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„Herrschaft des Abschaums“

Autor: Beatrix Bastl

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Universitätsbibliothek und Universitätsarchiv der Akademie der bildenden Künste Wien von 1933 bis 19481

Als die Direktion der Universitätsbibliothek der Akademie der bildenden Künste Wien mit 1. Februar 2005 neu besetzt wurde, war bereits in den Vorgesprächen mit dem damaligen Rektor Stephan Schmidt-Wulffen und der damaligen Vizerektorin Anna Steiger rasch klar geworden, dass die neue Leiterin auch das Universitätsarchiv (Bestände von den Anfängen bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts) übernehmen, übersiedeln (aus der Makartgasse in das Hauptgebäude am Schillerplatz 3) und in den adaptierten Räumlichkeiten neu aufstellen sollte.2 Nach der Übersiedlung und Neuaufstellung des Universitätsarchivs begann ich auch die Korrespondenzen meiner Vorgänger zu bearbeiten, soweit sie vorhanden waren.3

In den nächsten Jahren kam es mit einem der Benützer des Lesesaals, Herrn Uri- Arthur Peled-Feldmann, der der unter den Nazis enteigneten Kunstsammlung seines Großvaters, Dr. Arthur Feldmann, nachging, zu regem Kontakt.4 Im Zusammenhang damit brachte er mir ein Schreiben Dr. Otto Beneschs vom 30. September 1959 an Karl Feldmann zu Kenntnis, in dem Dr. Benesch seine Kenntnisse über die enteignete Kunstsammlung der Familie Feldmann für einen Eigentumsnachweis zur Verfügung stellt. Dr. Benesch hatte umfangreiche Einsichten in dien Sammlung des verstorbenen Dr. Arthur Feldmann für eine Ausstellung erworben, enthielt sich jedoch dort, wo er nur undeutliche Erinnerungen hatte (wie Gemälde, Teppiche und die Bibliothek), des Wortes.5 Damit wurde der Bibliotheksdirektorin einmal mehr als deutlich, wie schwierig es sein musste, sein Eigentum an Büchern nachträglich zu dokumentieren, sofern man keine Hinweise in den Büchern angebracht hatte oder es noch Rechnungen gab; dass eine Privatperson ein Akzessionsbuch führen würde, war ebenso nicht anzunehmen.

Nachdem bekannt war, dass bereits einige wissenschaftliche Bibliotheken sich mit der Suche nach NS-Raubgut beschäftigten,6 wurde es auch innerhalb der Akademiebibliothek klar, dass dies eine wichtige Zukunftsaufgabe für das eigene Haus darstellte. Den Ausschlag gab dann die Durchsicht der Verwaltungsakten des Universitätsarchivs der Akademie der bildenden Künste für die Jahre 1933 bis 1948, in denen die illegale NSDAP-Mitgliedschaft des damaligen Bibliotheksdirektors (die Bibliothek wurde damals als Bibliothek-, Kupferstich- und HandzeichnungenSammlung bezeichnet und ist heute getrennt in Bibliothek und Kupferstichkabinett, Letzteres seit 2003 auch unter eigener Direktion) Dr. Otto Reich dokumentiert war.7 Diese Tatsache legte nahe, dass der Leiter einer großen Sammlung, der noch dazu in der sogenannten Systemzeit als Illegaler fungiert hatte, durchaus gute Möglichkeiten gehabt haben könnte, an Nazi-Raubgut heranzukommen und/oder sich dieses durch die berüchtigte Reichstauschstelle zustellen zu lassen.

Ein merkwürdiger Vorfall, nur als Bonmot am Rande, hatte sich bereits am 4. April 1935 in der akademischen Bibliothek ereignet:

Es erscheint hier Seine Hochwürden Pater Urban Schwaiger vom Stifte der Schotten und ersucht um ausnahmsweise Entlehnung des Werkes von Adolf Hitler ‚Mein Kampf‘, welches Buch derselbe für eine wissenschaftliche Arbeit aus dem canonischen Eherecht benötigt […] und jeder Missbrauch wegen der Stellung des Entlehners ausgeschlossen erscheint, hat die Bibliothekskommission ganz ausnahmsweise die Erlaubnis für die Entlehnung erteilt […].8

An weiteren Verdachtsmomenten kamen hinzu der ‚organische Machtwechsel‘ und die Einsetzung einer kommissarischen Leitung an der Akademie der bildenden Künste im März 1938. Umsonst hatte das Bundesministerium für Unterricht noch am 5. März 1938 in einem Erlass über das Verhalten der öffentlichen Bediensteten bestimmt:

1./ Das Tragen von Hakenkreuzen in jeder Art, Wimpeln und dergleichen, ebenso wie der Wortgruss ‚Heil-Hitler‘ im Dienste bleibt weiter verboten. Auch ausser Dienst ist das Tragen solcher Abzeichen verboten und der Gebrauch des bezeichneten Grusses […] zu unterlassen.
2./ Das Hissen von Hakenkreuzfahnen ist österreichischen Bundesbürgern verboten.
9

Die Landesleitung Wien der NSDAP setzte am 12. März 1938 Ferdinand Andri, Wilhelm Dachauer und Alexander Popp als kommissarische Leitung der Akademie ein. Noch am selben Tag bzw. am Sonntag, dem 13. März 1938, beschließt dieselbe Suspendierungen von Lehrpersonal und richtet ihr erstes Schreiben an den Bundesminister für Unterricht:

Diese Führung hat bereits die Arbeiten übernommen und hat auftragsgemäß die Akademieprofessoren Albert Bechtold, Erich Boltenstern, Viktor Hammer, Dr. Clemens Holzmeister, Rudolf Marschall und Karl Sterrer, ferner die Honorardozenten Prof. Dr. Josef Gregor und Lothar Wallerstein sowie die technische Hilfskraft Eugen Wachberger der lehramtlichen Pflichten bis auf weiteres enthoben.10

Jetzt fragt man sich, um welchen Auftrag es sich hier gehandelt haben könnte – oder war es doch eher vorauseilender Gehorsam? Aber nicht nur das: Am 30. März 1938 diktierte Prof. Popp (Unterschrift Rektor Ferdinand Andri) folgendes Schreiben an das österreichische Unterrichtsministerium:

Der Leiter der h.o. Rektoratskanzlei, Regierungsrat Dr. Eduard Josch, welcher das 60. Lebensjahr kürzlich vollendet hat, und die volle Dienstzeit aufweist, soll nach den derzeit hier noch geltenden Bestimmungen in Kürze aus dem aktiven Dienste scheiden. Durch die Schaffung Grossdeutschlands sind hier vielfach organisatorische Umstellungen notwendig geworden. Die Durchführung dieser Massnahme erfordert einen eingearbeiteten und mit den Verhältnissen der Kunsthochschule voll vertrau- ten ständigen Sekretär, um alle Veränderungen rasch und reibungslos in die Tat umzusetzen. Die kommissarische Führung beantragt daher, die geplante Ruhestandsversetzung des Genannten rückgängig zu machen und denselben weiter im aktiven Dienste zu belassen. Was die politische Einstellung des Regierungsrates Dr. Josch anlangt, so ist seine nationale Gesinnung seit jeher bekannt.11 Er ist Ehrenbursche der einzigen nationalen Verbindung an unserer Akademie, und hat, wenn er auch nicht P.G. war, die Bestrebungen der Partei und der nationalen Studentenschaft weitgehendst gefördert. So hat er, um nur ein Beispiel zu nennen, die Kampfspende durch 4 Jahre geleistet. Sein Sohn ist seit Jahren im Deutschen Reich werktätig, hat dort erst den Arbeitsdienst geleistet, und später in den S.S. Formationen Dienst gemacht. Vor seiner Ausreise nach dem Reiche hatte seine Gesinnung im früheren Regime Veranlassung gegeben, dass derselbe hier zweimal polizeilich beanständet und einmal wegen illegaler Tätigkeit polizeilich bestraft wurde. Der Vater wurde damals vom Bundesministerium für Unterricht zur Ver- antwortung gezogen, und wurde demselben die strafweise Versetzung in den Ruhestand angedroht.12

Das Schriftstück „Personalveränderungen bei öffentlichen Dienststellen: Weisungen“ vom 26. März 1938 (Rektor Ferdinand Andri, gefertigt am 30. März 1938 durch Dr. Josch) gibt nun Auskunft über den ‚Auftrag‘ der kommissari- schen Leitung, nämlich „jene Lehr- und Amtspersonen oder Bedienstete, welche sich entweder besonders scharf zugunsten des früheren Regimes hervorgetan haben, oder welche Juden oder jüdisch versippt sind und endlich alle Unfähigen [sic!] auszuscheiden und sofort ihres Dienstes zu entheben. Doch soll diese Massnahme nur vorübergehend wirken, so dass nach der Abstimmung am 10. April 1938 alle Fälle einer eingehenden und strengen Überprüfung unterliegen. Die kommissarische Leitung hat sich bei Durchführung dieser Massnahme zur Richtschnur genommen, dass es aus paedagogischen Gründen zu vermeiden sei, dass die Schülerschaft später selbst solche Massnahmen einleitet, und dadurch dann das Ansehen der Lehrerschaft empfindlich schädigt.“13

