutscher Familie: ich übergebe dem Feuer die Schriften des Sigmund Freud.“ Trotz der vielen gegenteiligen Behauptungen sind die Bücher des IPV, der wie andere Wiener Verlage auch einen Kommissionär in Leipzig hatte, nicht allesamt von den Nazis „verbrannt“ worden. Sie durften vielmehr noch bis April 1936 ohne weiteres angezeigt und in den Handel gebracht werden. 2 Im Frühjahr 1936 wurde das Leipziger Lager des IPV von der Gestapo konfisziert. Der Zeitpunkt war nicht zufällig, der Grund aber banal: Die lang erwartete, nur für den Dienstgebrauch und einen sehr kleinen Kreis bestimmte Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums (Stand vom Oktober 1935) war erst verteilt bzw. ausgeliefert worden. Die Folge war, dass die Leipziger Lager mehrerer Wiener Verlage kurz darauf beschlagnahmt wurden.

Die Schlüsselrolle bei der zu beschreibenden „Erwerbung“ spielte der 1903 in Wien geborene Chemiker Dr. Anton Sauerwald, der mit Paul Heigl über die treuhändige Verwahrung von Büchern aus dem IPV eine geheime Abmachung traf. Mit „geheim“ ist gemeint, dass es keinen Schriftwechsel geben sollte. Sauerwald, der sich 1930 selbständig machte und im 17. Wiener Gemeindebezirk ein privates Laboratorium für chemische Hydrierung betrieb, wurde am 16. März (offiziell am 25. Mai) 1938 zum kommissarischen Verwalter bestellt, und zwar mit der Aufgabe, drei psychoanalytische Einrichtungen in der Berggasse zu liquidieren 3 : die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, das Psychoanalytische Ambulatorium und schließlich den IPV. Er wurde zunächst (d. h. bis zu seiner Bestätigung durch die Vermögensverkehrsstelle) von der Bezirksleitung der NSDAP im 9. Bezirk als kommissarischer Verwalter eingesetzt, weil nach deren Ansicht die Gefahr der Verschleppung aus dem großen Buch- und Zeitschriftenlager bestand. Der Grund für die Ernennung Sauerwalds – er hatte sechs Semester Medizin und vier Semester Jus an der Universität Wien studiert – hängt wohl nicht mit einem Naheverhältnis zur Psychoanalyse zusammen, sondern hat vielmehr damit zu tun, dass ein Freund aus seiner Burschenschaft („Germania“), der in der NSDAP-Bezirksleitung im 9. Bezirk tätig war, ihn vorgeschlagen haben dürfte. Dass Sauerwald Sigmund Freud und seiner Familie gegenüber außerordentlich hilfreich war, motiviert der Freud-Biograph Ernest Jones – der Sauerwald als „a fervent anti-Semitic Nazi“ bezeichnet – damit, dass der spätere kommissarische Verwalter bei dem von ihm geschätzten und verehrten Wiener Professor Dr. Josef Herzig, einem langjährigen Freund Freuds, Chemie studiert hatte und diese Verehrung auf Sigmund Freud übertrug. 4

Vorwürfe, die gegen Sauerwald nach dem Krieg in Teilen der Presse erhoben wurden, dahin gehend, dass er den Verkauf des Verlags verhindert hätte – Marie Bonaparte, Prinzessin von Griechenland, hatte ein Angebot zum Kauf des schon seit 1922 schwer defizitären Verlags gemacht – waren und sind vollkommen haltlos. Im Gegenteil: Sauerwald hat den Verkauf unter Hinweis auf die dem Reich zukommenden, dringend benötigten Devisen genehmigt, doch lehnten das SD-Hauptamt in Berlin und die Gestapo in Wien den Plan strikt ab. Der Verlag hätte nicht weiter geführt werden können, da dessen Schriften für das Reich schlicht „kulturell untragbar“ waren.