Entlarvend für die Verfasser wird dann die Beschreibung der einzelnen Personen, welche ihres Dienstes enthoben und mittels Dekret davon verständigt wurden. Nicht nur skurril sind die Anschuldigungen, die gegen sie erhoben wer- den, sondern auch bösartig, verleumderisch und von einer perfiden Penetration des Privaten durchdrungen. Die ‚Banalität des Bösen‘ wird hier spürbar. Aus die- sem Grund soll hier ausführlich und doch in Auszügen der Akt zitiert werden:

1.) a.o. Prof. Arch. und Ing. Erich Boltenstern ist angeblich mit einer Jüdin verheira- tet, trat überall nur als vaterländischer Trabant Prof. Dr. Holzmeisters oeffentlich in Erscheinung. […]
2.) a. o. Professor und Bildhauer Albert Bechtold galt in seinem Heimatlande als Kommunist, hat selbst bei einem Wettbewerbe für ein Lenindenkmal mitgewirkt, und in einem Hefte über das Kaiser Franz Josef Denkmal für Errichtung von Lenin- denkmalen gesprochen. In der Schule sollen wiederholt N.S. feindliche Bemerkungen gefallen sein, während die Frau erst jüngst Schüler der Müllnerschule vom Fenster der Dienstwohnung aus als ‚Nazilausbuben der Müllnerschule‘ unprovoziert beschimpft hat […].
3.) a.o. Professor und Maler Viktor Hammer, soll selbst nicht reinrassischer Ab- stammung und mit einer Jüdin verheiratet sein. Sein Verkehr war fast ausschließlich ein jüdischer […].
4.) o. ö. Professor Baurat h. c. Dr. Ing. Clemens Holzmeister, war ernannter Staatsrat des früheren Regimes und eine Hauptstütze der C. V. Regierung […] Dementsprechend war er stets scharf gegen N. S. eingestellt, und hat erst knapp vor dem Zusammenbruch des Regimes einen Architekten nur wegen der Teilnahme an einem nationalsozialistischen Fackelzug in Salzburg auf der Stelle entlassen. Mit den meisten Mitgliedern der früheren Regierung stand er in freundschaftlichster Beziehung, und verstand sich durch diese Freundschaft fast alle oeffentlichen bedeutenderen Bauaufträge der letzten Jahre zu verschaffen.
5.) o.ö. Professor, Maler Karl Sterrer, stand den Machtzielen der Kirche als innerlich gläubiger Christ gefügig zur Verfügung, bevorzugte bei der Aufnahme extrem katholische Bewerber […].
6.) Hofrat und o.ö. Prof. Rudolf Marschall wurde seinerzeit (1904) ohne Vorschlag des Kollegiums berufen, weil man ihn weder als Menschen noch als Künstler für die geeignete Person für ein akademisches Lehramt hielt […].
7.) Honorardozent Professor Dr. Josef Gregor; seine arische Abstammung wird ange zweifelt und wäre erst nachzuweisen. Sein Verkehr war vor der Schaffung Grossdeutschlands fast rein jüdisch, seine Liebdienerei vor der Regierung mehr als sachlich und künstlerisch bedingt.
8.) Honorardozent, Regierungsrat und Professor Dr. Lothar Wallerstein, ist Volljude und ist inzwischen bereits nach Italien abgereist.
14

Es folgen danach in derselben Manier Beschreibungen anderer Angestellter der Akademie, wobei zu sagen ist, dass die Beurteilung mancher Professoren, wie zum Beispiel von Josef Gregor, revidiert und später, nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, wiederum verändert wird.15

Die des Dienstes Enthobenen wehrten sich auf ihre Weise, und stellvertretend für andere sei hier das Schreiben Viktor Hammers zitiert, in dem er sich und seine Frau in sich selbst herabwürdigender Weise verteidigt: 0 Lieber Freund Blauensteiner!
Anlässlich der vorläufigen Enthebung von meiner Lehrpflicht an der Akademie möchte ich Dir, als dem Kommissar der NSDAP folgendes mitteilen.
Ich bin rein arisch und auch meine Frau ist rein arisch. Nicht nur bis ins dritte Glied sondern auch so weit wir ins Dunkel der Geschlechter die Spuren unserer Abkunft verfolgen können […] Die dazu nötigen Dokumente besitze und bewahre ich und kann sie jederzeit vorweisen […] Ich habe mich niemals politisch irgendwie betätigt […] sondern konzentrierte mich ganz auf meine schöpferische Tätigkeit als Künstler […] Von zwei Schülern wusste ich genau dass sie Nationalsozialisten waren, dass der eine sogar eine ziemlich schwere Gefängnisstrafe abgebüsst hatte. Dennoch gab ich dem Hans Reidinger – jetzt an der Akademie – und dem Emmerich Millim aus St. Gallen im Ennstal Stipendien aus Landesgeldern und den Millim habe ich 6 Monate aus meiner eigenen Tasche ein Stipendium gegeben um ihm über den Winter hinweg zu helfen. Aber nicht weil sie NSLeute, sondern weil sie begabt und anständig waren […] Ich hielt es für beschämend, dass ich erst durch Dokumente nachzuweisen hätte, wess Blutes und welcher Art ich sei. Da es nun unerlässlich ist, füge ich mich und beilie- gender Stammbaum mag Dich davon überzeugen.
16

Viktor Hammer, der sich immer als deutschen Künstler und da vor allem als Künstler gesehen hat, verteidigt auch die handwerkliche Grundlage und hält die sogenannten strengen Künste – Handwerk und Kunstgewerbe – für den Boden, auf dem die sogenannten freien Künste erst erwachsen können. Letztlich nützte diese Sachverhaltsdarstellung nichts, denn die Macht des Gerüchts war offensichtlich stärker. Hier wird deutlich, mit welchen Mitteln man vorging, um unliebsame Kollegen von der Akademie zu entfernen.

Gleichzeitig gab es aber auch ganz anderes, und einigen wurde klar, was auf sie zukommen würde. Stellvertretend für andere Fälle sei die „freiwillige“ Zurücklegung der Ehrenmitgliedschaft der Akademie durch Dr. Felix Freiherr von Oppenheimer genannt, „um einerseits der Akademie Verlegenheiten wegen dieser Ehrenmitgliedschaft zu ersparen, andererseits um sich selbst nicht auch der Beschämung einer Entziehung dieser Auszeichnung auszusetzen“.17

Nochmals zurück zu Viktor Hammer, von dessen Tochter Robert Eigenberger18 behauptet, dass sie mit dem „Juden Oppenheimer“19 verheiratet und er dadurch „jüdisch versippt“ sei. Prof. Viktor Hammer wird aufgrund der Stellungnahme des Dozentenbundführers Prof. Dr. Eigenberger am 16.11.1938 einstweilig vom Lehramt an der Akademie enthoben, im Juni 1939 wurde er in die USA beru- fen.20 Zur Bewilligung der Ausreise Hammers wird wiederum Eigenberger um seine Stellungnahme ersucht, die dahingehend ausfällt:

Allerdings muss in dieser Berufung ein weiterer Grund dazu gesehen werden, dass die Persönlichkeit Prof. Hammers für unsere Akademie als Lehrer unter keinen Umständen mehr in Frage kommen kann. Gerade diese Berufung beweist aufs neue, wie eng verbunden Viktor Hammer mit internationalen jüdisch-freimaurerischen Kreisen ist. Nur eine solche enge Verbindung kann die Voraussetzung dazu sein, dass der genannte Professor bei den heutigen Spannungen zwischen Deutschland und Amerika an die Universität im Staat New York, der die Hochburg der jüdisch-frei- maurerischen Herrschaft in U.S.A. genannt werden muss, berufen worden ist.21

Wikipedia verzeichnet unter Victor Karl Hammer (geboren in Wien am 9. September 1882, gestorben in Lexington, Kentucky, am 10. Juli 1967), dass er von 1936 bis 1939 als Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien wirkte; “in 1939, he secretly fled Vienna due to World War II and emigrated to the United States with his first wife, where he taught at Wells College in Aurora, New York until 1948. Here he produced American Unical – the best known of his five typefaces. In 1948, Hammer settled in Lexington and was artist-in-residence at Transylvania University, a post he held until retirement in 1953.”22

Im Gegensatz zu Eigenbergers Darstellung verhielt es sich ganz anders, indem man Hammers künstlerisches Schaffen als qualitätsvoll ansehen muss, denn sonst wäre es nie zu dieser Berufung gekommen. Die USA nahmen ‚rassisch Verfolgte‘ nur dann auf, wenn sie von Bedeutung und Interesse für das eigene Land waren. Jedenfalls finden sich in der artnet Price Database, der bebilderten Datenbank für Auktionsergebnisse, drei Bilder von Victor Hammer, die 2009 und 2011 vom Dorotheum versteigert wurden, und zwar „Vanitas“ (1928) sowie „Grundlseer Bäuerin in alter Tracht“ (Schanzl Flora, 1933) und „Albrecht Gasperl vulgo Egg“ (1920) unter Angabe eines falschen Todesjahres Hammers.

Kehren wir zurück zur Bibliothek und zu Bibliotheksdirektor Dr. Otto Reich, der als Leiter der Bibliothek und der Sammlung Handzeichnungen (= Kupfer- stichkabinett) als „gerichtlicher Sachverständiger der Gruppe XXVI/6 [?] in Angelegenheit einer Tauschaktion zwischen einem Privaten und dem Staate der graphischen Sammlung Albertina“ fungierte.23 Welcher Natur diese Tauschaktion tatsächlich war, bedarf, in Kenntnis der in der Anmerkung angegebenen Vor- gangsweise, keiner Erklärung. Ein Gespräch zwischen Alexandra Caruso und Alice Kantor, in dem Frau Kantor berichtet, dass ein „Sachverständiger“ in das Haus ihrer Eltern kam, um die vorhandenen Bilder zu schätzen, bestätigt diese Einschätzung.24 Als Sachverständiger wird dabei Otto Reich als „ehemaliger Bi- bliothekar der Akademie der bildenden Künste“ angegeben, was dahingehend zu korrigieren wäre, dass er der amtierende Bibliotheksdirektor (1919 bis 1945) war.25 Gleichzeitig darf auch in diesem Fall nicht unerwähnt bleiben, dass Reich auf fach- lichem Gebiet durchaus als leistungsfähig und kompetent anzusehen war.26

Am 5. Dezember 1938 langt dann in der Bibliotheksdirektion der Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 11. November 1938 ein, der inländischen jüdischen Studierenden das Betreten der Hochschulen und damit auch der Hochschulbibliotheken verbietet. „Zur Vermeidung von Unzukömmlichkeiten [wurden] Juden überhaupt vom Besuche der Hochschulbibliotheken ausgeschlossen.“27

Diese Beschränkung zieht selbstverständlich einen Mangel an ausgebildetem Personal in jedem Fach nach sich, und da der neben dem Bibliotheksdirektor ein- zige wissenschaftliche Beamte, Dr. Anton Kraus, der Albertina zugeteilt wurde, bemüht sich die kommissarische Leitung, die Bewerbung des bereits 1882 gebo- renen Dr. Anton Birti zu befördern. Zu diesem Zweck muss dieser den ausgefüll- ten Fragebogen über die Abstammung vorlegen, welcher mit allen Unterlagen der NSDAP-Gauleitung in Wien zur Bekanntgabe der politischen Unbedenklichkeit des Bewerbers weitergeleitet wird. Dr. Birti tritt schlussendlich diese Stelle an der akademischen Bibliothek an.28 Am 6. März 1939 werden Dr. Reich und Dr. Birti von der Arisierung von sechs Buchhandlungen und Musikalienverlagen in Leipzig in Kenntnis gesetzt, mit dem Hinweis, dass der Mitarbeiter der Abteilung IIA, SS-Standartenführer Noatzke, mit deren Leitung betraut und am 3. Dezember 1938 bereits als Treuhänder bestätigt worden war.29 Dieser Hinweis sollte den Bibliotheksdirektoren genügen, um jene Betriebe als nicht mehr jüdische Betriebe anzusehen und damit klarzustellen, „dass im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit diesen Betrieben bereits jetzt keinerlei Anlaß mehr zur Zurückhaltung gege- ben ist“.30

In der Bibliothek fand auch am 20. April 1939 um 9.30 Uhr „eine kleine inter- ne Feier zum Geburtstage unseres Führers und Reichskanzlers“ statt.31

Den einzigen Hinweis auf eine mögliche Übereignung von Möbeln und Schreibmaschinen an die Akademie finden wir innerhalb der Verwaltungsakten (1940). Aus diesen geht hervor, dass sich die kommissarische Leitung der Aka- demie bei der „Liquidation der Zentralstellen des Landes Oesterreichs“ (Mobiliarsverteilungsausschuss im Finanzministerium) um zwei Schreibma- schinen, fünf Kästen, fünf Tische und zwanzig Sessel bemühte.32 Bedauerlicher- weise erfährt man nicht, ob und wann diese Gegenstände tatsächlich an das Haus kamen, sie sind auch nicht näher beschrieben. 1941 und 1944 werden weitere Möbel aus dem Reichsbauamt (Staatsmobiliendepot) und im Auftrag der „Verwaltungsstelle der Staatstheater, Kunstanstalten und Museen Kunstverwal- tung“ leihweise angefordert.33 Diese Möbel werden jedoch nicht näher bezeich- net, lediglich als Tische, Fauteuils, Sessel, Fenstergardinen, Bank, roter Läufer; nur jene, die im Jahr 1944 entliehen werden, tragen Inventarnummern.

Im Jahr 1940 wird im Interesse der Landesverteidigung die Benützung statisti- scher Werke und von Karten an der Bibliothek gesperrt, die Einsichtnahme wird lediglich einem ganz beschränkten Leserkreis gestattet.34

Am 10. September 1940 muss die kommissarische Leitung der Akademie in Entsprechung eines Erlasses (BBV z. Zl. GK 1833-B/1940 vom 9. Sept. 1940) – „beehrt sich in Entsprechung des obigen Erlasses“ – Maßnahmen gegen jüdische Lehrer an Kunsthochschulen in Wiedervorlage bringen.35

Im November 1941 kommt es zu einem Erlass der Reichsstatthalterei Wien, Generalreferat für Kunstförderung (Z/GK 6549-PD/41 vom 12.11.1941), wel- cher Beamte, die Schuldner von Juden sind, entschulden (im Akt verschrieben zu „Entschuldigungsmassnahmen“ und korrigiert) sollte.36

In den Jahren 1940 bis 1942 werden Rundschreiben an alle deutschen Hochschulen versandt, in denen davon in Kenntnis gesetzt wird, an welchen Fakultäten Juden oder ‚Mischlingen‘ die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und als Folge davon der akademische Doktorgrad entzogen wurde.37

Trotzdem versuchen auch in den Jahren 1941 bis 1943 immer wieder ‚Mischlinge‘ an der Akademie der bildenden Künste Wien aufgenommen zu werden. Dies sind Grete Adler (Bildhauerei, 1941, Prof. Josef Müllner), Elisabeth Eisler (1941 von der Wiener Frauenakademie in die Klasse Prof. Herbert Dimmels, Malerei, aufgenom- men), Viktor Marischka (Bühnenbild, 1940 aufgenommen, möchte 1943 Studium beenden) und Erika Millet (Malerei, Prof. Herbert Dimmel, 1943). Anhand dieser Einzelbeispiele werden die Schicksale fassbar:

In zwei demütigen Briefen ersucht Grete Adler (‚Mischling 1. Grades‘) um die Aufnahme an die Akademie, erklärt, dass der Vater, der Rechtsanwalt war, bereits 1940 gestorben sei, sich nie etwas zuschulden habe kommen lassen, sich vor drei- ßig Jahren habe taufen lassen, beide Eltern Wiener seien und sie selbst das Gymnasium Albertgasse 38, Wien 8, mit gutem Erfolg besucht habe. Die Ehe der Eltern sei nach dem ‚Umbruch‘ aufgehoben worden; es werden Ahnennachweis und ein Foto vorgelegt, da auch ‚nichtjüdisches‘ Aussehen einer Aufnahme dien- lich war.

Heißt es im Oktober 1941 noch, dass die Aufnahme eines ‚Mischlings‘ im Ausmaß von zwei Prozent der Gesamthörer möglich sei und dies von der Begabung anderer ‚Mischlinge‘ abhänge, so lautet das Schreiben vom November bereits dahingehend, dass man nicht in Kenntnis des Erlasses des Reichserziehungsministeriums gewesen sei, der ein vorheriges Ansuchen an dieses Ministerium vorsähe. Prof. Josef Müllner, der die Schülerin inzwischen kennt, wird um ein Gutachten gebeten.38 Wie man später in den anderen Fällen sehen wird, haben die Professoren positiv begutachtet, doch ohne Erfolg.