Die Schließung des Verlags und der anderen Einrichtungen war ganz offenkundig von langer Hand geplant. Neben der Gestapo Wien maßgeblich beteiligt war das SD-Hauptamt in Berlin, vertreten durch den 1901 in Leipzig geborenen Arzt und SS-Hauptsturmführer Dr. Hans Ehlich. Dieser war seit Februar 1937 als Abteilungsleiter II 213 Rasse und Volksgesundheit tätig und nach der Annexion Österreichs nach Wien entsandt worden. 5 In Windeseile wurden, wie im Fall Bibliothek der Arbeiterkammer, der Grossloge, zahlreicher jüdischer Organisationen und Privatpersonen (etwa David Fraenkel) im Rahmen der „Verpackungsaktion“ kräftig abgeräumt und laut Sauerwald „große Teile“ des IPV nach Berlin abtransportiert. Der weisungsgebundene Sauerwald musste in einem Kräftemessen zwischen Wiener und Berliner Stellen fortan „zweite Geige“ spielen 6. Im April oder eventuell erst im Mai 1938 wurde eine Generalversammlung in der Berggasse abgehalten, bei der die Liquidation unter Federführung Sauerwalds beschlossen wurde. Unmittelbar darauf kam es zur großen Vernichtungsaktion: SD Hauptamt und Gestapo befohlen die Makulierung der gesamten vorhandenen psychoanalytischen Literatur einschließlich der nicht aufgebundenen Bände. Die Menge der eingestampften Bestände hat Sauerwald in seinem Bericht vom 6. Mai 1939 an die Prüfstelle für die kommissarischen Verwalter bei der VVSt. genau quantifiziert: „Durch eine Verfügung der Geheimen Staatspolizei wurden die gesamten Inländern gehörigen Schriften und Druckwerke cca. 16 Waggon restlos vernichtet.“ 7 Jedoch blieben davon verschiedene Bestände, darunter jene, die heimlich in die NB gebracht wurden, verschont und deren weiteres Schicksal, ist eine Geschichte für sich. Eine Geschichte, die es uns erlaubt, die Bände in der NB näher zu beschreiben, auf die Verdienste Sauerwalds hinzuweisen. Eine Stelle, die in diesen Tagen in Wien sehr präsent war und die hoffte, bei Freuds Verlag abräumen zu können, war das Amt Rosenberg. Doch es ging leer aus. In einer Aktennotiz des SD-Hauptamts vom 12. Juli 1938 ist nämlich von einer Vereinbarung mit dem SD-Hauptamt die Rede, aus den sichergestellten Beständen des IPV in Wien 10 bis 12 Stück für das Amt Rosenberg, das die Bücher für wissenschaftliche Zwecke verwenden wollte, abzugeben. Außerdem sollten die Bücher auf Anforderung an die Ordensburgen ausgeliehen werden. Doch auf das Amt Rosenberg hat man letztlich glatt vergessen: vor der Makulierung wurden keine Exemplare zurückgestellt. 8 So seltsam es klingen mag, war, um Komplikationen mit dem Ausland zu verhindern, ausländisches Eigentum nicht unter den zu vernichtenden Beständen. Dazu Sauerwald: „Ich habe durch Interventionen unter schwierigsten Verhältnissen durchgesetzt, dass diejenigen, beim Verlag befindlichen Bücher, welche Ausländern gehörten, von der Vernichtung ausgenommen wurden und die Bewilligung erteilt wurde, diese Bücher ins Ausland an die Eigentümer rückzustellen. Es handelte sich da um eine grosse Menge psychoanalytischer Literatur.“9 Auch andere Bestände aus dem Verlagslager wurden verteilt. Sauerwald versorgte nämlich nach übereinstimmender Aussage der Verlagsprokuristin Berta Steiner sämtliche Universitäten Deutschlands mit Schriften des Verlags. Es handelte sich dabei um 60–80 Kisten. 10 In den Worten Sauerwalds: „Ich habe weiters beim SD bezw. Staatspolizei, unter Überbrückung grosser Schwierigkeiten durchgesetzt, dass beinahe sämtlichen Universitäten und Instituten Deutschlands und Österreichs psychoanalytische Literatur aus dem Bestand des Verlages übergeben wurde, wobei jedoch der Auftrag seitens des SD erteilt wurde, es müssten diese Bücher von den Bibliotheken in geschlossene Verwahrung genommen werden.“ 11