Im Falle Elisabeth Eislers (‚Mischling 2. Grades‘), die bereits von der Wiener Frauenakademie übernommen wurde, legt 1941 die Studentenführerin Hermine Hauser Einspruch ein, da keine Bewilligung des Reichserziehungsministeriums vor- liege. Prof. Dimmel bescheinigt Elisabeth Eisler zwar eine entsprechende künstlerische Begabung, doch das Rektorat, welches das Gesuch weiterleitet, bemerkt dazu, „dass wir keinen besonderen Wert auf eine ausnahmsweise Bewilligung des Gesuches für den Mischling legen“ (Dr. Josch), und die Studentenführer Jost Predan und Hermine Hauser äußern sich dazu am 9.12.1941: „An einer deutschen Hochschule, besonders an Kunsthochschulen können von Seiten der Studenten- führung keine Mischlinge aufgenommen werden.“39

Viktor Marischka (‚Mischling 1. Grades‘) wurde im Herbst 1940 zum Studium des Bühnenbilds zugelassen, 1942 aber von der Studentenführung daran gehin- dert weiterzustudieren, da sein Aufenthalt an der Akademie einer Sonderbe- willigung bedurfte. Obwohl Meisterschulleiter und Rektorat die Erteilung einer Sonderbewilligung befürworteten und Marischka auf seine Tätigkeit bei der ver- botenen SA in den Jahren 1935 und 1936 sowie auf seine Wehrdienstzeit hinwies, erhielt er vom Reichsministerium keine Bewilligung zum Weiterstudium und war gezwungen, dieses abzubrechen.40

Ob dasselbe Schicksal auch den ‚Mischling 2. Grades‘ Erika Millet dann getroffen hat, ist nicht klar. Ihr Lehrer, Prof. Herbert Dimmel (Malerei), bescheinigte ihr Talent, das Rektorat bemerkte:

Die Gesuchswerberin zeigt äusserlich keinerlei Merkmale jüdischer Abstammung; in ihrem Auftreten fällt ein starkes Selbstbewusstsein auf; sie versucht über die Tatsache ihrer Abstammung hinwegzutäuschen; aus diesem Grunde legt sie auch einen gro- ßen Eifer und eine besondere Einsatzbereitschaft an den Tag. Die Schwester der Bewerberin ist an der philosophischen Fakultät der Wiener Universität als ordentliche Hörerin inskribiert, was die Gesuchswerberin eine günstige Entscheidung ihres Ansuchens erhoffen lässt.41 Im Juni 1942 hatte sich die neu ernannte Studentenführerin Hermine Hauser an den Reichserziehungsminister in Berlin gewandt, da sie der Meinung war, dass sie auch bei der Inskription von ‚Mischlingen‘ ein Mitspracherecht hätte, was das Rektorat verneinte. Der Reichsminister wandte sich an den Rektor der Akademie, dieser möge die örtlichen Studentenführer davon in Kenntnis setzen, dass sie keinerlei Mitspracherecht bei der Aufnahme von ‚Mischlingen‘ hätten.42 Der Professor – Ernst von Mandelsloh – an der Meisterschule für Kunsterziehung, in dessen Aufnahme von ‚Mischlingen‘ sich Frau Hauser ‚eingebracht‘ hatte, wand- te sich mit einer Abschrift seines Schreibens an Frau Hauser an das Rektorat:

Gerne bestätige ich auf Ihren [Frl. Hausers] Wunsch mein umseitiges Schreiben und füge noch bei, dass der Ton Ihrer Drohung, Sie würden meine Schüler in den Arbeitseinsatz ‚stecken‘, sicher gut in eine Polizeiwachstube, weniger gut aber in eine Hochschule passt. Doch scheinen Sie es ja gerade auf einen solchen Ton anzulegen, was dafür spräche, dass Ihr Sinn für Höflichkeit, wenn nicht gar Ihr Verstand durch die Erlangung zu vieler Würden gelitten hat.
Heil Hitler A. E. Mandelsloh
43

Dies führte dann dazu, dass das Rektorat 1944 nochmals daran erinnerte, was jeder Aufnahmswerber auszufüllen und zu unterschreiben hätte:

Ich erkläre, dass ich nicht Jude bin, der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehö- re und auch nicht angehört habe, auch nicht mit einem Juden verheiratet bin. Mir ist bekannt, dass nach deutschem Recht Jude derjenige ist, der von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Grosseltern abstammt.
Weiters erkläre ich, dass ich auch weder Mischling I. oder II. Grades bin, und dass daher kein Grosselternteil rassenmässig oder gar konfessionell dem jüdischen Volke angehört hat.

Diese Erklärungen mussten alle neuaufgenommenen Hörer ausfüllen und unterschreiben (mit Ausnahme des letzten Absatzes, der erst im Sommersemester 1942 beigefügt wurde.)
An der Akademie wurden – bevor ein Verbot der Mischlingsaufnahmen – Marischka und Millet aufgenommen. Frl. Eisler wurde von der Wiener Frauenakademie übernommen. Der Ahnenpass wurde bei den Neuaufgenommenen nur dann nicht verlangt, wenn durch die Vorlage von NSDAP Legitim die arische Abstammung ohnehin klar war […].
Im Falle Richter (Schule Prof. Dachauer) wurde die Vorlage des Ariernachweises vom Rektorat betrieben, da dieselbe ein jüdisches Aussehen hatte […] sie konnte aber nachweisen, dass sie arischer Abstammung ist.
Im Falle Wanatka – der von der Studentenführung aufgegriffen wurde – konnte nur festgestellt werden, dass ein jüdischer Vorfahre so weit zurückliegt, dass sie als arisch zu gelten hat.
Die Vordrucke über den Ahnennachweis mussten jedoch alle Hörer ausfüllen.
Nachdem der Prüfungsvermerk lautet: ‚Oertl. Studentenschaft […]‘ zur Ueberprüfung abgetreten worden, so dass die Studentenführung der Kanzlei keine berechtigten Vorwürfe machen kann, dass sie die Vorschriften nicht eingehalten hätte. Auch im Falle Millet befand sich dieser Nachweis bei der Studentenführung zur Ueberprüfung (Walter).44

Ab 1944 hatte sich die Kriegssituation so verschärft, dass an eine geregelte Aufnahme von Studentinnen und Studenten nicht mehr zu denken war und die Auseinandersetzungen zwischen dem Rektorat und der Studentenführung, wer nun die besseren Nazis wären, dadurch zum Erliegen kam.

Erst 1942 wurde ein Bergungskommissar (RR Dr. Berg, Wien 1, Reitschulgasse 2) vom Reichsstatthalter in Wien bestellt, es wurde mit der Bergung der Biblio- hek begonnen:

Es wurden die Kunst- und Bücherbestände in 3 Gruppen eingeteilt. Die 1. Gruppe umfassen die unersetzbaren Kunstschätze von ganz besonderem Werte. Diese Kunst- werke aus dem Bestande der Bibliothek wurden in einem Banktresor in der Rockgasse in Sicherheit gebracht. Die 2. Gruppe, welche immerhin noch sehr wert- vollen Besitz darstellt, wurde in einem gewölbten Kellerdepotraum des Akademie- gebäudes splittersicher untergebracht. Die 3. Gruppe, die Restbestände umfassen, wurde in ihrem gewöhnlichen Raume belassen.45

Im Mai 1945 beginnt dann das Tauziehen um die sogenannte Entnazifizierung, wobei die Personalakten, vor allem die der Professoren, leihweise vom geschäfts- führenden Rektor Herbert Böckl erbeten wurden, um sie an die entsprechende Stelle weiterleiten zu können.46 Offensichtlich entzündet sich die Diskussion an der Person Prof. Dr. Robert Eigenbergers, denn noch im Mai 1945 verwenden sich Regierungsrat Dr. Josch und der geschäftsführende Rektor Prof. Herbert Böckl für Eigenberger. Beide Herren ergehen sich über mehrere Seiten in einer Würdigung Eigenbergers als Fachmann und Mensch und heben neben seinen Verdiensten um die Akademie und ihre Galerie sowie die Schaffung des Instituts für Restaurierung und Technologie hervor, dass er schon fast widerständischen Charakter gezeigt hätte:

Die beiden Juden Restauratorin Gisella Bloch und der Tischler Prager wurden von ihm nach dem Nazieinmarsch nicht fallen gelassen wurden durch lange Zeit im Institut weiter verwendet und geschützt.47

Im selben Akt findet sich auch der Passus:

Seinem Eintreten für die Kollegen ist es auch zu danken, dass vom Lehrkörper nur drei Professoren enthoben wurden und zwar Prof. Hammer, der schon früher mit Erlaubnis seiner vorgesetzten Stelle nach Amerika gefahren war, ferner Prof. Dr. Holzmeister und Prof. Bechtold, die von der damals eingesetzte kommissarischen Leitung als absolut untragbar abgelehnt wurden. Alle übrigen Anträge und Anzei- gen gegen einzelne Kollegen konnten ohne böse Folgen für die Betroffenen bereinigt werden.48

Diese Behauptungen stimmen nicht: Was hätte wohl ein Lothar Wallerstein, der rechtzeitig nach Italien fliehen konnte, was hätten die anderen entfernten Professoren dazu gesagt? Viktor Hammer wollte nicht nach Amerika fahren, son- dern wurde übel als Jude diffamiert, und als er glücklicherweise eine Berufung in die USA erhielt, gutachtete Eigenberger in der bereits ausführlich zitierten Weise. Prof. Holzmeister wiederum hatte 1938 bereits einen großen Auftrag in der Türkei, der mit Sicherheit als lebensrettend anzusehen ist. Bei auch nur ansatzweise kritischer Interpretation der Akten muss man zu der Ansicht kommen, dass Prof. Eigenberger nicht ohne Weiteres als jene Person angesehen werden kann, als die man ihn zu stilisieren versucht. Seine Unersetzlichkeit lag auch begründet im Mangel an anderen Fachkräften, die man entsprechend beseitigt hatte.49 In der Folge ist dann zu zeigen, dass ganz offenbar manche ‚Illegale‘ (= Nazis) nicht so ‚illegal‘ waren wie andere, wie an der Beibehaltung von Prof. Eigenberger und an der Entfernung von Dr. Otto Reich, dem Bibliotheksdirektor, zu sehen sein wird. Und es erhebt sich die Frage: „Wie illegal muss man eigentlich sein?“

Erich Boltenstern, der angeblich 1938 nicht entlassen wurde, wird jetzt „als ein 1938 gemassregelter Lehrer“ wiedereingestellt.50 Die Enthebung Boltensterns war mit der Tatsache argumentiert worden, dass seine Frau ‚Mischling 1. Grades‘ wäre; „seinem Antrag zur Wiedereinstellung hätte man gerne entsprochen, da es sich um einen sehr tüchtigen Baukünstler und Lehrer handelt, der sich in seiner bisherigen Verwendung voll bewährt hat [sic!]51“.

Der Nazijargon bleibt unverändert erhalten, und der Ungeheuerlichkeit der Äußerungen scheint man sich in keiner Weise bewusst zu sein und bewusst sein zu wollen.52

Mit 22. Juni 1945 werden mehr oder weniger alle Professoren des Dienstes an der Akademie enthoben, was aber noch kein endgültiges Ausscheiden bedeutet: „Als entlassen und ausgeschieden sind derzeit nur die ‚Illegalen‘ das sind die Professoren Dimmel und Magnaghi und Rektor Prof. Popp anzusehen.“53

Parallel dazu – 27. Juni 1945 – geht man daran, die seinerzeit aus rein politischen Gründen aberkannten Ehrenmitgliedschaften wieder zuzuerkennen und jene, die man anlässlich der 250-Jahr-Feier der Akademie politisch opportunen Personen zuerkannt hatte, wieder abzuerkennen.54 Wäre die gesamte Angelegen- heit nicht von solcher Charakterlosigkeit getragen, müsste man ob der Naivität des Regierungsrates Dr. Josch, der natürlich ebenfalls als unentbehrlich im Amt verblieb, den humoristischen Aspekt ins Treffen führen. So schreibt Dr. Josch im Auftrag des Professorenkollegiums (welches übrigens? Dieses war ja zum Großteil im Mai 1945 einstweilen enthoben worden) an Minister a.D. Dr. Hans Pernter, dass dieser doch wieder die Ehrenmitgliedschaft annehmen möge, um den Makel der seinerzeitigen Kränkung der Aberkennung gutzumachen „und das Vorgefallene vergessen zu wollen“55. Zu guter Letzt kann Dr. Josch nicht mehr zwischen Parteizugehörigkeit und Ehrenmitgliedschaft unterscheiden.56 Wie verräterisch sich die Sprache und die erhaltenen Akten zeigen können.

Genauso unverfroren agierte man weiter, denn Rektor Böckl wollte Clemens Holzmeister für die Akademie zurückgewinnen und gab die politischen Umstände korrekt an, während es über den Juden Lothar Wallerstein heißt:

Der Honorardozent für Opernregie Dr. Lothar Wallerstein zog zur Zeit des Um- bruches freiwillig [sic!] nach Mailand und soll sich dort die Kriegszeit über aufhal- ten. Eine Erneuerung des Dienstvertrages mit demselben ist nicht so unbedingt not- wendig, weil andere gute Kräfte für diesen Lehrauftrag uns zur Verfügung stehen.57

Albert Bechtold wendet sich zur Rehabilitierung und Wiedereinsetzung in seine Professur schriftlich an das Rektorat. Man versichert ihm, das Unrecht durch Nachzahlungen auf die gebührenden Bezüge zu vergüten, setzt ihn aber gleichzeitig davon in Kenntnis, dass kein Posten für seine Wiedereinsetzung offenstünde und er darüber hinaus das 60. Lebensjahr erreicht hätte.58

Mit 24. August 1945 sind ehemalige Nationalsozialisten zu registrieren, und das Rektorat übersendet an die Meldestelle folgende Namen: Ferdinand Andri, Wilhelm Dachauer, Herbert Dimmel, Robert Eigenberger, Carl Fahringer, Josef Müllner, Alexander Popp, Karl Sterrer, Albert Magnaghi, Friedrich Teubel, Sepp Mayrhuber, Eduard Josch, Franz Rauch, Otto Reich.59

Jedenfalls wird im September 1945 der Leiter der Bibliothek des staatlichen Kunstgewerbemuseums Hofrat Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven an die Akademie der bildenden Künste Wien versetzt, um von nun an den Posten eines Bibliotheks- direktors zu bekleiden.60 Seine Einsetzung beantragte ausgerechnet – jetzt wieder – Minister Dr. Hans Pernter, dem die Ehrenmitgliedschaft an der Akademie aberkannt und dann wieder zuerkannt worden war. Hans Ankwicz-Kleehoven (1883–1962) war ein bedeutender Wissenschaftler mit einer Ausbildung, die ihresgleichen nicht so schnell fand. Aufgrund der Tatsache, dass seine Mutter Jüdin war, hatte er den Nationalsozialisten als ‚Mischling 1. Grades‘ gegolten und war 1939 als Vorstand der Bibliothek des Museums für Kunst und Industrie zwangspensioniert worden; 1945 wurde er als Bibliotheksdirektor an der Akademie der bildenden Künste wieder eingesetzt, 1950 erfolgte dann seine reguläre Pensionierung.61

Auch im Jahr 1946 hatte man so seine Schwierigkeiten mit einigen Bibliotheksbenützern, denn Rektor Böckl musste einem Professorenkollegen schreiben:

Ich bin auch der Ansicht, dass unsere Akademiebibliothek in erster Linie für die Benützung durch unsere Professoren und Hörer der A n s t a l t da ist, dass aber dieser wichtige Umstand nicht dazu verwendet werden darf, um die eigenen Atelierräume zu Privatbibliotheken auszustatten […] Da Sie der Hauptabnehmer unserer Bibliothek sind, bitte ich Sie, meinem Wunsche entsprechend sich zu verhalten.62

Am 16. April 1947 berichtet das Rektorat der Akademie der bildenden Künste lapidar über die besoldungsrechtlichen Auswirkungen des Verbotsgesetzes von 1945 § 14, 20 bzw. über die Anordnungen der Sonderkommission zur Entnazi- fizierung.63 Von den pragmatisierten Beamten wurden entlassen: Prof. Carl Fahringer, Prof. Albert Magnaghi, Prof. Alexander Popp; registrierpflichtig war Otto Reich, der zwar nicht ‚verwendet‘ werden durfte, aber bezahlt werden mus- ste (bis 1948); registrierpflichtig, aber in Verwendung nach Verbotsgesetz 1947 § 4 waren: Prof. Herbert Böckl, Prof. Robert Eigenberger und Prof. Josef Müllner.

Dieser Aufsatz erschien in den Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich. Nr. 2012-2.

Fußnoten:

1 Für diesen Artikel wurden die Verwaltungsakten des Universitätsarchivs der Akademie der bildenden Künste Wien systematisch für die Jahre 1933 bis 1948 von mir durchgesehen. Derzeit werden die entsprechenden Bestände des Österreichischen Staatsarchivs und des Wiener Stadt- und Landesarchivs nach weiteren möglichen Hinweisen konsultiert.