Die Nationalbibliothek hat vor Juli 1938 – der genaue Zeitpunkt ist unklar – Bücher und Zeitschriften des IPV, wohl bemerkt aus unterschiedlicher Quelle – in Verwahrung genommen. Zum Umfang der Übergabe „zu treuen Händen“ der NB gibt es variierende Angaben. Bei der Vernehmung Sauerwalds im April 1947 ist von einem „größeren Bestand“, in einem Schreiben Sauerwalds im August 1947 an die Generaldirektion der NB von einer „Autoladung psychoanalytischer Literatur“ die Rede, während Berta Steiner bei ihrer Einvernahme von einer „privaten Abmachung“ zwischen Sauerwald und Heigl sowie von „zusammen mindest 1000 und mehr“ Büchern spricht. Nachsatz Steiners: „Darunter befanden sich Raritäten die schon zur Verlagszeit vergriffen waren.“ Also ein Hinweis auf Archivstücke und nicht Verlagslager. Nach der Aussage Sauerwalds in seinem Beweisantrag handelte es sich a) um Bücher aus dem Verlagslager (also verlagsneue Werke) und b) Bücher aus dem Verlagsarchiv, was die Zuordnung bei der NB-Provenienzforschung 2003 bestätigen würde. Sauerwald schildert die Übergabe so: „Schliesslich habe ich nicht nur ohne Zustimmung des SD bezw. Gestapo, sondern gegen deren Auftrag von den gesamten Druckwerken in zwei bis dreifacher Auflage zahlreiche Kisten mit Büchern und Schriften, die fast durchwegs Unicate darstellten, der Wiener Nationalbibliothek übergeben. Diese Ausfolgung fand auf Grund einer persönlichen Abmachung mit dem damaligen Direktor der Nationalbibliothek Dr. Heigl statt und wurde geheim sowie ohne Schriftwechsel durchgeführt.“ 12 Es sind eben jene Bücher, die nach dem Krieg geschlossen in einem Magazin der NB vorgefunden wurden. Doch gibt es eine Divergenz einerseits zwischen der grob geschätzten Anzahl der Bücher, die Sauerwald an die NB abgab, und andererseits der quantifizierbaren Menge von Büchern und Zeitschriften, die nach dem Krieg zurükkgegeben bzw. im Rahmen der Provenienzforschung dem IPV (konkret aus dem Archivbestand) zugeordnet bzw. von Heigl nachweisbar verschenkt wurden. GD Josef Bick wollte Sauerwald weismachen, dass Heigl „einen Großteil dieser Werke an andere, heute nicht mehr feststellbare Bibliotheken abgab“ – eine Behauptung, für die die Beweise vollkommen fehlen und die bestenfalls auf Hörensagen basiert. 13 Ob man von einem „Großteil“ sprechen kann, mag dahingestellt bleiben. Die Hausakten berichten wohl von Geschenken aus dem IPV-Bestand in der NB, aber es handelt sich in diesen Fällen um einige wenige Werke. Schon Mitte Juli 1940 teilte Heigl der Wiener Gestapo mit, dass ein Exemplar von Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, „das ich in den Doppelstückbeständen der Nationalbibliothek vorfand“, an die SUB in Königsberg abgegangen sei.14 Heigl hat im Herbst 1942 dem Institut für Psychologie an der Reichsuniversität Strassburg Werke Freuds zukommen lassen.15 Es ist anzunehmen, dass Heigl auch der Bücherei des Hauptarchivs der NSDAP in München Werke Freuds zur Verfügung stellte.

Wie dem auch sei: die NB hat die IPV-Bücher und Zeitschriften im Laufe des Jahres 1947 zusammengestellt und listenmässig erfasst. 1948 wurden 961 Bände (Bücher und Zeitschriften) an Dr. August Aichhorn im Namen der Erben Anna Freud und Jean Martin Freud, zurückgegeben. Der Provenienzbericht der ÖNB (2003) hat dem IPV fünf während des Krieges in den Bestand der NB einsignierte, aber damals nicht restituierte Werke auf Grund des Stempels „Archiv des IPV“ dem IPV zugeordnet. Das ergäbe, zusammen mit den 17 einsignierten Werken, die 1948 zurückgegeben wurden, 22 Werke bzw. Signaturen. Nur ist die Frage nicht zu beantworten, warum die NB von den mehr als tausend Bänden im Magazin (erst) fünf Jahre nach der Übernahme – nämlich im Februar 1943 – und nach welchen Kriterien IPV-Bücher in ihren Bestand aufnahm. Ein Studium des Einlaufsbuches der NB zeigt, dass Dutzende IPV-Werke in laufender Reihe einsigniert wurden (als „P38“Bestand), die damals wie heute nicht als Restitutionsobjekte betrachtet wurden bzw. werden. Es bleibt zumindest die Frage offen, wieso größere Mengen von IPV-Büchern, z. T. aus den 20er Jahren, 1943 einsigniert wurden. Alles in allem kamen über Sauerwald mindestens 1300 solche Werke in die NB.