2 Beatrix Bastl hatte vor ihrem Dienstantritt an der Akademie der bildenden Künste Wien zehn Jahre lang das Referat Archiv mit Bibliothek und Museum sowie die Agenda Denkmalpflege der Statutarstadt Wiener Neustadt/NÖ geleitet. Ihre Vorgänger als Bibliotheksdirektoren, die bis 2003 noch mit den Agenden Handzeichnungen, Fotografien und Kupferstichkabinett (damals „Bibliothek und die mit ihr vereinigten Sammlungen“ genannt) versehen waren, sind: Dr. Robert B. Wagner, 1982–2004, Dr. Albert Massiczek, 1971–1981, Dr. Fritz Julius Miller, 1965–1970, Dr. Siegfried Freiberg, 1950–1964, Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven, 1945–1950, und Dr. Otto Reich, 1919–1945. Vgl. dazu den Artikel von Wanda Lhotsky: Ausstellungen aus den Beständen des Kupferstichkabinetts. In: Albert Massickzek (Red.): 100 Jahre Hochschulstatut, 280 Jahre Akademie der bildenden Künste in Wien [1872–1972] Wien: Rosenbaum, 1972, S. 184–186, und die entsprechenden Artikel darin von Albert Massiczek, S. 108–109, 185–186. Zur Geschichte der Bibliothek und ihrer Direktoren zwischen 1892 und 1917 vgl. Die k.k. Akademie der bildenden Künste in Wien 1892–1917. Wien: Verl. d. K.k. Akad., 1917, S. 103–106, 182–185 (mit Bibliotheksordnung und Nennung der momentanen Mitglieder des Bibliotheksgremiums).

3 Vgl. an Literatur zur Akademie unter anderem: Birgit Schwarz: Geniewahn: Hitler und die Kunst. Wien u.a.: Böhlau, 2009; Martin Bilek: Die Akademie der bildenden Künste 1967/68 bis 1991/92. Statistik der Meisterschulen und Institute. Wien 1992; Hans Seiger, Michael Lunardi, Peter Josef Populorum (Hg.): Im Reich der Kunst. Die Wiener Akademie der bildenden Künste und die faschistische Kunstpolitik. Wien: Verl. f. Gesellschaftskritik, 1990; Walter Wagner: Die Geschichte der Akademie der bildenden Künste in Wien. Wien: Rosenbaum, 1967, S. 336–341. Ich bedauere, seiner Darstellung nicht folgen zu können; sie spart politische und menschliche Hintergründe völlig aus und beginnt mit dem Satz: „Die Ereignisse des 13. März 1938 unterbrachen zwar den Unterrichtsbetrieb nur wenige Tage, raubten der Akademie aber ihr kostbarstes, allzeit hochgehaltenes Gut, nämlich die Autonomie“ (S. 336). Angesichts des tatsächlichen politischen Geschehens eine reichlich sorglose Aussage! Albert Massiczek (Red.): Akademie der bildenden Künste in Wien 1872–1972. Wien: Rosenbaum, 1972; Die Akademie der bildenden Künste in Wien im Jahre 1940. Hrsg. von der kommissarischen Leitung der Akademie der bildenden Künste Wien. Wien: Eigenvaerl. 1940; Die k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien in den Jahren 1892–1917. Hrsg. vom Professorenkollegium zum Gedächtnis des 250jährigen Bestandes der Akademie. Wien: Verl. d. K.k. Akad 1917.

4 Dr. Arthur Feldmann (Rechtsanwalt in Brünn, 1877–1941) besaß eine bedeutende Sammlung von Handzeichnungen Alter Meister. Am Tag der Besetzung Brünns (15. März 1939) wurde Dr. Feldmann gezwungen, seine Berechtigung zur Führung einer Anwaltskanzlei niederzulegen, sein Vermögen wurde eingefroren. Dr. Feldmann und seine Frau Gisela, geborene Hofmann, mussten innerhalb von zwei Stunden mit Handgepäck ihre Villa, die konfisziert wurde, verlassen und wurden in eine Ersatzwohnung gebracht. 1941 wurde Dr. Feldmann von der Gestapo gefoltert und zum Tode verurteilt. Nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte, wurde er aus der Haft entlassen und starb einige Tage später, am 16. März 1941; seine Frau wurde nach Theresienstadt deportiert, 1944 nach Auschwitz und dort ermordet. Den Söhnen des Paares, Karl und Dr. Otto Feldmann (sie starben 1956 und 1989) gelang mit ihren Familien die Flucht nach Palästina (Israel). Beschlüsse 15. Mai 2006 und 3. Oktober 2008 zur Restitution.

5 Uri Peled-Feldmann überließ mir eine Kopie dieser Erklärung von Dr. Otto Benesch, die hier im vollen Wortlaut zitiert sein möge: „Erklärung: Ich habe den Rechtsanwalt Herrn Dr. Arthur Feldmann, Brno, meiner Erinnerung nach etwa seit dem Jahre 1930 persönlich gut gekannt. Herr Dr. Feldmann besaß eine umfangreiche Sammlung von Handzeichnungen alter Meister. Er trat an mich mit dem Ersuchen heran, die wissenschaftliche Bestimmung der Handzeichnungen der Meister der ausseritalienischen Schulen in seinem Besitz vorzunehmen. Die Bestimmung der Meister der italienischen Schulen lag in der Hand von Prof. Wilhelm E. Suida, wohnhaft in New York 111-40, 76th Drive Forest Hills. Dr. Feldmann ersuchte mich ferner, ihm bei dem weiteren Ausbau seiner Sammlung als wissenschaftlicher Berater behilflich zu sein. Im Zuge dieser Tätigkeit habe ich Herrn Dr. Feldmann in seinem wohl eingerichteten und mit einer Bibliothek versehenen Hause in Brünn wiederholt besucht und die Sammlung gründlich kennengelernt. In den Photographien, die mir der Sohn Dr. Arthur Feldmanns, Herr Karl Feldmann, vorlegt, erkenne ich die Bestände der Sammlung wieder. Ich habe selbst in verschiedenen wissenschaftlichen Aufsätzen gelegentlich Zeichnungen aus der Sammlung Dr. Arthur Feldmanns veröffentlicht. Auch andere Kunsthistoriker wie Hofrat Dr. Joseph Meder, ehemaliger Direktor der Albertina, und Dr. Heinrich Leporini, ehemaliger Kustos der Albertina, haben das eine oder andere Stück der Sammlung Feldmann veröffentlicht.“ Dazu übergab mir Uri Peled-Feldmann eine Kopie der Fotografie seines Großvaters und eine Kopie der „Vermögensübersicht zumTodestage des Juden Dr. Arthur Feldmann, Brünn“. Mein Dank gilt Uri Peled-Feldmann für die Überlassung dieser Kopien und für viele weiterführende Gespräche.

6 Stefan Alker, Christina Köstner, Markus Stumpf (Hg.): Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. Göttingen 2008; Rudolf Fiedler: Das Bibliothekswesen Österreichs vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. In: Franz Unterkircher, Rudolf Fiedler, Michael Stickler: Die Bibliotheken Österreichs in Vergangenheit und Gegenwart. Wiesbaden 1980, S. 85–156; Gabriele Anderl u.a. (Hg.): … wesentlich mehr Fälle als angenommen. 10 Jahre Kommission für Provenienzforschung. Wien: Böhlau, 2009 (Schriftenreihe der Kommission für Provenienzforschung 1); Peter Malina: „Braune Erblast“ im Regal: Restitutions- und Erinnerungsforschung als bibliothekarische Aufgabe. In: Mitteilungen der VÖB 58 (2005), Nr. 4, S. 9–27; Murray G. Hall u.a. (Hg.): Geraubte Bücher. Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich ihrer NS-Vergangenheit. Wien u.a.: Böhlau, 2004; Alexandra Reininghaus (Hg.): Recollecting. Raub und Restitution. Wien: Passagen-Verl., 2009; Markus Stumpf: „Die Bibliothek ist nicht mehr vollständig.“ Ein Werkstattbericht zur Provenienzforschung und Restitution an der Universitätsbibliothek Wien. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 34 (2010), Heft 1, S. 94–99; Franz Konrad Weber: Die Rückführung der in den Jahren 1938 bis 1945 verschleppten österreichischen Buchbestände. In: Biblos 28 (1979), Heft 1, S. 26–32; Margot Werner: Die Bibliothek Arthur Schnitzler. Eine Enteignung. In: Inka Bertz, Michael Dorrmann (Hg.): Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Berlin/Frankfurt a. Main 2008, S. 202–208; Margot Werner: Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich ihrer Verantwortung gegenüber NS-Geschädigten. In: Christian Gastgeber u.a. (Hg.): Change! Zukunft gestalten. Festschrift für Johanna Rachinger. Wien: Phoibos, 2010, S. 129–138.