Sauerwald war im Jahre 1940 zur Wehrmacht einberufen worden, wo er zuletzt als Stabsingenieur der Luftwaffe tätig war. Im Mai 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft in Bad Heilbronn und wurde Anfang September 1945 entlassen. Sauerwald hat nicht nur mehrere hundert Werke des IPV für die Nachwelt gerettet, er hat auch bewirkt, dass Sigmund Freud unter Mitnahme seiner gesamten Wohnungseinrichtung, des Großteils seiner wertvollen Privatbibliothek und nicht zuletzt seiner äußerst kostbaren ägyptischen Sammlung ausreisen durfte. Ein Teil der Bibliothek Freuds – 770 Bände von den Jahren 1554 bis 1938 – befindet sich heute in den Columbia HSL Archives & Special Collections in New York 16 , der größere Teil im Freud Museum in London (20 Maresfield Gardens)17. Offenbar ohne Kenntnis der Fakten gab es nach dem Krieg eine gehässige Pressekampagne gegen ihn. Er wurde als „Vernichter der FreudBibliothek“ beschimpft18 – gemeint war die Makulierung der Verlagswerke auf Befehl des SD-Hauptamtes in Berlin und der Gestapo in Wien – als „Bombennazi Dr. Sauerwald“, als „Gemütsathlet“, als „brauner Halunke“ und als „Bestie ohne Seele“ tituliert, der „Sigmund Freud bis auf die Knochen“ ausplünderte.19 Weil er in diesem Artikel auch angegriffen wurde und Drohungen bekam, hat RA Dr. Franz Petracek, Sauerwalds Verteidiger beim Volksgericht, sein Amt zurückgelegt. Alle Verfahren gegen Sauerwald wurden eingestellt.

Der einzige Hinweis in den NB-Hausakten auf die Übernahme von Büchern des IPV findet sich in einem Schreiben GD Heigls an den Präsidenten des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, Dr. Walter Frank, in München vom Ende Juli 1938. In der ersten Juli-Woche war Heigl in seiner Eigenschaft als Mitglied des Sachverständigenbeirates bei einer Tagung des Reichsinstitutes in München gewesen und hat dabei Frank versprochen, ihm, d. h. der Abteilung „Erforschung der Judenfrage“, Bücher aus einer bislang unbekannten Quelle zur Verfügung zu stellen. Er bat Frank wie auch die Abteilung die Schenkung nicht der Öffentlichkeit bekannt zu geben und die 261 Bände und Hefte, um die es sich zunächst handelte, „sekret“ zu behandeln, sprich versperrt zu halten und „nur jenen ernsten, politisch zuverlässigen Wissenschaftlern zugänglich zu machen“ 20 , die Frank selbst auswählen möge. Es sollte nicht das letzte Geschenk Heigls an das Münchner Institut bleiben und auch von den geraubten Büchern in der Bücherverwertungsstelle sollte es noch profitieren: „Ich hoffe sehr, mit der Widmung der Bände, auch wenn einiges heute noch unvollständig ist – die Ausfüllung der Lücken werde ich mir angelegen sein lassen! – Ihnen und Ihrem schönen Institut einen erwünschten Zuwachs verschafft, daher eine kleine Freude bereitet zu haben.“ (ebda.) Frank hat im Jahre 1939 – nicht ungleich Rosenbergs ERR – seine Fühler ins ganze Reich – auch nach Wien – ausgestreckt und hoffte auf einschlägige Materialzuwächse. 21 Heigl hat dem Reichsinstitut nicht nur mit psychoanalytischen Schriften „ausgeholfen“. Er hatte ja auch Massen von geraubten Judaica und Hebraica, die er großzügig verteilen konnte. Möglicherweise durch einen Hinweis Heigls begehrte das Reichsinstitut im Frühjahr 1940 Bücher, d. h. Judaica, aus dem östlichen Bundesland Burgenland. Dr. Günther Schlichting (1911– 1989) vom Reichsinstitut wandte sich am 10. Februar 1940 an das in Wien noch zuständige Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten (Friedrich Plattner). Sein Schreiben verrät, wie gut informiert das Reichsinstitut war und informiert uns heute über das Schicksal jüdischer Bücher in Österreich:

Hiermit bitten wir, uns für unsere Bibliothek zur Judenfrage etwa 100 Bände der seinerzeit sichergestellten und gegenwärtig im Landesmuseum zu Eisenstadt aufbewahrten Hebraica zu überlassen.

Das Reichsinstitut, das unter anderem den vom Führer genehmigten Auftrag hat, die größte europäische Fachbibliothek zur Judenfrage aufzubauen, ist mit Kriegsbeginn vom Reichswissenschaftsministerium im Einvernehmen mit dem GBV zur Bedarfsstelle erster Ordnung erklärt worden und hat seine Bücherbestände zu kriegswichtigen Informationen für die zuständigen Stellen auszuwerten. Die oben genannten hebräischen Bücher, die von uns an Ort und Stelle fachmännisch geprüft wurden, entstammen im wesentlichen der Zeit zwischen 1700 und 1900. Sie sind unter den in Eisenstadt aufbewahrten Hebraica-Beständen, die aus den Gemeinden Lackenbach, Kittsee und Frauenkirchen herrühren, meist drei- bis sechsfach, gelegentlich in bis zu 20 Exemplaren vorhanden. Da ihre Auswertung für Kriegsforschungsaufträge, sowie für Presse und Rundfunk durch das Reichsinstitut noch während des Krieges erfolgen soll, und da sie andererseits durch die Aufbewahrung im feuchtkalten Keller zu Eisenstadt schon bisher angeschimmelt sind und bei längerem Zuwarten Gefahr laufen, völlig zu verderben, würde mit einer baldigen Überlassung der Bücher ebenso dem Interesse der Erhaltung der Bücher – die teilweise bereits auseinanderfallenden Exemplare würden bei uns sofort aus Reichsmitteln gebunden werden – wie dem Reichsinstitut und seiner kriegswichtigen Arbeit dienen.

Für eine schnelle Entscheidung in dieser Sache wären wir außerordentlich dankbar.
22

Vor so viel selbstloser Güte wird das Ministerium das Ansuchen nicht abgelehnt haben. Das Ministerium bat einen (parteiischen) Fachmann – GD Paul Heigl – um Rat. Dieser war selbstredend ganz dafür, dem Reichsinstitut zu helfen, wo er selbst solche Mengen jüdischen Raubguts hatte und gab eine entsprechende Empfehlung an das Ministerium ab:

Auf Grund der genauen Kenntnis des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, dessen Beirat ich angehöre, und seiner Aufgaben würde ich das ganz besonders begrüßen, wenn der Bitte des Instituts um Überlassung der 100 Bände Hebraica entsprochen werden könnte. Auch die Nationalbibliothek hat eine große Anzahl aus Synagogen geborgener Hebraica übernommen und gibt Doppelstücke gerne an das Reichsinstitut ab, um dessen Leistungsfähigkeit gerade im Dienste der Information möglichst zu erhöhen.23

Heigl hat noch in diesem Jahr Gelegenheit gehabt, die „Leistungsfähigkeit“ des Reichsinstituts und weiterer Bibliotheken zu erhöhen. Die fragmentarisch erhaltenen Akten der noch bis zum 31. März 1941 an der NB angesiedelten Internationalen Tauschstelle zeigen, dass Heigl Anfang Dezember Bücherkisten an drei Stellen im Altreich schicken ließ, und zwar jeweils „Neue Hebraica“ und/oder „Jiddial-Literatur“. Die Transporte gingen jeweils am 5. Dezember 1940 an:

a) das Reichinstitut für Geschichte des neuen Deutschland (1 Kiste, 130 kg.)
b) die Reichstauschstelle in Berlin, z.hd. Dr. Adolf Jürgens (1 Kiste, 29 kg), und zwar für die Preußische Staatsbibliothek, orient. Abteilung
c) die Bibliothek der Hansestadt Hamburg (1 Kiste, 41 kg). Neue Hebraica.
24