7 UAAbKW (= Universitätsarchiv der Akademie der bildenden Künste Wien), VA (= Verwaltungsakten) Fragebogen über das Personal 1938 (in Auszügen): „Dr. phil. Otto Mauriz Franz Reich, wohnhaft Wien 19, Saarplatz 8 Tür 10, geb. in Znaim am 22.3.1879, ev. AB bis Schönerer’s ‚Los von Rom‘ Bewegung (6.8.1899), röm. kath, Bibliotheksdirektor an der Akademie der bildenden Künste, Mitglied der NSDAP seit 17. Juni 1933 (Mitgliedbuch Nr.: 6103653), Förd. Mitglied der SS seit 1938. Gestorben Wien, 8. 11. 1958 [laut Parte auch „Direktor i. R. d. Akademie der bildenden Künste].“

8 UAAbKW, VA Nr. 360/1935.

9 UAAbKW, VA Nr. 183/1938, VA Nr. 162/1938 (Zirkular).

10 Elisabeth Klamper: Zur politischen Geschichte der Akademie der bildenden Künste 1918 bis 1948. Eine Bestandsaufnahme: In: Seiger, Lunardi, Populorum (Hg.): Im Reich der Kunst (Anm. 3), S. 5–64, hier S. 5. Zu Holzmeisters Versetzung in den Ruhestand mit der Hälfte der Pension Ende März 1939 mit dem Zusatz „Ein Rechtsmittel gegen diese Entscheidung steht Ihnen nicht zu“. Vgl. UAAbKW, VA Nr. 336/1939 (24.3.1939) [Josch/Andri].

11 UAAbKW, VA Fragebogen Personal 1938 (in Auszügen): „Dr. jur. Eduard Josch, geb. Klagenfurt 3.10.1877, röm. kath. Regierungsrat, war unterstützendes Mitglied des Kampfopferrings Bezirksgruppe Wien Nr. 156 ab Juli 1932.“

12 UAAbKW, VA Nr. 288/1938 (z. Zl. 17.255 – I/5 vom 22.7.1937 [sic!]).

13 UAAbKW, VA Nr. 267, 254/1938 (z. Zl. 8859 – I/5 vom 17.3.1938).

14 Ebd.; Unterschrift des Rektors Ferdinand Andri vom 26. März 1938 und erstellt von Dr. Josch am 30. März 1938 [sic!].

15 Zu Gregor unter anderem: UAAbKW, VA Nr. 73/1933 (Vorzahl 1184-1832): „Hofrat und Staatsbibliothekar Dr. Josef Gregor. Vorlesung aus die [sic!] Geschichte des Bühnenbaues und Geschichte des Bühnen Dekorationswesens.“

16 UAAbKW, VA 24.2.1938 Beilage zu Nr. 308/1938.

17 UAAbKW, VA Nr. 560/1938, Vorzahl 1402-1936, Amtsbericht vom 7. Mai 1938 Dr. Josch und gezeichnet durch den Rektor Ferdinand Andri am 7. Juni 1938. Felix Hermann (seit 1878) Freiherr von Oppenheimer (Wien, 20.2.1874, bis Wien, 15.11.1938) war der Sohn des Großgrundbesitzers, Unternehmers und Politikers Ludwig Freiherr von Oppenheimer (1843–1909) und der Gabriele (Yella, 1854–1943) von Todesco, der Tochter des Eduard Freiherrn von Todesco (Eigentümer der Textilfabrik Marienthal). Nach der Scheidung seiner Eltern (1883) lebte er gemeinsam mit seiner Mutter im Palais Todesco (Wien 1, Kärntner Str. 51). Felix von Oppenheimer studierte von 1892 bis 1898 Rechtswissenschaft an der Universität Wien, promovierte 1898 zum Doktor der Rechte und wurde als Soziologe und Kunstmäzen bekannt. 1900 heiratete er Marie „Mysa“ Gräfin von Demblin (Sophie Lillie: Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens. Wien: Czernin, 2003, S. 799). Im Ersten Weltkrieg leistete er Kriegsdienst, zuletzt als Oberleutnant der Reserve. Er starb an den Folgen seines Freitodversuches, den er wegen der politischen Lage unternahm, auf dem Transport ins Krankenhaus. Siehe dazu: http://agso.unigraz.at/marienthal/biografien/oppenheimer_felix_von.htm.

18 NS-Dozentenbundführer und Leiter der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien Dr. Robert Eigenberger (UAAbKW, VA Nr. 1059/1938 Vorzahl 304-1938 vom 16. und vom 18.11.1938). Eigenberger (14.2.1890, Sedlitz/Böhmen, bis 14.4.1979, Wien) hatte Kunstgeschichte an den Universi- täten Prag, München und Göttingen studiert, promovierte 1913 in Berlin und wurde 1926, als erster Nicht-nur-Künstler, zum Direktor der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien ernannt. Er reduzierte die Ausstellungsobjekte auf die qualitätsvollsten und ordnete sie nach Schulen, führte mit wissenschaftlichen Kollegen eine ganz neue Technik des Restaurierens und 1933 (1934) eine Meisterschule für Konservierung und Technologie ein. Kurzfristig 1945 des Amtes enthoben, wurde er wieder eingesetzt und verblieb als Direktor bis 1961, als Hochschullehrer sogar bis 1965. 1951/52, und 1954/55 bekleidete er das Amt des Rektors. Anders dargestellt in: Dr. Robert Eigenberger (14. Februar 1890–14. April 1979) Gedächtnisausstellung, Akademie der bildenden Künste Wien, Wien: Gemäldegalerie d. Akad. d. Bildenden Künste, 1980, S. 6, 9, 13, 14, 18. Eigenberger muss ein hervorragender Wissen- schaftler und Lehrer gewesen sein, allerdings sollte man das Aktenstudium nicht verabsäumen.

19 Der Ehemann der Tochter Hammers war Dr. Hermann Oppenheimer (1901–1977), der älteste Sohn von Felix und Mysa Oppenheimer. Lillie, Was einmal war (Anm. 17), S. 801. Der Name von Hammers Tochter scheint in verschiedenen Variationen auf: Monica Hammer, Baronin Veronica (Moni) Oppenheimer-Hammer. Aus einem handschriftlichen Brief (datiert 30.1.1942) an Dr. Thomasberger geht hervor, dass sie bereits geschieden und auf die Pension des Vaters angewiesen war. Vgl. dazu den Personalakt Viktor Hammer, AdR BmfU.

20 UAAbKW, VA Nr. 1059/1938 (Vorzahl 304-1938) und dazu Nr. 726/1939 (Vorzahl 82-1938); dem ging ein weiteres Schreiben (ich vermute, aufgrund des Wortlauts, an Eigenberger) von Viktor Hammer vom 7.8.1938 voraus, in dem er den gedruckten Stammbaum seiner Familie ein- sendet. „(Die Gerüchte, dass sowohl ich als auch meine Frau nicht arischer Abstammung seien wollen nämlich nicht verstummen und so bin ich geradezu gezwungen sie durch eine formelle Erklärung zu entkräften.)“

21 UAAbKW, VA Nr. 726/1939 und der vorangegangene Erlass über die „Berufung nicht arischer, nicht arisch versippter oder politisch unzuverlässiger österreichischer Hochschullehrer in das Ausland“, Nr. 813/1938, Vorzahl 406-1938. Zu Eigenbergers Beförderung zum ordentlichen Professor vgl. ebd. Nr. 720/1939 (12.4.1939) Vorzahl 63-1938. Zu Eigenberger ebenfalls UAAbKW, VA Fragebogen Personal 1938 (in Auszügen): „Dr. Robert Eigenberger wohnhaft Wien 4, Blechturmgasse 28, geboren in Sedlitz, Deutsch-Böhmen am 14.2.1890, röm. kath., seit 2.5.1938 ausgetreten, gottgläubig, a.o. Professor an der Akademie der bildenden Künste, seit 1934 im ND [= Bund Neudeutschland, vor allem über politischen Katholizismus] für die Partei tätig, seit 1. Juli 1936 Parteimitglied Nr. 22943/1700.“

22 http://en.wikipedia.org/wiki/Victor_Hammer.

23 UAAbKW, VA Nr. 719/1938 (19.7.1938 Rektor Wilhelm Dachauer, Sekretär Dr. Josch): „Die gra- phische Sammlung ‚A l b e r t i n a‘ hat gegen übernommene Aquarelle und Kunstwerke verschiede- ner Künstler dem Stefan Kuffner anlässlich der Liquidierung seines Vermögens Material aus der Sammlung auf dem Wege des Tausches als Kompensationsobjekte zur Auswahl vorgelegt. Da Stefan Kuffner nicht selbst die Auswahl zu treffen erklärte, stellte er die Bedingung durch einen Fachmann in objektiver Weise den Vorschlag überprüft zu sehen.“

24 Alexandra Caruso: Wien – New York und zurück. Von Arisierung und erschwerter Rückstellung. Ein Gespräch mit Alice Kantor. In: … wesentlich mehr Fälle als angenommen (Anm. 5), S. 478–496.