Die Bücher waren ein Geschenk Heigls, die Bibliotheken mussten lediglich für die Transportkosten aufkommen. Im Fall der Hamburger Bibliothek wissen wir Näheres über den Inhalt der Kiste. Laut Erwerbungsbuch, das heute in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg archiviert ist, wurden im Januar 1941 84 Bücher aus Wien (Nr. 3906–3989) einsigniert.25 Sonstige Zugänge aus Wien sind nicht nachweisbar, aber die Bibliothek in Hamburg hat sich 1943 für diese Büchersendung revanchiert.26

Während des Bombardements Hamburgs im Juli/August 1943 („Operation Gomorrha“) verbrannten 700.000 der 850.000 Bände der Bibliothek der Hansestadt. Ob die Bibliothek auch Bücher des Internationalen Psychoanalytischen Verlags erhielt, ist nicht bekannt.

Fußnoten:
1 Zu diesem Thema siehe Karen Brecht u.a. (Hrsg.): „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …“. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg: Verlag Michel Kellner 1985.

2 Näheres dazu in Murray G. Hall: The Fate of the Internationaler Psychoanalytischer Verlag. In: Freud in Exile. Psychoanalysis and its Vicissitudes. Edited by Edward Timms and Naomi Segal. New Haven/London: Yale University Press 1988, S. 90–105. Weiterführende Literatur: Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1919–1938. Katalog. Herausgegeben vom Sigmund Freud Museum. Wien 1995 (Katalog- und Ausstellungstextredaktion: Lydia Marinelli, Markus Arnold); Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1919–1938. Eine Dokumentation in Originalausgaben. Antiquariat Zerfaß & Linke, Berlin. Katalog 6. Berlin o.J.; Wolfgang Huber: Psychoanalyse in Österreich seit 1933. Diss. Salzburg 1977.

3 Hier wird auf das bunte Treiben um die realen Vermögenswerte, sprich: die Räumlichkeiten und die Einrichtungsgegenstände nicht näher eingegangen. Obwohl überlegt wurde, dort ein neues rassenbiologisches Institut unterzubringen, bekam das Orientalische Institut der Universität Wien den Zuschlag. Die Akten im Österr. Staatsarchiv (ÖStA, AVA, BMU, 4G Phil., Orient. Inst., Fasz. 866) berichten ausführlich über dieses Thema.

4 Ernest Jones: The Life and Work of Sigmund Freud. Edited and abridged by Lionel Trilling and Steven Marcus. London: Penguin 1984, S. 639.

5 Ausführlich zu seiner Karriere in Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg: Hamburger Edition 2002, S. 176ff. Ehlichs Tätigkeit in Wien findet hier keine Erwähnung.

6 Bei seiner Einvernahme bei Gericht in Tirol im April 1947 gab er folgendes zu Protokoll: „Die Tätigkeit des Verlages wurde sofort von der Staatspolizei untersagt und als Sachbearbeiter in dieser Angelegenheit Dr. Ehlich, SD-Hauptamt Berlin, mir überstellt. Sämtliche Weisungen bekam ich direkt von dieser Stelle, ebenso Gestapo Wien und Pressepolizei.“

7 ÖStA, VVSt, K.u.Tr. 6717 (Wiener Psychoanalytische Vereinigung). Bericht Sauerwalds vom 6.5.1939. In einem Antrag auf Verlängerung der Bestellung Sauerwalds als kommissarischer Verwalter vom 15. Juli 1938 hatte es noch geheißen: „ Der gesamte Warenbestand (Bücher) wurde über Auftrag vorgenannter Stellen [SD-Hauptamt, Gestapo Wien] vernichtet.“ Ebenda. Sauerwald stellte den Antrag auf handelsgerichtliche Auflösung des IPV am 5. 8. 1938. Dazu ÖStA, VVSt, Handel 4874/VI (Internationaler Psychoanalytischer Verlag).

8 Zu diesem Vorgang siehe BAB R58/365, Bl. 146f. Frdl. Hinweis von Werner Schroeder.

9 Landesgericht für Strafsachen Wien, Volksgericht, Vg 1a Vr 2876/47. Strafsache gegen Dr. Anton Sauerwald wegen §§ 10, 11 Verbotsgesetz und § 6 Kriegsverbrechergesetz. Beweisantrag Sauerwald vom Oktober 1947. Beide Volksgerichtsverfahren gegen Sauerwald – also wegen mißbräuchlicher Bereicherung in Zusammenhang mit der Liquidation der psychoanalytischen Einrichtungen und wegen Illegalität („Alter Kämpfer“) – wurden eingestellt.

10 Ebenda, Zeugenvernehmung Berta Steiner am 12.11.1947.

11 Beweisantrag Sauerwald vom Oktober 1947. Zum Schicksal eines Teils des Lagerbestands schreibt der Freud-Biograph Ernest Jones (Das Leben und Werk von Sigmund Freud. Band III: Die letzte Phase 1919–1939. Bern – Stuttgart: Verlag Hans Huber 1962 , S. 265): „Als die Nazis zum Beispiel herausfanden, daß Martin Freud sicherheitshalber einen Vorrat der ‚Gesammelten Schriften’ in einem neutralen Lande, der Schweiz, hielt, bestanden sie auf deren Rücktransport nach Wien, wo sie mehr oder weniger feierlich verbrannt wurden.“ Die Ausführungen von August Beranek, dem letzten Leiter des Verlags, sind mit besonderer Vorsicht zu genießen. August Beranek: Wie die Nazis den Internationalen Psychoanalytischen Verlag zerstörten. In: Pinkus (Zürich), Katalog 11, Mai 1969, S. I–IV.

12 Beweisantrag Sauerwald vom Oktober 1947. Ähnlich die Ausführungen Sauerwalds in einem Brief an das BMU am 23. April 1948: „Um wertvolle Buchbestände der Verlagsbibliothek und des Verlages [also zwei Quellen!] vor der Vernichtung zu bewahren bezw. um eine eventuelle Neuauflage der Verlagswerke zu ermöglichen, habe ich Bestände aus dieser Bibliothek dem damaligen Generaldirektor der Nationalbibliothek Herrn Dr. Heigl mit dessen Zustimmung zu treuen Händen ins Depot der Nationalbibliothek gegeben. Ich betone, dass diese Buchbestände unweigerlich der Vernichtung anheimgefallen wären, wenn sie an einen anderen Ort verlagert worden wären. Über die Deponierung konnten aus begreiflichen Gründen keine schriftlichen Abmachungen getroffen werden. Herr Generaldirektor Dr. Heigl versicherte mir, dass diese Buchbestände für spätere Zeit aufgehoben werden würden. Diese Tatsache ist Herrn Dr. Trenkler sowie Angestellten der Nationalbibliothek bekannt.“ ÖStA, BMU, Ges.zeichen 2 Fb1 Nat. Bibl., Karton 493, Zl. 31.530/1948. Heigl hat das Versprechen nicht gänzlich eingehalten.

13 NB 943/1947. Schreiben Bick an Sauerwald, 22. 8. 1947.

14 NB 698/40. Heigl an die Gestapo Wien, 17. 7. 1940.

15 NB 1850/1940 sowie NB 1882/1940.

16 Wir wissen, dass Freud in der Zeit vor Juni 1938, als er Österreich endlich verließ, Werke aus seiner großen Büchersammlung nach unbekannten Kriterien ausgeschieden hat, da er nicht die ganze Bibliothek nach London mitnehmen konnte. Einen Teil (770 Bände) hat er seinem Freund Paul Sonnenfeld geschenkt. Als auch Sonnenfeld Österreich verlassen musste, verkaufte dieser den Bestand an den Wiener Antiquar Heinrich Hinterberger (der auch mit der NB gute Geschäfte machte). Im Juli 1939 bot Hinterberger (1892–1970) die Bücher aus dem Besitz eines nicht identifizierten, berühmten Wiener Forschers, sprich Sigmund Freud, in einem eigenen Katalog zum Verkauf an. Der Bibliothekar des New York State Psychiatric Institute kaufte den gesamten Bestand auf und somit war die Bibliothek im September 1939 in New York. Seit 1978 werden die 770 Bücher von den Columbia HSL Archives & Special Collections verwahrt.