25 Ebd., S. 484, Anm. 14. Vgl. dazu Lillie, Was einmal war (Anm. 17), S. 168, 170, 485, 548, 629, 1335.

26 UAAbKW, VA Nr. 279/1939 (10.3.1939): „Das akademische Professoren Kollegium hat Mitte vori- gen Monates über Einladung der Bibliotheksdirektion nach Abschluss der Katalogisierungsarbeiten der akademischen Fachbücherei mit den dort angeschlossenen Sammlungen von Kupferstichen, Handzeichnungen und Photographien, die öffentlich aufliegenden Karteien mit einem erklärenden Vortrag des Bibliotheksdirektors Dr. Otto Reich in Augenschein genommen. Bei diesen Arbeiten hat sich die Bibliotheksdirektion genau an die preussischen Bibliotheksinstruktionen gehalten und diese sinngemäss für die Sonderzwecke dieser Sammlungen erweitert und ausgebaut. Durch die allen Besuchern zugänglichen Karteien ist es jedermann möglich ein gesuchtes Buch, sei es nach dem Autor sei es nach dem Inhalt und jedes Blatt der angeschlossenen Sammlungen sofort selbst zu finden. […]“ Dafür wurde Reich vom Ministerium geehrt und bekam dann auch das Ehrenkreuz für Frontkämpfer am 13.2.1940. Ebd. Nr. 144/1940.

27 UAAbKW, VA 1250/1938 (5.12.1938). Gezeichnet der Sekretär Dr. Josch und der Rektor Ferdinand Andri.

28 UAAbKW, VA 197/1939 vom 24.2.1939.

29 UAAbKW, VA Beilagen vom 6.3.1939 Dr. Josch mit videat Herr Bibliotheksdirektor Dr. Reich.

30 Ebd., Abschrift des Entscheids des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung aus Berlin, den 28. Januar 1939.

31 Das volle Programm dazu findet sich ausführlich in den Verwaltungsakten des UAAbKW Nr. 488/1939.

32 Nr. 228/1940 (11.3.1940) mit entsprechenden Beilagen.

33 UAAbKW, VA Nr. 922/1941 (20.10.1941) und Nr. 269/1945 (datiert 6.7.1944).

34 UAAbKW VA Nr. 230/1940 (21.2.1940, eingelangt 2.3.1940, videat Herr Dr. Otto Reich 8.3.1940).

35 UAAbKW VA Nr. 841/1940 (10.9.40) mit entsprechenden Beilagen auch anderer Wiener Universitätsfakultäten mit verschiedenen Vermerken. Der Titel des Erlasses lautet: „Über die am 1. März 1938 im Dienst befindlich gewesenen Hochschullehrer und Assistenzkräfte, die entfernt oder ausgeschieden sind, weil sie jüdischer Abstammung oder jüdische Mischlinge oder jüdisch versippt oder mit jüdischen Mischlingen versippt waren.“

36 UAAbKW, VA Nr. 1041/1941 (14.11.1941), Erwiderung vom 1.12.1941.

37 UAAbKW, VA Nr. 960/1941 (31.10.1941) (nur ein Beispiel unter anderen): „Würzburg, den 16.9.1941, Der Rektor der Universität Würzburg: Die nachgenannten Personen sind auf Grund des §2 des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14. Juli 1933 der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt worden. Mit Rücksicht hierauf ist ihnen der von den zuständigen Fakultäten der Universität Würzburg verlie- hene akademische Doktorgrad entzogen worden. Die Entziehung wird mit dieser Veröffentlichung wirksam. Ein Rechtsmittel ist nicht zugelassen.“ Es folgt die Aufzählung der Personen, geordnet nach rechts- und staatswissenschaftlicher, medizinischer und philosophischer Fakultät.

38 UAAbKW, VA Nr. 833/1941 (7.10.1941 bzw. 6.9.1941) und Nr. 1108/1941 (26.11.1941) mit allen Beilagen.

39 UAAbKW, VA Nr. 1044/1941 und Nr. 1091/1941.

40 UAAbKW, VA Nr. 755/1941 und Nr. 1387/1942 mit allen Beilagen.

41 UAAbKW, VA Nr. 127/1943.

42 UAAbKW, VA Nr. 622/1942.

43 UAAbKW, VA Nr. 622/1942 (11.6.1942) Beilage. Ernst August von Mandelsloh (1886 Wels, Oberösterreich – 1962 Neumarkt-Sankt Veit, Bayern). Als „Landesleiter für Bildenden Künste im Gau Oberdonau“ und „Berichtsverpflichteter“ des Heydrich’schen SS-Sicherheitsdienstes spielte Mandelsloh kunstpolitisch eine zwiespältige Rolle; er setzte sich für Sergius Pauser und Alfred Kubin ein und machte aus seinen Sympathien für den offiziell als ‚entartet‘ gebrandmarkten Expressionismus keinen Hehl. Man nimmt an, dass er wegen seiner Nähe zum NS-Regime zwi- schen 1941 und 1942 Professor für Aquarellmalerei und Kunsterziehung an der Akademie der bil- denden Künste Wien wurde.

44 Ebd., Beilage.

45 UAAbKW, VA Nr. 1398/1942 (27.12.1942 „zur Einsicht Herrn Bibliotheksdirektor Dr. Reich“).

46 UAAbKW, VA Nr. 276/1945 (17.5.1945).

47 UAAbKW, VA Nr. 265/1945.

48 UAAbKW, VA Nr. 265/1945.

49 UAAbKW, VA Nr. 385/1945 (9.7.1945). Der stellvertretende Rektor Sergius Pauser.

50 UAAbKW, VA Nr. 283/1945 (23.5.1945 Vorzahl 278-1945).

51 UAAbKW, VA Nr. 283/1945, gezeichnet der Rektor Böckl und Dr. Josch.

52 UAAbKW, VA Nr. 1086/1945. Über Eigenberger schreiben Pirchan und Boltenstern in einem Gutachten für den vorbereitenden Ausschuss zur Entnazifizierung: „Er [Eigenberger] hat sich in den letzten Jahren vor Professoren und Schülern durch laute Reden und Kritisierungen der Nazipartei antifaschistisch betätigt, wofür Zeugen zu erbringen sind. Ausserdem hat er Verbindungen mit der Widerstandsbewegung [welcher?] unterhalten. Seine politische Einstellung ist unbedingt zuverlässig. Als Dozentenbundführer hat er Professoren vor dem Eingriff der Nazis mannhaft beschützt [welche?].“

53 UAAbKW, VA Nr. 26/1945 (23.6.1945). Der Reichsstatthalter in Wien an den stellvertretenden Rektor Herbert Böckl.

54 UAAbKW, VA Nr. 349/1945.

55 UAAbKW, VA Nr. 386/1945.

56 Ebd.: „Auch die an Oberbaurat Professor Dr. e.h. Josef Hoffmann wolle aus dem gleichen Grunde der Parteizugehörigkeit aberkannt werden [Brief des Generalkulturreferenten Thomas vom 20.2.1941].“

57 UAAbKW, VA Nr. 370/1945 (28.8.1945). „Rückberufung von unter dem NS-Regime aus rassi- schen oder politischen Gründen entfernten Hochschullehrern bzw. vertraglichen Hauptschul- lehrern.“

58 UAAbKW, VA Nr. 745/1945 (5.10.1945).

59 UAAbKW, VA Nr. 452/1945 und Nr. 577/1945 (24.8.1945) sowie Nr. 115/1946 (31.1.1946). Im Zusammenhang damit kam es auch zu mehreren Rundschreiben des Ministeriums, die erläuterten, in welcher Weise die Begriffe ‚Parteianwärter‘ oder ‚Illegale‘, ‚Belastete‘ oder ‚minderbelastete Personen‘ zu verstehen seien bzw. welche Sühnefolgen dies für das Pensionsrecht hätte und dass eine Erhebung durch Fragebögen zu erfolgen habe: UAAbKW, VA Nr. 115/1946 (31.1.1946), Nr. 116/1946 (31.1.1946) und Nr. 119/1946 (31.1.1946) (mit der Vorzahl 116-1946).

60 UAAbKW, VA Nr. 452/1945 (17.9.1945), Nr. 680/1945 (20.9.1945) und Nr. 895/1945 (30.10.1945).

61 Claudia Karolyi, Alexandra Mayerhofer: Das Glück des Sammelns. Die Exlibris-Sammlung Ankwicz- Kleehoven in der ÖNB. In: Biblos. Beiträge zu Buch, Bibliothek und Schrift. Hg. von der Österreichi- schen Nationalbibliothek. Wien 1997, 46.1, S. 91–114. Zur Dotation der Bibliothek, Handzeichnungen- und Kupferstichsammlung 1947 vgl. UAAbKW, VA Lö/S.174/1947 samt allen Beilagen.

62 UAAbKW, VA 59/1946 (18.1.1946). Rektor Herbert Böckl an einen Kollegen: „Verehrter Herr Professor!“

Veröffentlicht am 22 Jan 2013

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