17 Der größte noch erhaltene Teil von Freuds Privatbibliothek befindet sich heute im Freud Museum in London und umfasst ca. 2.500 Bände. Dazu Edward Timms: Freud’s Library and His Private Reading. In: Freud in Exile. Psychoanalysis and its Vicissitudes. Edited by Edward Timms and Naomi Segal. New Haven/London: Yale University Press 1988, S. 64–79. Andere Bände sind im Freud Museum in Wien.

18 Österreichische Volksstimme, 20. 8. 1947, S. 3.

19 Karl Hans Heinz: Sigmund Freuds braunes Leid. Bombennazi Dr. Sauerwald und die Angstpsychose. In: Neues Österreich, Nr., 152, 18.10.1945, S. 3.

20 NB 1469/1938. Heigl an Frank, 29. 7. 1938. Zur Geschichte des Reichsinstituts siehe u.a.: Helmut Heiber: Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des Neuen Deutschlands. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1966; Patricia von Papen-Bodek: Die Bibliothek der Forschungsabteilung Judenfrage in München 1936–1945. In: Freundeskreis des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur e.V. an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 3. Rundbrief, Oktober 2001, S. 10–16 sowie Sven Kuttner: Geraubte Bücher. Jüdische Provenienzen im Restbestand der Bibliothek der „Forschungsabteilung Judenfrage“ in der Bibliothek des Historicums der UB München. In: Bibliotheksdienst 37 (2003), H. 8/9, S. 1059–1065. Die Geschenke aus Wien werden hier nicht thematisiert.

21 WSTLA, Kulturamt der Stadt Wien, M.Abt. 350, A1/7, Allg. Reg. 1901–2100/1939.

22 NB 5481/1940. Dr. Günther Schlichting, Reichsinstitut, an das Ministerium, 10.2.1940 (Abschrift). Zum kaum erforschten Thema Bücherraub im Burgenland siehe: Gerhard Baumgartner u.a.: „Arisierungen“, beschlagnahmte Vermögen, Rückstellungen und Entschädigungen im Burgenland. Wien-München: Oldenbourg 2004, S. 133f. (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission, Band 17,3)

23 NB 5481/1940. Heigl an das Ministerium, 1. 3. 1940.

24 Begleitbriefe zu diesen Büchersendungen haben sich rein zufällig im dürftigen Archivbestand der Internationalen Tauschstelle (heute Erwerbungsabteilung) der NB erhalten. Sie tragen alle das Aktenzeichen 42-S/40. Das dort archivierte Buch „Protokoll Internationale Austauschstelle“ verzeichnet sämtliche über diese Stelle laufenden Tauschakten vom 1. 1. 1930 bis zur Auflösung 1941. Die dazugehörigen Akten waren nicht auffindbar.

25 Für die Übersendung von Kopien aus dem relevanten Erwerbungsbuch sind wir Herrn Dr. OttoErnst Krawehl, SUB Hamburg, sehr zu Dank verpflichtet. Zu diesem Thema siehe Otto-Ernst Krawehl: Erwerbungen der „Bibliothek der Hansestadt Hamburg“ aus ehemals jüdischem Besitz (1940 bis 1944). In: Auskunft 22 (2002), Heft 1, S. 3–17; bes. S. 7.

26 In den Hausakten (NB 454/1943) findet sich ein Brief vom 17. 6. 1943, in dem Senatsdirektor Dr. Krebs der NB das Geschenk der Handschrift „Prater Club Poesien, 2. Band“, die aus dem Nachlass eines „verstorbenen“ Juden stammte, ankündigt. Heigl übergab sie umgehend der Handschriftenabteilung, wo sie heute unter der Signatur Ser.n. 9827 verwahrt und aus nicht einsichtigen Gründen nicht restituiert wird.


Erschienen in: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich, 2005-1, S. 20–30.

Veröffentlicht am 24 Oct 2012

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